Ruedi Becker, Chief Business Development targens Suisse, im Interview

Ruedi Becker
Ruedi Becker ist Chief Business Development der targens Suisse SA. (Foto: zvg)

von Patrick Gunti

Moneycab.com: Herr Becker, seit Februar dieses Jahres hat die deutsche targens GmbH einen Standort in der Schweiz. Mit welcher Zielsetzung erfolgte die Expansion?

Ruedi Becker: Der Schweizer und Liechtensteiner Markt ist für uns besonders interessant, da in beiden Finanzplätzen neue Technologien höchst agil umgesetzt und dabei von der Gesetzgebung unterstützt werden. Zur Förderung von innovativen Finanzunternehmen hat die Schweiz beispielsweise die Fintech-Bewilligung geschaffen. Zusätzlich zur Anpassung des schweizerischen Bundesrechts an Entwicklungen der Technik verteilter elektronischer Register (DLT) sowie dem Token- und VT-Dienstleister-Gesetz (TVTG) in Liechtenstein verfügen beide Länder über die nötigen gesetzlichen Grundlagen, um in den Finanzplätzen Vaduz und Zug Blockchain- und DLT-Unternehmungen weiter auszubauen. Mit dem Ausbau unserer Tätigkeit in der Schweiz und in Liechtenstein haben wir die ideale Ausgangslage geschaffen, um unsere Kunden vor Ort mit Experten zu betreuen, welche mit den Geschäftsmodellen unserer Kunden und den lokalen Regulatorien bestens vertraut sind. Die bestehenden Kunden in der Schweiz bestätigen, dass die qualitativ hochstehenden Produkte und Dienstleistungen die Anforderungen im Schweizer Markt optimal abdecken.

Welche Zwischenbilanz ziehen Sie zum Jahresende hin?

Der Markt in der Schweizer und Liechtensteiner hat äusserst positiv auf unseren Ansatz reagiert, Consulting und Softwareentwicklung aus einer Hand anzubieten und Lösungen in enger Partnerschaft mit den Kunden und damit exakt auf die individuellen Bedürfnisse abgestimmt zu entwickeln. Wir kommen sehr gut damit voran, unser Angebot auch in hier zu etablieren.

Inwieweit hat Covid-19 die Entwicklung allenfalls gebremst?

Nicht gebremst, im Gegenteil. Spätestens mit der Pandemie haben viele Unternehmen erkannt, dass rein digitale Geschäftsprozesse unabdingbar sind. Daher hat die Pandemie das Bewusstsein für die Digitalisierung geschärft und deren Entwicklung stark beschleunigt. Wir bieten den Kunden Hand, dass sie die laufende digitale Transformation zeitnah und bedarfsgerecht umsetzen können.

«Spätestens mit der Pandemie haben viele Unternehmen erkannt, dass rein digitale Geschäftsprozesse unabdingbar sind.»
Ruedi Becker, Chief Business Development targens Suisse

Sie sagen, Ihre Kunden setzen dank des massgeschneiderten Produkt- und Serviceangebotes von targens die digitale Transformation um. Wie beurteilen Sie denn den Stand der Digitalisierungsprozesse bei den Finanzinstituten in der Schweiz und in Liechtenstein?

Die meisten hiesigen Finanzinstitute verfügen über recht gute, digitale Infrastrukturen. Sie spüren die disruptiven Veränderungen, die sich intern im Druck zur Effizienzsteigerung zeigt und extern in den konkreten Ansprüchen der Kunden. Und doch bleibt für viele Banken und Versicherungen die digitale Zukunft noch eine Blackbox. Sie haben bereits signifikante finanzielle und technische Aufwände betrieben, doch dabei nicht immer die gewünschten Resultate vollständig erreicht. Gleichzeitig aber wird die Wirksamkeit der Digitalisierung in den Unternehmen zunehmend zu einem wettbewerbs-differenzierenden Faktor.

Sie bieten Ihren Kunden digitale Lösungen in den Bereichen Consulting, Compliance Solutions und Digital Innovation und setzen dabei Techniken der künstlichen Intelligenz ein. Wie lässt sich der Mehrwert für Ihre Kunden umschreiben, den der Einsatz von Machine Learning, Natural Language Processing und Deep Learning bringt?

Innovative Data Analytics-Konzepte bieten die Möglichkeit, Unternehmensprozesse in Echtzeit zu optimieren, das Verhalten wichtiger Kunden vorherzusagen und Geschäftsrisiken zu erkennen, bevor Schäden eintreten können. Mit künstlicher Intelligenz können rigide Compliance-Vorschriften, konventionelle Geschäftsabläufe und konservative Arbeitsweisen überwunden und in eine dynamische neue Umgebung überführt werden. Lernende Algorithmen sind kognitive Systeme, die menschliches Denken und Handeln digital nachbilden und Erfahrungswerte weiterentwickeln können. Dabei werden äusserst schnell Informationen aufgenommen, vernetzt und verarbeitet. Zudem zieht die künstliche Intelligenz aus den relevanten Informationen innerhalb kürzester Zeit die richtigen Schlüsse, speichert diese und lernt daraus. Durch Machine Learning werden Daten intelligent miteinander verknüpft, um Zusammenhänge zu erfassen, Rückschlüsse zu ziehen und Vorhersagen zu treffen.

«Mit künstlicher Intelligenz können rigide Compliance-Vorschriften, konventionelle Geschäftsabläufe und konservative Arbeitsweisen überwunden und in eine dynamische neue Umgebung überführt werden.»

Informationen über Kunden, Märkte und Geschäftsmodelle sind für alle Firmen elementar. Entsprechend wichtig ist das Thema Data Analytics. Welche Potenziale eröffnen sich Ihren Kunden mit Ihren Data Analytics-Lösungen?

Datenanalysen durch künstliche Intelligenz machen Firmen in erster Linie effizienter. Dies eröffnet viele Kosteneinsparungen in allen Bereichen einer Unternehmung. Besonders interessant sind aber auch neue umsatzsteigernde Erkenntnisse, welche aus den Daten einer Unternehmung gewonnen werden können. Up- und Cross-Selling-Möglichkeiten und Platzierungen von neuen Produkten können durch den Einsatz von Data Analytics massiv gesteigert werden. Spannend ist auch die Vorhersage von möglichen Kundenabwanderungen aufgrund der Korrespondenz auf den verschiedenen Kanälen und dem Kundenverhalten.

Die regulatorischen Anforderungen steigen und haben einen immer stärkeren Einfluss auf Geschäftsprozesse. Können Sie uns Ihre konkreten Angebote aus dem Compliance-Bereich nennen?

Die Wirkungsweise von künstlicher Intelligenz in unseren Lösungen zeigt sich exemplarisch im Compliance-Bereich: In Themen wie Anti-Korruption, Sanktionen, Geldwäschereibekämpfung oder Datenschutz ermöglichen wir mit Einsatz von künstlicher Intelligenz eine ganzheitliche Verzahnung, eine laufende Weiterentwicklung und zugleich ein nachhaltiges Controlling. Die Compliance-Anforderungen sind in allen Branchen grosse Kostentreiber: Wir unterstützen Unternehmen dabei, Geschäftsabläufe und Prozesse den Ansprüchen der modernen Arbeitswelt anzupassen. Mit dem Ergebnis: Die Effizienz steigt, die Kosten – und damit die Total Cost of Ownership (TCO) der Compliance-Prozesse – sinken substanziell, und die Mitarbeitenden können sich auf die wirklich wichtigen und herausfordernden Themen konzentrieren.

Welche Trends im Bereich der Künstlichen Intelligenz werden Ihrer Meinung nach in den kommenden Jahren bedeutender werden?

Durch die laufende Weiterentwicklung der künstlichen Intelligenz werden auch heute noch hochqualifiziertere Arbeiten bedeutenden Veränderungen erfahren. Der technologische Fortschritt delegiert immer mehr Aufgaben an Maschinen, welche ursprünglich von Menschen erledigt wurden. In Zukunft werden sie selber „intelligente“ Entscheidungen treffen, sich selber laufend optimieren und damit Tätigkeitsfelder besetzen, die bisher als besonders anspruchsvoll und herausfordernd erachtet wurden. Im medizinischen Bereich beispielsweise übernimmt die künstliche Intelligenz künftig Aufgaben, die vormals ein Arzt erledigt hat und hilft, die richtige Therapie-Entscheidung zu fällen, indem sie aus den relevanten Informationen innerhalb kürzester Zeit die richtigen Schlüsse zieht.

Mit diesem Wissen ersetzt die Technologie Ärzte zwar nicht, ergänzt diese aber und bettet Entscheidungsgrundlagen so in eine Vielzahl von Szenarien und Parametern ein. Gute Diagnose- und Therapie-Entscheidungen werden nicht alleine von Algorithmen gefällt. Aber in enger digitaler Abstimmung. Genauso verhält es sich auch im Banking. Digitales Banking macht den Mehrwert eines persönlichen Kundengesprächs nicht wett. Aber die Auswertung des riesigen und ständig wachsenden Datenpools lässt Entscheidungen breiter abstützen. Die heutige Kundengeneration, welche mit den neuen Technologien aufwächst, erwartet dann auch eine jederzeit verfügbare, qualitativ hochwertige Beratung, welche modernste technologische Möglichkeiten nutzt und auf die Bedürfnisse der „Digital Natives“ zugeschnitten ist.

«Digitales Banking macht den Mehrwert eines persönlichen Kundengesprächs nicht wett. Aber die Auswertung des riesigen und ständig wachsenden Datenpools lässt Entscheidungen breiter abstützen.»

Welche Bereiche generieren derzeit am meisten Umsatz?

Wir sehen bisher ähnliche Umsatzentwicklungen über unsere gesamte Service- und Produkte-Palette hinweg und in allen Kundensegmenten. Gleichzeitig aber erkennen wir enormes Potenzial im schnell wachsenden Markt für Anwendungen mit Blockchain.

Welche Auswirkungen hat die Blockchain-Technologie auf den Finanzsektor und was für Projekte konnte targens bereits durchführen?

Wir durften bisher viele Blockchain-Projekte für zahlreiche Banken durchführen und haben mit DLT2Pay ein interessantes Produkt entwickelt. Mit dieser Lösung verbinden Banken ihre etablierten Zahlungsverkehrssysteme wie SIC, SEPA oder SWIFT mit den Blockchain- und DLT-Netzwerken in real-time. Somit legen wir mit unserem Angebot die Basis für ein funktionierendes Ökosystem zwischen Banken und Marktteilnehmern wie Tokenizer, Custody oder Broker im Geschäft mit digitalen Assets.

Für welche Branchen über den Finanzsektor hinaus ist das targens-Angebot interessant?

Unsere Lösungen und der Einsatz von Machine Learning-Systemen haben für alle Unternehmen auch abseits der Finanzbranche grosses Potential. Den wohl häufigsten, direkten Berührungspunkt mit Anwendungen der künstlichen Intelligenz haben Kunden branchenübergreifend meist in Form von Chatbots. Tools für Sprach- und Texterkennung wie Natural Language Processing (NLP), Automatic Speech Recognition (ASR) und Natural Language Understanding (NLU) sind beliebt. Sie verstehen die menschliche Umgangssprache, erkennen semantische Zusammenhänge und können Rückschlüsse aus den gesammelten Informationen ziehen. Darüber hinaus bieten sie auch die Möglichkeiten von Social-Media- und Sentiment-Analysen. Die Prüfung von Texten unter Berücksichtigung zusätzlicher Datenquellen lassen Stimmungsschwankungen innerhalb einer Zielgruppe erkennen. So können Kundenberater frühzeitig auf die Bedürfnisse ihrer Kundschaft reagieren oder auch potentielle Neukundinnen und Neukunden gezielter ansprechen. Ist die Skepsis gegenüber künstlicher Intelligenz einmal überwunden, können die Algorithmen Unternehmen zu reichhaltigen Kosteneinsparungen, mehr Sicherheit und optimierten Arbeitsprozessen verhelfen. Die vorgeschriebene Transparenz und Nachvollziehbarkeit der Technologie werden problemlos sichergestellt. Künstliche Intelligenz macht alle Prozesse jederzeit nachvollziehbar.

Herr Becker, besten Dank für das Interview.

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