Urs Kessler, CEO Jungfraubahn Holding AG, im Interview

Urs Kessler
Urs Kessler, CEO Jungfraubahn Holding AG. (Foto: zvg)

von Bob Buchheit

Moneycab.com: Herr Kessler, im Gegensatz zur letzten Wintersaison kam der Schnee diesmal spät. Holen Sie jetzt alles auf?

Urs Kessler: Der Schnee kam sogar sehr früh. Bereits im November konnten wir Teilgebiete in der Jungfrau Ski Region öffnen. Seither waren zahlreiche Bahnen und Pisten, inklusive der Talpisten und des Freestyle Parks Oberjoch im Gebiet Grindelwald/First geöffnet und bestens präpariert. Der jetzige Schnee kommt nun gerade richtig für die Sportferienzeit.

Die Lauberhornrennen, Super-G, Abfahrt und Slalom, haben 58’000 Personen live am Pistenrand bestaunt. Wie wird die Show im Ausland vermarktet?

Die Jungfraubahnen erbringen viele Leistungen für die Lauberhornrennen, in erster Linie den ganzen Gütertransport sowie die Transporte der Gäste und der Skisportteams. Durch die TV-Bilder und unsere Werbung – zum Beispiel bei der Durchfahrt unter der Brücke der Wengernalpbahn – verstärkt sich noch die ohnehin schon starke Marke Jungfrau – Top of Europe.

Hält jetzt, wo für Chinesen bald Einreiseeinschränkungen gelten, das Marketing der Jungfrau-Region verstärkt nach Touristen aus den Nachbarländern des Reichs der Mitte Ausschau?

In der Schweiz gelten noch keine Einreisebeschränkungen für Gäste aus China. Wir haben bereits jetzt chinesische Gäste und Buchungen von chinesischen Gästen. Man darf nicht vergessen, dass rund fünf Millionen Chinesinnen und Chinesen in Europa wohnen. Was China betrifft, rechnen die Jungfraubahnen aufgrund fehlender Kapazitäten für Visa und Flugverbindungen frühestens ab März 2023 mit mehr Gästen.

Die Jungfraubahnen sind breit aufgestellt. Die guten Frequenzen im Jahr 2022 beruhen darauf, dass sich einige internationale Märkte, die wir auch schon seit Jahrzehnten bearbeiten, bereits letztes Jahr erholt haben. Das trifft auf Südostasien zu, aber auch auf Südkorea, Indien sowie die USA. Es war ein richtiger Steigerungslauf der Frequenzen von Monat zu Monat. Im Dezember 2022 erreichten wir das Vorkrisenniveau.

«Wir haben bereits jetzt chinesische Gäste und Buchungen von chinesischen Gästen. Man darf nicht vergessen, dass rund fünf Millionen Chinesinnen und Chinesen in Europa wohnen.»
Urs Kessler, CEO Jungfraubahn Holding AG

Sitzt bei der asiatischen Klientel das Geld lockerer als in früheren Jahren, mit anderen Worten, hat sich deren Kaufkraft weiter verbessert?

Sie ist ähnlich hoch wie vor Corona. Das Grundbedürfnis für Reisen nach Europa und in die Schweiz ist sehr hoch.

Sie hatten schon vor Jahren als erster in der Schweiz Leute aus Indien, China und Japan angestellt, um asiatische Gäste zu locken. Bleibt das der Königsweg?

Die seit Jahrzehnten bewährte Strategie auf den asiatischen Märkten werden die Jungfraubahnen beibehalten. Mitten in der Finanz- und Wirtschaftskrise in Asien von 1997/1998 haben wir unser Vertreternetz in Asien aufgebaut und neue Regeln auf den Märkten eingeführt. Mit diesen sind wir in regelmässigem Kontakt, das war auch während den Corona-Jahren wichtig. Wir können dabei auf die lang etablierten Kanäle zählen.

Was durch die Pandemie beschleunigt wurde, ist die Verlagerung vom Gruppen- auf das FIT-Geschäft (Free Independent Traveller, A.d.R.). Die damit verbundenen Bedürfnisse nach mehr Komfort, schnellem Reisen und geordneten Abläufen können gerade dank der V-Bahn beim Eiger Express, der neuen Umsteigesituation im Grindelwald Terminal, mit direktem öV-Anschluss, sowie am Eigergletscher erfüllt werden.

Die Schweizer Konjunkturforscher vom KOF erwarten, dass der internationale Reiseverkehr im neuen Jahr zunehmen und gegen neun Zehntel der Vorkrisenjahre erreichen wird. Wie wird sich das bei Ihnen an der Jungfrau niederschlagen?

Die internationalen Marktbesuche gegen Ende 2022 stimmen mich zuversichtlich und bestätigen die KOF-Prognosen zu den Fernmärkten: Der internationale Reiseverkehr dürfte auch im neuen Jahr zunehmen und gegen 90 Prozent der Vorkrisenjahre erreichen. Prognosen machen wir keine.

«Den grossen Teil des Umsatzes unserer Erlebnisberge erarbeiten wird im Sommer mit bedeutend kleinerem Betriebsaufwand.»

Bei den Erlebnisbergen (Harder, First, Lauterbrunnen-Mürren) ging es steil bergauf. Die Harderbahn konnte sogar mit einer Frequenzsteigerung von 80,7 Prozent das beste Ergebnis in der Geschichte erzielen. Wieviel «Sommerumsatz» könnten die Erlebnisberge beisteuern?

Die Abrechnung folgt anfangs April mit der Veröffentlichung der Geschäftszahlen für das 2022. Den grossen Teil des Umsatzes erarbeiten wird im Sommer mit bedeutend kleinerem Betriebsaufwand.

Unter dem Strich resultierte im ersten Semester des noch laufenden Geschäftsjahres ein Reingewinn von 15,3 Millionen. Im Vorjahr stand noch ein Verlust von 9,8 Millionen zu Buche. Nach den gigantischen Investitionen der letzten Jahre stellt sich die Frage der Zielgrössen. Wie sähe das denn beim Jahresreingewinn in der besten aller Welten aus?

Die finanziellen Kennzahlen werden wir am 5. April 2023 veröffentlichen.

Mit der V-Bahn kann im Winter vermehrt ein Besuch auf dem Jungfraujoch mit Skifahren verbunden werden. Wie rege wird diese Höhensprungkombi genutzt?

Wir hatten die letzten Jahre immer ein Angebot mit einem Anschlussticket zum Skipass, ab drei Tagen. Das wird gerade von den Schweizerinnen und Schweizern gerne genutzt. Während der Pandemie haben wir uns rasch den veränderten Marktbedürfnissen angepasst und neue Produkte wie den Corona Pass erfolgreich eingeführt.

Wegen steigender Energiepreise musste der Vorverkaufspreis für den Top4-Skipass von 777 Franken auf 850 Franken erhöht werden. Gibt es da irgendwo eine Schmerzgrenze?

Den Top4-Skipass der vier grössten Wintersportgebiete im Kanton Bern gibt es nun seit der Saison 2017/2018. Die Preiserhöhungen betreffen einzig den Vorverkaufspreis für Erwachsene. Kinder und Jugendliche bleiben gleich. Man vergisst im Übrigen schnell, dass der Skisportpass allein für die Jungfrau Ski Region früher 920 Franken gekostet hat.

One thought on “Urs Kessler, CEO Jungfraubahn Holding AG, im Interview

  1. Spannend. Während der Coronakrise hat man 100 Leute entlassen und Geld von der öffentlichen Hand erhalten. Jetzt da mit Reingewinnen auf gut Wetter zu machen erscheint mir zynisch. Alles nachzulesen in der lokalen Presse. Und neben dem Juwel Eiger Express gibt es viel Handlungsbedarf: Der Skilift, der die beiden Skigebiete Kleine Scheidegg – Männlichen verbindet stammt von 1966. Die Firstbahn ist ebenfalls über 30 Jahre alt und dazu gesellen sich weitere «rüstige» Transportbahnen, die zwar ohne Fehl und Tadel funktionieren, aber weit weg sind von «State of the Art». Das ist nur meine, bescheidene Meinung.

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