Eternit-Prozess: Schmidheiny in Turin vor Gericht

Dem Ex-Industriellen Schmidheiny und De Cartier wird vorgeworfen, Sicherheitsmassnahmen am Arbeitsplatz unterlassen zu haben und darum für rund 2’000 asbestbedingte Todesfälle und 800 Erkrankungen verantwortlich zu sein.


Jahrelanger Prozess möglich
Betroffen sind laut der Anklage Arbeiter, die zwischen 1973 und 1986 in den Werken gearbeitet haben. Die heutige Eternit (Schweiz) AG ist davon nicht betroffen. Der Prozess in Turin könnte mehrere Jahre dauern. Den beiden drohen Haftstrafen von bis zu 13 Jahren. Richterin Cristina Palmesino hatte in einer Vorverhandlung geurteilt, dass gegen die beiden genügend belastende Beweise für einen Prozess vorhanden seien. Der Entscheid war im Gerichtssaal mit Applaus begrüsst worden. 140 Einwohner der Gemeinde Casale Monferrato, wo sich eine der Eternit-Fabriken befand, hatten an der Verhandlung teilgenommen.


Über 1’350 Asbesttoten alleine in Casale Monferrato
Die Gemeinde Casale Monferrato im Piemont ist mit mehr als 1’350 Asbesttoten besonders stark von der Tragödie betroffen. «Bei uns erkranken pro Monat vier Menschen und vierzig sterben jedes Jahr», erzählt ein Bewohner von Casale Monferrato: «Es ist, als ob ein Erdbeben jedes Mal ein Gebäude zerstört». Ein 63-jähriger ehemaliger Arbeiter der Eternit Genua forderte am Rande der Vorverhandlung harte Strafen für die Verantwortlichen. «Wir haben blauen Asbest entladen, den gefährlichsten. Wir waren dreissig, nur zwei von uns sind übrig geblieben», sagte der Mann.


Auch Berlusconi vor dem Richter
Auch der italienische Staat ist bei dem Verfahren zur Anhörung vorgeladen. Die Justiz wirft ihm vor, die Kontrollen in den Fabriken vernachlässigt zu haben. Das Turiner Gericht ordnete im November an, dass der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi beim Prozess zu erscheinen habe. Die Vorladung des italienischen Staates hatte der Anwalt Ezio Bonanni angestrebt, der mehrere Vereinigungen von Asbest-Opfern vertritt. Der Staat müsse für den Schaden mitaufkommen. Wenn es Kontrollen gegeben hätte, wäre es nicht zu einer solche Katastrophe gekommen, hatte Bonanni gegenüber der italienischen Nachrichtanagentur ANSA erklärt.


Grosses Interesse
Die Vorverhandlungen zu dem Prozess waren in Italien auf reges Interesse gestossen: Hunderte von Mitarbeitern der ehemaligen Eternit-Fabriken aus Italien, aber auch aus der Schweiz, Frankreich und Belgien, sowie Gewerkschafter nahmen an den Gerichtsverhandlungen teil. Als Zivilklägerin trat auch Italiens nationale Arbeitsversicherungsanstalt Inail auf. Sie verlangt 246 Mio EUR (375 Mio CHF) als Rückerstattung für die Entschädigungen, die sie erkrankten Eternit-Arbeitnehmern zahlte. (awp/mc/ps/26)

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