Die Welt im 2010: Rückzug!

von Gérard Al-Fil

Stellt euch vor, es ist 2010 und keiner merkt es. Was wurde über das magische Jahr nicht alles vorausgesagt. «Twenty-Ten» (engl. Kurzform für 2010) markiere «Die Schwelle zur Neuzeit», «das Ende der Geschichte», «den Weg der menschlichen Zivilisation ins Welltall» , «den Beginn der Gleichstellung von Mann und Frau» und, und, und… 

 

Dabei zeichnet sich längst ab, dass sich das post-globale Jahrzehnt um Abschied und Rückzug drehen wird. Die Menschen wirken nach den Globalisierungsexeperimenten der letzten 10 Jahre erschöpft und orientierungsloser denn je.

 
Trautes Heim…

Es genügt eine Tour d?horizon 2009, um diesen Trend zu erkennen. Das Emirat Abu Dhabi fühlt sich von der Citigroup hintergangen und fordert von der US-Grossbank 4 Mrd. Dollar zurück. Die Golf-Emirate verabschieden sich aus dem Projekt «Gemeinsame Währung am Golf 2010». Oasis Global aus Kapstadt in Südafrika, einer der erfolgreichsten Anbieter Scharia-konformer Investmentfonds brach im Sommer ausgerechnet in Dubai, einer Hochburg der Islamic Finance, seine Zelte ab. Touristen in Dubai werden gehalten, konservative Kleidung zu tragen und bei Zuwiderhandlungen mit Geld- und Haftstrafen belegt. Und aus Kuwait verabschieden sich mehr und mehr westliche Erdölkonzerne, weil das innenpolitische Klima dort zunehmend rauher wird. 

 

Westlichen Ländern ergeht es nicht anders. Der deutsche Versicherungskonzern Allianz SE zieht sich von der New Yorker Börse zurück. Begründung: 95 Prozent des Handels mit Allianz-Aktien fänden ohnehin in Deutschland statt. Barack Obama denkt erstmals laut über einen Rückzug amerikanischer Truppen aus Afghanistan nach. Der neue Aussenminister Deutschlands Guido Westerwelle ermahnt einen britischen Journalisten in Berlin bitteschön Deutsch zu sprechen. Der grenzüberschreitende Schienenverkehr um den Cisalpino wird aufgelöst, weil SBB und Italiener eigenständige Zugverbindungen in die Nachbarländer anbieten. 

 

Und die Mehrheit der Schweizer Stimmbürger (oder war es aufgrund der Stimmbeteiligung eine Minderheit?) will keine Minarette vor der Haustür, denn vier sind schon genug, womit sie sich mit dem Steuerstreit mit Deutschland, Frankreich, Italien und den USA und jetzt auch mit dem Zwist mit Belgien, das die Schweiz wegen der durch das Swissair-Grounding verursachten Pleite ihrer Sabena-Airline verklagt, eine neue diplomatische Front mit einer ganzen Region zugelegt haben.

 

Wohin man schaut: Rückzüge, Rückzüge, Rückzüge…

 
Die Schweiz vor ihrem schwersten Jahrzent?

«Die Schweiz muss sich neue Partner suchen», redete David Zollinger, Partner der Privatbank Wegelin & Co. im Herbst 2008 der Bankenbranche ins Gewissen. Doch wo sollen die neuen Partner im 2010 sitzen? Das Minarett-Verbot brachte eine neue selektive Wahrnehmung zutage. So jubelt man in Helvetia über die edlen Spender aus dem Morgenland, wenn beispielsweise das Scheichtum Katar ein paar Milliarden Dollar für die Grossbank Credit Suisse locker macht. Doch daheim will man keine Symbole des Islams vor der Haustür. 

 

«Zu viel Demokratie schadet dem Staat», wusste schon Plato. Kein Zweifel: Die Schweiz wird sich auf schwierige Jahre mit dem mehrheitlich muslimischen Nahen Osten und Südostasien einstellen müssen. Nicht Bankiers, sondern Diplomaten werden fortan die Fäden ziehen. Das liegt im Trend. Die kommende Dekade dürfte auch eine Renaissance alter Tugenden und traditoneller Wertvorstellungen hervorrufen. 

 

Und die Medien? Sie werden sich nach dem Schein-Boom der Post-9/11-Jahre jeden Unternehmensgewinn zweimal anschauen müssen. Ihnen wird vorgeworfen, die Wirtschaftstkrise nicht schon im Vorfeld gerochen zu haben. Moneycab hat es getan. Zum Beispiel in dem Beitrag «Der leise Abschied Glücksritter» vom 30. Dezember 2007. Er kann hier unten noch einmal nachgelesen werden.

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