Thomas Flatt, Präsident swissICT, im Video-Interview

Thomas Flatt, Präsident swissICT, im Video-Interview
Thomas Flatt, Präsident swissICT (Bild: Helmuth Fuchs)

Von Helmuth Fuchs

Im Interview nimmt Thomas Flatt, Präsident swissICT, zu folgenden Fragen Stellung

  • Die Coronakrise hat die Digitalisierung in verschiedenen Bereichen beschleunigt. Wie sieht die Situation generell in der Schweizer ICT-Szene aus?

„Beispiele, die ich persönlich kenne sind netcetera oder die Blindflug Studios., die haben ihre Entwicklungsumgebungen und Prozesse schon vorher automatisiert, sind remote work gewohnt. In dem Sinn war es kein Problem während des Lockdowns trotzdem für die Kunden weiter zu arbeiten.“

„Das Problem für mich war weniger die technische Herausforderung, die Arbeitsprozesse am Leben zu erhalten, sondern viel mehr der psychologische Effekt, dass man nicht mehr so arbeiten konnte, wie man es gewohnt war. Die Leute wollten zum Teil zurück ins Büro, weil ihnen die sozialen Interaktionen gefehlt haben, oder weil sie sich zuhause nicht wohl gefühlt haben.“

  • ICTswitzerland und digitalswitzerland haben gerade fusioniert. Welche strategischen Zukunftsoptionen sehen Sie für swissICT?

„digitalswitzerland ist eigentlich eine Standortinitiative und ICTswitzerland, deren Mitgründer swissICT ist, ist ein Dachverband, in dem wir versucht haben, die verschiedenen Verbände ein wenig unter einen Hut zu bringen. Die grosse Herausforderung wird sein, dass wir seitens digitalswitzerland diese branchenübergreifende Haltung und seitens ICTswitzerland die Rolle als Dachverband erhalten können.

„Für swissICT ist das eine positive Bewegung. Wir blieben nach wie vor einer der drei grossen ICT-Verbände, die sich um die bekannten Themen „Werkplatz Schweiz“, „Wirtschaft im KMU-Umfeld“ und „Anwenderthemen in der Schweiz“ kümmern.“

  • Das politische Lobbying für ICT-Themen ist eher bescheiden. Woran liegt es und wie soll sich das in Zukunft entwickeln?

„Die Frage ist, muss sich das überhaupt in die gleiche Richtung entwicklen, wie wir das bei einem Pharmaverband oder Bauernverband sehen. Meine Antwort ist: Eigentlich nein.“

„Die Branche, sei das via swissICT, via ICTswitzerland oder digitalswitzerland, hat Anliegen vertreten, die sich an die Schweiz als Ganzes richten. Wir wollen gute Bildung, gute Infrastruktur, alles Dinge, dich nicht im Wettbewerb stehen mit Anliegen von anderen Verbänden. Wir vertreten also eigentlich kein Partikularinteresse.“

„Wir haben aktuell allerdings ein Thema, das durchaus auf die politische Agenda gekommen ist: Wir wollen eine weitere digitale Infrastruktur in der Schweiz einführen, die digitale Identität des Bürgers, eine Basisinfrastruktur, die wir für viele andere Dinge brauchen.“

  • Die Coronakrise hat im Bundesamt für Gesundheit einen teilweise beschämend tiefen technischen Stand aufgezeigt. Woran fehlt es in den Bundesbetrieben?

„Was ich immer wieder beobachte ist, dass die Digitalisierung im Gesundheitswesen insgesamt viel langsamer fortschreitet, als wir uns das wünschen würden. Ein schönes Beispiel ist das elektronische Patientendossier, das mindestens seit zehn Jahren bereits auf der Agenda ist. Einer der Gründe ist, weil wir keine Infrastruktur haben, um die Patienten sicher und vertrauenswürdig zu identifizieren.

  • swissICT hat sich in den letzten Jahren gewandelt. Wo stehen Sie im Veränderungsprozess, welche wichtigen Projekte stehen noch an?

„Vom Verhalten her sind wir in den letzten Jahren unternehmerischer geworden, wir haben versucht, Dinge zusammen mit Dritten zu machen, das hat auch zu diesen Strukturen geführt, indem wir einzelne Themen ausgelagert haben.“

„Ein solches Beispiel ist auch der Digital Economy Award. Den haben wir bewusst so aufgesetzt, dass es ein nationales Thema sein wird und nicht einfach nur ein swissICT Thema. Deshalb auch das neue Branding. Der Digital Economy Award wird in Zukunft unter anderen zusammen mit dem neuen digitalswitzerland durchgeführt.“

  • Im letzten Jahr gab es bei swissICT ein Defizit von 700’000 CHF. Wie steht es um die finanzielle Situation von swissICT, wie um die Entwicklung auf der Mitgliederseite? 

„Sowohl finanziell als auch bezüglich Mitgliederzahlen sind wir gesund und stabil, mit einem leichten Wachstum. Die 700’000 Franken sind nicht Folge einer Umstrukturierung, sondern von unternehmerischer Tätigkeit. Wir sind finanziell noch nicht dort mit unseren Tochterunternehmen, wo wir uns das gewünscht haben. Aber das war ein bewusster Entscheid, der auch von all unseren Mitgliedern mitgetragen wurde.“

„Was bringt ein Verein, der einfach ein Vermögen vor sich hinschiebt und nichts tut? Wir haben etwas getan, das ist mit einem gewissen Risiko verbunden, die Früchte können wir hoffentlich in Zukunft ernten.“

  • Sowohl bei ICTswitzerland als auch bei swissICT muss man Frauen im Vorstand mit der Lupe suchen. Was muss geändert werden?  

„Frauen werden gerne in den Vorstand gewählt. Die Frage ist, finden wir die Frauen, die motiviert sind und auch die entsprechenden Voraussetzungen mitbringen.“

  • Sie sind seit 2001 im Vorstand von swissICT. Welche Projekte oder Ideen möchten Sie unbedingt noch umsetzen? 

„Ich möchte eigentlich nicht spezielle neue Themen umsetzen, sondern ich möchte gerne die Dinge, die am laufen sind, wir sprechen hier von Zehnjahres-Themen, erfolgreich zum Abschluss bringen.“

„Die Einigung der ICT-Branche, insbesondere im Bereich der Verbandslandschaft ist immer noch nicht dort, wo sie sein könnte. Das ist für mich das grösste Ziel, dass wir enger zusammenrücken können.“

„Wir müssen an einen Punkt kommen, wo die Branche die Verantwortung für die Bildung des Nachwuchses übernimmt.

„Wir müssen den jungen Talenten eine Zukunftsperspektive bieten, die bis zur Pensionierung dauert. Im Moment sind wir dazu nicht in der Lage. Wir werden nur dann das Fachkräfte-Thema wirklich lösen können, wenn es attraktiv ist, diesen Beruf zu erlernen, diesen Beruf zu studieren, sich weiter zu bilden und auch einen Job zu behalten.

  • Zum Schluss des Interviews haben Sie zwei Wünsche frei. Wie sehen die aus? 

„Mein erster grosser Wunsch ist, dass möglichst bald das Referendum gegen das eID-Gesetz (elektronische Identität) zur Abstimmung kommt und dass selbstverständlich dieses Gesetz mit einem grossen Mehr angenommen wird. Das wäre für mich ein Zeichen, dass sowohl die Politik, wie die Wirtschaft und die Bürger verstanden haben, wie wertvoll eine solche digitale Infrastruktur ist.“

„Mein zweiter grosser Wunsch ist, dass wir die Coronakrise in den Griff bekommen, sei es mit Medikamenten oder Impfstoffen, damit unsere Kinder endlich wieder feiern dürfen und wir wieder in die Ferien dürfen.“

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