Yvonne Schärli, Präsidentin Eidg. Kommission für Frauenfragen, im Interview

Yvonne Schärli

Yvonne Schärli, Präsidentin Eidg. Kommission für Frauenfragen. (Foto: zvg)

von Patrick Gunti

Moneycab.com: Frau Schärli, die Eidgenössische Kommission für Frauenfragen EKF fordert die Einführung eines gesetzlich geregelten und bezahlten, mindestens 24-wöchigen Elternurlaubs, einer sogenannten «Elternzeit». Wie soll diese ausgestaltet werden?

Yvonne Schärli: Wir schlagen einen Elternurlaub von mindestens 24 Wochen vor, bei dem ein Anteil verbindlich für Väter reserviert sein soll. Für Mütter beginnt der Anspruch nach dem geburtsbezogenen 14-wöchigen Mutterschaftsurlaub, für Väter nach einem allfälligen ebenfalls unmittelbar geburtsbezogenen Vaterschaftsurlaub. Dieser Elternurlaub soll während der ersten 12 Monate nach der Geburt eines Kindes bezogen werden können. Eltern sollen eine Einkommensersatzrente von 80% mit einem Plafond von CHF 196.- pro Tag über die Erwerbsersatzordnung erhalten, wie dies heute etwa bei Dienstleistenden der Fall ist.

Wie wichtig ist die Flexibilität der Lösung?

Eltern haben je nach Familiensituation und Arbeitstätigkeit unterschiedliche Bedürfnisse. Auch die betriebliche Situation kann sehr unterschiedlich sein. Deshalb ist es wichtig, dass die Elternzeit flexibel praktiziert wird: Der Bezug soll in Tagen, in Wochen bzw. Monaten oder auch durch eine Anpassung des Arbeitspensums (Arbeitszeitreduktion) erfolgen können. Es ist wichtig, dass der erwerbstätige Elternteil und der jeweilige Arbeitgebende die Modalitäten des Bezugs miteinander verbindlich abmachen können.

Die Gründe, die für eine Elternzeit sprechen sind vielfältig. Welchen Einfluss hat sie bezüglich einer ausgewogenen Aufgabenverteilung in der Familie?

Viele junge Paare möchten heute auch bei Elternschaft eine faire Arbeitsteilung miteinander aushandeln. Die Frauen sind gut ausgebildet und wollen als Mütter weiterhin erwerbstätig sein. Die Väter wollen vermehrt in der Familie präsent sein und Betreuungsverantwortung übernehmen. Der Bewusstseinswandel ist also da. Jetzt gilt es, die entsprechenden Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Rollenstereotype tatsächlich durchbrochen werden und es nicht beim Wunschdenken bleibt.

Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen, dass ein Elternurlaub dazu beiträgt, dass Mütter eher im Erwerbsleben bleiben können. Auch dem Fachkräftemangel lässt sich entgegenwirken. Allerdings sind die Elternzeiten in Ländern wie Schweden oder Island viel länger. Lässt sich mit einer 24-Wochen-Lösung wirklich eine nachhaltige Wirkung erzielen?

In der Schweiz geben Frauen noch häufig ihre Berufstätigkeit aus familiären Gründen auf oder reduzieren sie auf ein minimales Teilzeitpensum, was eine ganze Reihe von nachteiligen Folgen hat. Es ist wichtig, dass beide Geschlechter – auch nach der Geburt eines Kindes – ihre Erwerbsbiografien fortsetzen und entwickeln.

«Es gilt, Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Rollenstereotype tatsächlich durchbrochen werden und es nicht beim Wunschdenken bleibt.»
Yvonne Schärli, Präsidentin Eidg. Kommission für Frauenfragen

Der 14-wöchige Mutterschaftsurlaub wird in der EKF-Forderung nicht tangiert. Wieso sollen Männer nicht einen Teil davon beziehen können?

Die Mutterschaftsentschädigung ist eine Entschädigung, die im Anschluss an die Geburt erfolgt und damit primär dem mütterlichen Gesundheitsschutz dient. Gemäss den internationalen Standards, denen auch die Schweiz verpflichtet ist, ist der 14-wöchige Mutterschaftsurlaub das gesetzliche Minimum. Väter sollten parallel dazu einen eigenständigen geburtsbezogenen Vaterschaftsurlaub erhalten und anschliessend ebenso wie Mütter Anspruch auf den elternschaftsbezogenen Elternurlaub haben.

Welche Wirkung erhoffen Sie sich durch die Elternzeit auf die Attraktivität des Wirtschaftsstandortes Schweiz?

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist heute ein wichtiger Standortfaktor. Immer mehr Berufstätige suchen gezielt einen Arbeitsplatz, bei dem sie Familie und Beruf vereinbaren können. Die Schweiz fällt hier im Vergleich mit anderen europäischen Ländern deutlich ab. Bessere Möglichkeiten, Elternschaft mit dem Erwerbsleben zu verbinden, führen zu erhöhter Motivation der Arbeitnehmenden und zu geringerer Personalfluktuation. Dies kommt dem Wirtschaftsstandort Schweiz zu Gute.

«Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist heute ein wichtiger Standortfaktor.»

Eltern sollen eine Einkommensersatzrente von 80% mit einem Plafond von CHF 196.- pro Tag über die Erwerbsersatzordnung erhalten. Hat die EKF berechnet, von welchen jährlichen Kosten auszugehen wäre?

Solche Kostenschätzungen hat die Eidgenössische Kommission für Familienfragen EKFF in ihrem Bericht „Elternzeit – Elterngeld. Ein Modellvorschlag der EKFF für die Schweiz“ von 2010 vorgenommen. Auf der Basis von 2009 berechnet, kostet eine Elternzeit gemäss dem EKFF-Modell (24-Wochen) zwischen 1.1 und 1.2 Mrd Franken. Je nachdem, wie stark die Väter die Elternzeit beanspruchen, liegen die bezahlten Leistungen höher oder tiefer. Zentral dabei ist, dass nicht nur einseitig über die möglichen Kosten eines Elternurlaubs diskutiert wird, sondern vor allem auch der Nutzen für die Gesellschaft und die Wirtschaft in den Fokus rückt.

In einem Positionspapier aus dem Jahre 2011 hat die EKF die 24 Wochen als absolutes Minimum bezeichnet. Gegenüber zahlreichen europäischen Ländern handelt es sich beim aktuellen Vorschlag denn auch um eine Minimallösung. Ist diese der politischen Mehrheitsfähigkeit geschuldet?

Selbstverständlich ist die EKF offen für weitergehende und andere Vorschläge; es geht darum, am Ende des politischen Prozesses eine mehrheitsfähige Lösung zu haben. Dazu braucht es die Zusammenarbeit und Verständigung aller relevanten Kreise.

Wie beurteilen Sie die Chancen Ihrer Forderung auf politischer Ebene, auch in Anbetracht der veränderten Stärkeverhältnisse nach den Parlamentswahlen? Gerade hat der Nationalrat den Vaterschaftsurlaub bachab geschickt und beschlossen, die Änderung des Gleichstellungsgesetzes aus der Legislaturplanung 2015-2019 zu streichen…

Tatsache ist, dass nach wie vor Lohnunterschiede bestehen, die diskriminierend sind. Es ist ein Armutszeugnis für unser Land, dass wir hier trotz Gleichstellungsartikel in der Bundesverfassung und dem Gleichstellungsgesetz nicht weiter sind. Die EKF wird sich deshalb auch weiterhin für wirksame Massnahmen zur Lohngleichheit einsetzen.

«Gleichstellungs- und familienpolitische Anliegen haben in der Schweiz seit jeher einen schweren Stand.»

Auf gesellschaftlicher Ebene scheint der Paradigmenwechsel längst stattgefunden zu haben. Viele Mütter wollen den Anschluss im Berufsleben nicht verlieren, viele Männer mehr als «nur» die Ernährerrolle übernehmen. Wieso hinkt die Familienpolitik hier dermassen hinterher?

Gleichstellungs- und familienpolitische Anliegen haben in der Schweiz seit jeher einen schweren Stand. Davon darf man sich aber nicht entmutigen lassen. Jede Verbesserung war ein jahrzehntelanger Kampf. Deshalb ist es der EKF ein zentrales Anliegen, im Dialog mit allen interessierten Kreisen eine gemeinsame Lösung zu erarbeiten.

Gehen Sie in Anbetracht der Diskrepanz zwischen Politik und Gesetzgebung auf der einen und dem Alltag von Müttern und Vätern auf der anderen Seite davon aus, dass die Frage über eine Elternzeit letztlich an der Urne entschieden wird?

Ganz sicher braucht es den verstärkten Druck und das Engagement der Zivilgesellschaft sowie der Frauen-, Familien- und Männerorganisationen, damit der Elternurlaub auch in der Schweiz Wirklichkeit wird.

Frau Schärli, besten Dank für das Interview.

Zur Person:

Yvonne Schärli-Gerig (64), verheiratet, drei Kinder, zwei Enkel

12 Jahre Kantonsrat Luzern, Präsidentin dieses Rates und mehrere Jahre Fraktionspräsidentin der SP
12 Jahre Regierungsrätin des Kantons Luzern /Justiz und Sicherheit
7 Jahre Gemeinderätin (Exekutive) der Gemeinde Ebikon

Eidgenössische Kommission für Frauenfragen

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