Euro-Franken-Kurs erreicht erstmals seit SNB-Entscheid 1,10 Franken

Euro Franken
(Foto: Rrraum - Fotolia.com)

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Frankfurt am Main – Erstmals seit der Aufhebung des Mindestkurses durch die Schweizerische Nationalbank (SNB) Mitte Januar ist der Euro wieder über die Marke von 1,10 CHF gestiegen. Freude herrscht bei der Schweizer Exportindustrie. Weniger begeistert dürften die Einkaufstouristen sein.

Am Freitagmorgen kurz vor 11.20 Uhr war es soweit: Der Euro durchbrach erstmals seit knapp neun Monaten die psychologisch wichtige Grenze von 1,10 CHF. Im bisherigen Hoch am Freitagnachmittag gegen 15 Uhr waren es 1,1038. Am 15. Januar hatte die SNB nach mehr als zwei Jahren den Euro-Mindestkurs von 1,20 CHF überraschend aufgegeben.

Dies hatte zu einer schockartigen Aufwertung der Schweizer Währung geführt. Der Euro war zeitweise nicht mal mehr ein Franken wert. Dies hatte die Lage der Schweizer Exportindustrie massiv verschlechtert, da ihre Produkte plötzlich viel teurer waren als die Konkurrenz aus dem Ausland. Auch die Schweizer Tourismusbranche wurde arg in Mitleidenschaft gezogen.

Erholung in der Eurozone hilft
Dass jetzt die Marke von 1,10 CHF überschritten wurde, begründeten Händler mit der unterschiedlichen Konjunkturdynamik in der Schweiz und in der Eurozone. In der Eurozone brumme vor allem der wirtschaftliche Motor der grössten Volkswirtschaft Deutschland. In der Schweiz hingegen leiden manche Branchen erheblich unter dem starken CHF. Im ersten Halbjahr stagnierte die Wirtschaft. Im August stieg die Arbeitslosenquote von 3,1 auf 3,2%, was zwar vor allem saisonale, aber auch konjunkturelle Gründe hatte.

Ausserdem profitiere der Euro von der Erholung an den chinesischen Börsen, hiess es. Die Anleger würden darauf wetten, dass die konjunkturstützenden Massnahmen Pekings wirken. Dies würde die Exportaussichten Deutschlands aufhellen, was wiederum dem Euro zugutekomme.

Der Franken verliert an Stärke, weil das wirtschaftliche Umfeld in Europa dadurch nicht mehr als so unwägbar angesehen wird wie auch schon. Die Rolle des Frankens als sicherer Hafen in turbulenten Zeiten lässt dadurch nach.

Wohl kaum SNB-Interventionen am Devisenmarkt
Die Schwäche des Frankens wird auch mit der Stärke des US-Dollars erklärt. Die Devise profitiert von der guten Verfassung der weltgrössten Wirtschaft. «Der Franken verliert also auch vor der am Mittwoch anstehenden Zinsentscheidung der US-Notenbank», sagte ein Händler der Nachrichtenagentur Reuters. Die Wahrscheinlichkeit sei gross, dass die Fed erstmals seit fast zehn Jahren die Zinsschraube leicht anziehe.

Die SNB dürfte wohl weniger mit der Abschwächung des Frankens zu tun haben, so der Tenor verschiedener Devisenexperten. Sie sei «den freien Marktkräften zu zuschreiben», befand die VP Bank in einem Kommentar. Die SNB halte sich derzeit mit Interventionen zurück. Gleichwohl dürften die Negativzinsen der SNB langsam Wirkung entfalten, sagte Ökonom Alexis Körber von der Konjunkturforschungsstelle Bakbasel auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda.

Zudem gebe es technische Reaktionen durch Carry-Trade-Positionen, die gegenwärtig aufgelöst würden. Bei diesen Geschäften nehmen Anleger Kredite in Ländern mit niedrigen Leitzinsen auf und investieren es in Staaten mit hohen Leitzinsen.

Freude herrscht
Freude herrschte über die Frankenabschwächung bei der Schweizer Exportindustrie. «Diese Entwicklung ist schön», sagte der Sprecher des Verbandes der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (Swissmem), Ivo Zimmermann. Jede Abschwächung des Frankens sei hilfreich. Aber ein Eurokurs von 1,10 CHF sei noch zu wenig. «Wir hoffen, dass die Abschwächung weitergeht», sagte Zimmermann. Wünschenswert wäre eine Entwicklung Richtung Kaufkraftparität, die bei über 1,20 CHF läge.

Auch der Schweizer Tourismus zeigte sich sehr erfreut, wie Sprecher Alain Suter vom Branchenverband Schweiz Tourismus sagte: Allerdings könne die Überschreitung der psychologisch wichtigen Marke von 1,10 CHF volatiler Natur sein. «In der Realität bleibt es entscheidend, wo sich der Kurs mittel- bis langfristig einpendelt.»

Ins selbe Horn stiessen Körber und Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff: «Wir wissen nicht, ob die 1,10 CHF bleiben», sagte Neff.

Erleichterung nicht allzu gross
Falls der Frankenkurs sich länger über der Marke von 1,10 CHF zum Euro halten könne, bedeute dies nach Ansicht von Körber eine gewisse Erleichterung für die Schweizer Exportwirtschaft. Der Effekt dürfte vorerst aber nicht sehr gross sein. «Man sagt, dass die 1,10 CHF ein Wechselkurs sind, der als verkraftbar angesehen wird», sagte Körber. Neff sagte, beim Eurokurs von 1,10 CHF dürften eine Reihe von Unternehmen ihre Verlagerungs- und Schliessungspläne in der Schweiz aufgeben: «Viele Unternehmen sagen, sie könnten mit 1,10 CHF leben.»

Für die Zukunft rechnen Körber und Neff mit einer weiteren Abschwächung des CHFs. Neff erwartet einen Eurokurs von rund 1,15 CHF in zwölf Monaten. Körber sieht diese Marke bis Ende 2016 kommen.

Weniger begeistert davon dürften die Schweizer Einkaufstouristen sein. Sie hatten bisher stark vom günstigen EUR profitiert und sich scharenweise jenseits der Grenze mit Einkäufen eingedeckt. (awp/mc/pg)

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