Kunsthaus Zürich zeigt «Stunde Null. Kunst von 1933 bis 1955»

Kunsthaus Zürich zeigt «Stunde Null. Kunst von 1933 bis 1955»
Otto Baumberger, Masse (Ausschnitt). (Bild: Kunsthaus Zürich)

Zürich – Vom 7. Juni bis zum 22. September 2019 widmet sich das Kunsthaus Zürich der Frage nach der Entwicklung der Kunst zwischen dem Schicksalsjahr 1933 und dem Jahr 1955. Wie haben Künstlerinnen und Künstler auf die massiven Zäsuren von Faschismus und Zweitem Weltkrieg reagiert? Und wie fanden sie nach dem Zweiten Weltkrieg neue Wege, der Existenz – und der Existenz der Kunst selber – Gestalt zu verleihen?

Antworten auf diese Fragen bietet die Kunsthaus-Sammlung, die in einer thematischen Präsentation von rund 70 Werken viele seit Jahrzehnten nicht gezeigte Gemälde und Skulpturen ans Licht holt. Das Kunstschaffen dieser Jahre ist geprägt durch starke Veränderungen und massive Kontraste. Nach den Kriegsjahren – die in der «Stunde Null» bei Kriegsende gipfelten – wird im Jahr-zehnt nach 1945 der Schritt von der Auseinandersetzung mit den tiefgreifenden Folgen des Krieges zur Erschaffung einer neuen künstlerischen Sprache vollzogen, mit der eine neue Freiheit des Ausdrucks einhergeht.

Frappierende Kontraste – innerhalb und ausserhalb der Schweiz
Besonders schön zu fassen sind die Kontraste in der Malerei der Zeit von 1933 bis zum Kriegsende. Was die Schweiz betrifft, ist zum einen die traditionelle Kunst gegenständlicher Prägung etwa von Hermann Huber zu nennen. Begleitet werden diese Werke von einer ebenfalls gegenständlichen Schweizer Malerei, die für eine modernere Auffassung steht – erwähnt seien hier Max Gubler und Varlin. Daneben stechen die stärker international vernetzten Positionen hervor: Unter ihnen standen Künstler wie Serge Brignoni, Otto Tschumi dem Surrealismus nahe, während andere wie Max Bill, Fritz Glarner oder Sophie Taeuber-Arp ungegenständliche Herangehensweisen vertraten. Zum nationalen Kunstschaffen stossen massgebende internationale Positionen: Werke von Salvador Dalí, Pablo Picasso, Fernand Léger, Oskar Kokoschka oder Paul Klee. Sie vertreten wichtige Facetten der Moderne zwischen Surrealismus und Figuration, während etwa František Kupka und Georges Vantongerloo die Abstraktion repräsentieren.

Nach dem Krieg wird die ungegenständliche Kunst zum führenden Idiom: Was Positionen aus der Schweiz angeht, stehen dafür, abgesehen von den bereits etablierten Zürcher Konkreten, namentlich Wilfrid Moser und Hugo Weber. International manifestieren sich einerseits das europäische Informel mit Wols, Nicolas de Staël, Georges Mathieu und Maria Vieira da Silva, und andererseits die nordamerikanische Abstraktion eines Jackson Pollock oder Jean-Paul Riopelle. Ihnen allen gegenüber stehen Jean Dubuffet und Alberto Giacometti für die andauernde Präsenz beziehungsweise Wiederaufnahme der figürlichen Tradition mit veränderten Vorzeichen. In der Skulptur dominiert die Arbeit an der menschlichen Figur (Germaine Richier, Marino Marini, Alberto Giacometti), doch fehlen auch abstrakte Positionen nicht (Alexander Calder, Antoine Pevsner). Später tritt mit dem aufkommenden Nouveau Réalisme eines Jean Tinguely der neue Ding-Charakter des Kunstwerks zu Tage.

Vom Reduit zum all over
Auch inhaltlich sind die Unterschiede riesig. In den 1930er-Jahren finden sich Werke mit dezidiert politisch-sozialkritischem Hintergrund (Otto Baumbergers «Masse» von 1936), und andere, in denen die sich verschlechternde weltpolitische Lage spürbar wird. Kontrastierend dazu Fernand Légers vitalistische, in den USA entstandene Komposition «Fleur jaune». Schweizer Reduit-Idyllen repräsentieren eine mental und künstlerisch andere Welt, so etwa Hermann Hubers berührendes, Geborgenheit zelebrierendes Bild «Vorlesende und Knabe» von 1940/41, oder Jakob Ritzmanns Beschwörung eines Schrebergartenhäuschens: eine bescheidene Energiezelle inmitten des bangen Alltags der vom Toben des Weltkriegs umgebenen Schweiz. Nach dem Krieg verarbeiten im Figürlichen Dubuffet und Alberto Giacometti, im abstrakten Informel de Staël, in ihren Werken die massive Zäsur, die jener mit sich gebracht hat. Später lichtet sich das Bild, leuchtende abstrakte Strukturen wie in Bildern von Vieira da Silva in Frankreich oder Riopelle in Nordamerika verkünden eine neue, energetisierte Weltschau durch Farbe.

Innovative Präsenz von Künstlerinnen
Eindrucksvoll ist die innovative Präsenz von Künstlerinnen: Werke wie Sophie Taeuber-Arps abstrakte Formfindung «Douze espaces» von 1939, Germaine Richiers Neuerfindungen des weiblichen und des männlichen Körpers in der Kriegszeit, Isabelle Waldbergs organisch-konstruktive Versuchsanordnung «Construction en bois» von 1945, eine spektakuläre abstrakte Komposition Hilla von Rebays von 1946 oder Verena Loewensbergs konkrete Komposition um 1950 markieren einige der dichtesten Stationen der Ausstellung. Insgesamt zeigt die von Sammlungskonservator Philippe Büttner kuratierte Präsentation sehr deutlich, wie viele Energien der Krieg band und wie viele sein Ende wiederum freisetzte. Sie lässt erkennen, dass das Figürliche und die Abstraktion nebeneinander als grundlegende Idiome der Moderne bestehen blieben und zur grundsätzlichen Erneuerung der künstlerischen Arbeit beitrugen.

Provenienzen im Fokus
Begleitend zur Ausstellung «Stunde Null» präsentiert das Kunsthaus Ergebnisse aus dem vom Bundesamt für Kultur unterstützten Provenienz-Forschungsprojekt der Grafischen Sammlung. Es wurden Werke untersucht, welche im Zeitraum von 1933 bis 1950 in die Grafische Sammlung gelangt sind – darunter solche von Lovis Corinth, Otto Dix, Käthe Kollwitz und Edvard Munch.
Die Forschungsergebnisse zu den 3’900 untersuchten Werken sind auf der Website des Kunsthauses im Bereich Provenienzforschung publiziert. Teile davon sind auf der ebenfalls mithilfe des Bundesamtes für Kultur realisierten «Sammlung Online» veröffentlicht, wo die Recherche auf Gemälde und Skulpturen der Kunsthaus-Sammlung ausgedehnt werden kann. (Kunsthaus Zürich/mc/ps)

Publikation
Im Ausstellungskatalog (Verlag Scheidegger & Spiess, 70 Abb., 128 S.) werden die Werke sowohl in einen historischen wie einen kunstgeschichtlichen Kontext gestellt. Die Ankaufspolitik des Kunsthauses im Zeitraum zwischen 1933 und 1950 wird erläutert und interessante Fälle der Provenienzforschung werden im Detail vorgestellt. Er ist für CHF 25.– im Kunsthaus-Shop und im Buchhandel erhältlich.

Öffentliche Führungen
Samstag 15. Juni, 13 Uhr, Sonntag 7. Juli, 11 Uhr und Donnerstag 5. September, 15 Uhr. Nähere Angaben auf www.kunsthaus.ch. Für Fachgremien, Vereine und Gruppen bietet sich die Buchung einer privaten Führung an – unter [email protected]

Kunsthaus Zürich

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