Artur P. Schmidt: Führt der faktische Bankrott des Empires zu erneutem Pfund-Crash?

Von Artur P. Schmidt
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Klare Krisensignale 
Allein 2008 mussten 2?400 Pubs den Laden dicht machen, da sich immer weniger Briten ein «Pint» in ihren geliebten Pubs leisten können. «Pub» bedeutet «Public House» (öffentliches Haus), ein Treffpunkt wo alle Klassen- und Berufsschranken verschwinden. Vor dem «Landlord» (dem Wirt) sind alle gleich, wenn sie für ihr «Pint» bezahlen können. Doch dies können aktuell leider immer weniger Gäste. Auch der englischen Fluglinie British Airways geht es sehr schlecht. Sinkende Passagierzahlen und bis ins vergangene Jahr steigende Spritpreise haben die Airline immer mehr unter Druck gesetzt. Bei British Airways, die im ersten Halbjahr Rekordverluste vermeldete, geht es aktuell ums nackte Überleben. Das kriselnde Unternehmen verbuchte im zweiten Quartal einen Verlust vor Steuern von 148 Millionen Pfund, das entspricht 173,3 Millionen Euro, nach einem Verlust von Minus von 94 Millionen Pfund im 1. Quartal.


BA’s Flug in die tiefroten Zahlen
British Airways hatte bereits im vergangenen Geschäftsjahr einen Verlust von 401 Millionen Pfund gemacht und durch Abbau von 10% der Belegschaft die Kosten kräftig reduziert. Dass es kaum Anzeichen der Besserung gibt, zeigte auch der Monat Juni in dem die Erlöse im Vergleich zum Vorjahr um 25 bis 30% eingebrochen sind und dies obwohl der Ölpreis heute 50% billiger ist als noch vor einem Jahr. Vor allem im sonst umsatzstarken First- und Business-Class-Bereich brechen die Umsätze weg, da die Passagiere in die deutlich billigere Economy-Class wechseln.


Situation gerät zunehmend ausser Kontrolle
Angesichts des Ausmasses der Krise ist die Bank of England dazu übergegangen, die Wirtschaft im Vereinigten Königreich mit britischen Pfund zu fluten. Diese durch Ankäufe von Staatsanleihen forcierte Politik des leichten Geldes (im Fachjargon: Quantitative Easing) hat dazu geführt, dass die Geldmenge um rund 10% des britischen BSP ausgeweitet wurde. Es wurden von der Notenbank bis Juni bereits für 125 Milliarden Pfund britische Gilts aufgekauft und angekündigt, das Programm möglicherweise insgesamt auf 270 Milliarden Pfund auszuweiten ? ein Tatbestand, der vom Devisenmarkt durch die im 2. Quartal wieder gestiegene Risikofreude der Anleger bisher ignoriert wurde. Als am 10. August 2009 die Bank of England ihren monatlichen Bericht veröffentlichte, konnte man daraus entnehmen, dass das so genannte «Reserve Balance» ? bestehend aus Staatsanleihen von 71.3 Milliarden Pfund ? im April 2009 auf 152 Milliarden Pfund im Juli 2009 angestiegen ist. Das bedeutet eine aufs Jahr bezogenen Wachstumsrate von 442 %, bzw. eine monatliche Wachstumsrate von 21.3%. Dies zeigt, dass die Situation in Grossbritannien immer mehr ausser Kontrolle gerät, denn es dürften sich zunehmend Schwierigkeiten abzeichnen, Staatsanleihen am freien Markt zu platzieren.


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Kreditklemme trotz Geldschwemme
Schon jetzt können in London rund ein drittel der Anleihen nicht mehr verramscht werden, weshalb die Bank of England als Käufer einspringen musste. Die Käufe von Staatsanleihen sollen das Zinsniveau stabilisieren, um die Kreditaufnahme für Privathaushalte, Immobilienbesitzer und Unternehmen zu erleichtern. Gleichzeitig soll es die Banken, die Bonds in ihrem Portfolio halten, entlasten und ihnen Freiräume bei der Gewährung von Darlehen geben. Doch trotz Geldschwemme der Bank of England leiden die britischen Unternehmen unter einer Kreditklemme. Royal Bank of Scotland (RBS) und Barclays kürzten trotz einer entsprechenden Aufforderung des Finanzministeriums, dies nicht zu tun, ihre Kreditvergabe deutlich. Alleine die drei Banken RBS, Lloyds Banking Group (die zwei grössten durch die Regierung teilverstaatlichten Banken) und Barclays reduzierten im ersten Halbjahr ihre weltweite Kreditvergabe um 165 Milliarden Pfund. RBS und Barclays kappten ihre Kreditvergabe sogar um etwa 11% ? der höchste Wert unter den europäischen Grossbanken. Trotz Anstieg der Londoner Börse ist dies ein sehr schlechtes Zeichen für die Ökonomie, da ohne Anstieg der Kreditvergabe kein wirtschaftliches Wachstum zu erzielen ist.



Abb. 1: Euro hat Aufwärtswelle gegenüber dem britischen Pfund begonnen. (Quelle: www.wissensnavigator.com )


Pleitewelle in Grossbritannien
Die Anzahl der Unternehmenskonkurse wird 2009 auf ein Rekordniveau ansteigen. Gegenüber dem Vorjahr ist die Zahl der Insolvenzen im 1. Quartal 2009 um bisher 33% angestiegen. Von einer Rückführung des Schuldenanstieges kann trotz Anstieg der Aktienkurse in den letzten Monaten keine Rede sein. Mittlerweile gehen etwa 350 Personen pro Tag in Grossbritannien pleite. Doch dies könnte erst der Anfang sein, da das Königreich hier auf einer Zeitbombe sitzt. Je mehr Firmen Konkurs anmelden müssen, desto mehr Leute werden arbeitslos, was die Anzahl der Privatkonkurse noch weiter in die Höhe treiben dürfte. Für das Jahr 2009 rechnet man mit 125.000 Privatkonkursen, nächstes Jahr könnten es noch einmal deutlich mehr sein, da sich die Zahlen bislang noch beschleunigen.



Abb. 2: Insolvenzrate der britischen Firmen.


Gigantischer Refinanzierungsbedarf
Ein Grund für die Skepsis der internationalen Anleger gegenüber dem britischen Pfund ist der gewaltige Refinanzierungsbedarf Grossbritanniens. Angesichts der Rettung von Finanzinstituten wie Northern Rock und Royal Bank of Scotland ist das Haushaltsdefizit im März 2009 bereits auf 12,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) gestiegen, dem grössten Finanzloch unter den G20-Staaten. Die vom britischen Finanzministerium bewilligten 1,4 Billionen Pfund zur Rettung des Bankensystems kommen nicht bei den Bürgern und Unternehmen an, da die Banken das Geld für den Eigenhandel und zum Aufbau von finanziellen Rücklagen und Reserven in ihren Bilanzen nutzen. Allein in der ersten Jahreshälfte fiel die globale Kreditvergabe der fünf grössten britischen Banken um 5,4% ab ? ein Wert, der etwa fünfmal so hoch ist wie bei anderen Banken in Kontinentaleuropa. Auch haben viele Kunden aktuell grösseres Interesse daran, Ihre Schulden zurückzuzahlen als neue Schulden aufzunehmen. Dies könnte in der Tat ein Zeichen dafür sein, dass kurz- bis mittelfristige Inflationsrisiken eher gering zu bewerten sind und möglicherweise eine weitere deflationäre Abwertungsrunde bevorstehen könnte.


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Liquiditätsfalle forciert Crash-Szenario
Dass es der britische Premierminister Gordon Brown trotz massiver Staatshilfe nicht geschafft hat, die Kreditvergabe wieder anzukurbeln, die Aktienkurse aber trotzdem massiv gestiegen sind und jetzt das überschüssige Geld eigentlich durch höhere Zinsen wieder aus den Märkten genommen werden müsste, bedeutet ein klares Crash-Szenario nicht nur für die Aktienmärkte, sondern vor allem für das britische Pfund und später auch die britischen Staatsanleihen. Wenn die Politik des «Quantitative Easing» verpufft, wird damit eine neue Blase geschaffen, die in einem Währungs- und Bondcrash enden kann. Es wird immer deutlicher, dass Zinsen, welche durch die Neuverschuldung von Grossbritannien bezahlt werden, in Bälde nicht mehr getilgt werden könnten. Das vereinigte Königreich befindet sich in der Liquiditätsfalle. Noch mehr Konjunkturprogramme erhöhen die Zinslasten des Staates und werden die Situation langfristig nur noch schlimmer machen. Grossbritanniens Weg in die Hyperdepression scheint somit vorgezeichnet, wobei anstatt einer Deflation, wie in Japan in den 90er Jahren, auch der Staatsbankrott drohen könnte. 



Abb. 3: Entwicklung des britischen Pfund zum japanischen Yen. (Quelle: www.wallstreetcockpit.com )


Jim Rogers: «Kein Geld mehr in das Vereinigte Königreich stecken»
Die jahrelangen Exzesse am britischen Immobilienmarkt, allem voran in London, dürften die Währung in Bälde gen Süden treiben. Vor Ausbruch der Finanzkrise hatte der britische Immobilienfinanzierer Bradford & Bingley nicht nur 100% Finanzierungen angeboten, sondern sogar seinen Kunden mit 120% Hypotheken die Häuser finanziert. Der Bailout von B&B durch den britischen Steuerzahler war angesichts solch leichtsinniger Geschäftspraktiken unausweichlich. Wenn jetzt als Heilmittel aus der Krise wegen der gesunkenen Immobilienpreise wieder 120%-Refinanzierungs-Hypotheken wie durch Halifax angekündigt werden, so kann man nur noch mit dem Kopf schütteln. Man gibt dem Alkoholiker immer mehr Alkohol, anstatt ihm diesen zu entziehen. Trotz Rückgang der Zinsen auf ein 300-jähriges Rekordtief von 1% kommt die britische Wirtschaft nicht in die Gänge. Ein Zinsanstieg um die überschüssige Liquidität abzuschöpfen ist so lange unmöglich, als immer mehr Briten ihren Job verlieren und somit der Konsum immer weiter an Boden einbüsst. Damit bewegt sich das britische Finanzsystem immer weiter in Richtung Instabilität und Schulden-Nirwana. Kein Wunder, dass der Rohstoffexperte Jim Rogers gegenüber dem Wirtschaftssender Bloomberg sagte: «Ich würde Ihnen raten, jeden Sterling, den sie haben, zu verkaufen. Die Sache ist vorbei. Es tut mir leid, es sagen zu müssen, aber ich würde kein Geld mehr in das Vereinigte Königreich stecken.»


Debtoholics
Rogers sieht das Pfund noch unter seinen im Jahre 1985 erreichten Tiefststand fallen. Doch nicht nur das britische Pfund wird bei einem weiteren starken Rückgang in Mitleidenschaft gezogen, es könnte auch zu einem Abverkauf bei britischen Staatsanleihen kommen, die ähnlich gefährdet sind wie die US-amerikanischen, sollten sich die Rating-Agenturen zu einer längst überfälligen Abwertung durchringen können. Die britische Staatsverschuldung ist unterdessen auf 800 Milliarden Pfund angestiegen, wobei die Neuverschuldung für das Jahr 2009 sich auf 175 Milliarden Pfund beläuft. Damit ist Grossbritannien Staatsverschuldung mittlerweile bei 57% des BSP, der höchste Stand seit 1974. Schon seit längerem warnen Rating-Agenturen wie S&P massiv vor der hohen Staatsverschuldung, die ohne Haushaltskonsolidierung dazu führen wird, dass Grossbritannien sein «AAA»-Top-Rating verlieren wird. Da die hoch verschuldeten britischen Verbraucher als Konjunkturmotor ausfallen und der Export ebenfalls eingebrochen ist, bewegen sich die das britische Pfund und die Gilts unweigerlich auf ein Crash-Szenario zu.





Artur P. Schmidt
Der Wirtschaftskybernetiker Dr.-Ing. Artur P. Schmidt wurde in Stuttgart geboren. Er besuchte im Stadtteil Zuffenhausen das Ferdinand-Porsche-Gymnasium und machte dort das Abitur. Das Studium der Luft- und Raumfahrttechnik in Stuttgart und Berlin schloss er im Alter von 27 Jahren mit  der Bestnote im Fachgebiet Raketentechnik ab, so dass ihm von Prof. H.H. Koelle die Promotion angetragen wurde. Im Alter von 30 Jahren erhielt Artur P. Schmidt den Doktortitel für ein kybernetisches Marktanalyse-Verfahren am Beispiel der Strategischen Planung von Airbus Industries. Nach einer Beratungstätigkeit bei Anderson Consulting sowie als Leiter der Strategischen Analyse der Ruhrgas AG war Dr. Schmidt Stipendiant der Stiftung zur Förderung der systemorientierten Managementlehre und letzter Schüler von Prof. Hans Ulrich, dem Begründer des St. Galler Management-Ansatzes. Während dieser Zeit begann Dr. Schmidt seine publizistische Laufbahn, aus denen Bestseller wie «Endo-Management» und «Der Wissensnavigator» sowie Wirtschaftsbücher wie «Wohlstand_fuer_alle.com» oder «Crashonomics» hervorgingen. Sein neuestes Buch, welches im EWK-Verlag (www.ewk-verlag.de ) erschienen ist, heisst  «Unter Bankstern».

Heute ist Artur P. Schmidt Herausgeber des Online-News-Portals www.wissensnavigator.com sowie der Finanz-Portale www.bankingcockpit.com , www.wallstreetcockpit.com , www.futurescockpit.com und www.optioncockpit.com sowie Geschäftsführer der Tradercockpit GmbH (www.cockpit.li ). Dr. Schmidt ist ein gefragter Keynote-Speaker sowie Kolumnist für zahlreiche Finanzpublikationen.

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