Gesperrte Akten geöffnet: Lydia Welti-Eschers Lebenstragödie im Lichte sensationeller neuer Erkenntnisse

Im Schweizerischen Bundesarchiv in Bern liegt die sagenumwobene Schachtel 11, angeschrieben mit «Angelegenheit Lydia Welti-Escher» und versehen mit dem Vermerk «gesperrt». Nicht einmal über Art und Umfang der Dokumente wurde Auskunft gegeben. Aufgrund der ersten Publikation über Lydia Welti-Escher, die von Joseph Jung vor gut einem Jahr herausgegeben wurde und die nach nur zwei Monaten bereits eine Nachauflage erlebte, wurde dem Autor nun der Zugang zu dieser ominösen Schachtel ermöglicht. Anhand dieser neuen Quellenlage verschiebt sich das Persönlichkeitsbild von Lydia Welti-Escher, die Quellen spiegeln die Trostlosigkeit und Einsamkeit ihrer letzten Wochen und Tage mit aller Härte. Bundesrat Welti wird deutlich als der Drahtzieher hinter dem Skandal erkennbar. Die bisher gesperrten Quellen wurden komplett aufgearbeitet, der Umfang des Buches stark erweitert.


Grosses Interesse am Werk über das Leben der Tochter Alfred Eschers
Die ursprüngliche Ausgabe dieses Werks erschien am 10. Juli 2008 aus Anlass des 150. Geburtstags von Lydia Welti-Escher. Dank dem erstmals veröffentlichten psychiatrischen Gutachten von 1890 und weiteren ebenfalls erstmals erschlossenen Quellentexten zeichnete die Publikation die Lebensgeschichte von Alfred Eschers Tochter auf einer neuen Grundlage. Das Werk stiess in der Öffentlichkeit auf so grosses Interesse, dass es noch 2008 – inhaltlich unverändert – ein zweites Mal aufgelegt werden konnte. Von den Quellenbeständen, die nicht als verschollen gelten, blieb damals insbesondere ein Konvolut verschlossen, das wichtige Erkenntnisse zu den dramatischen Ereignissen in Lydias letzten Lebensjahren versprach: der Bestand J I.63, der im Schweizerischen Bundesarchiv in Bern liegt und als «Archiv der Familie Welti von Zurzach AG» angeschrieben ist. Zu diesem Bestand gehört auch die sagenumwobene Schachtel 11, die den Vermerk «gesperrt» trägt und der «Angelegenheit Lydia Welti-Escher» gewidmet ist. Nicht einmal über formale Aspekte wie Art und Umfang der enthaltenen Dokumente war Auskunft zu bekommen. An Einsichtnahme oder gar Veröffentlichung war erst recht nicht zu denken. Dieser Bestand war zwischen 1940 und 1989 in mehreren Etappen eingeliefert worden.


Die letzten Worte Lydia Eschers an Friedrich Emil Welti
Seit Mitte der 1990er Jahre stellte der Autor Joseph Jung beim Bundesarchiv zuhanden der Sachwalter wiederholt das Gesuch, den Bestand J I.63 konsultieren zu dürfen, was durchwegs abgelehnt wurde – ein letztes Mal im Zusammenhang mit der Abfassung der ursprünglichen Ausgabe dieser Publikation im Jahr 2008. Um so erfreulicher ist es, dass sich das nun vorliegende Werk auf unbeschränkte Einsicht in den Bestand J I.63 stützen kann. Darüber hinaus wurde Joseph Jung von den Sachwaltern autorisiert, die entscheidenden Dokumente, die er enthält, vollständig und im Wortlaut zu publizieren. Hinsichtlich der Interpretation liess man ihm vollständig freie Hand. Zum neu erschlossenen Quellenbestand zählen mehrere Briefe aus Lydia Welti-Eschers Feder, darunter die letzten Worte, die sie eine Woche vor ihrem Freitod an Friedrich Emil Welti richtete. Ein Kernstück bildet der Briefwechsel zwischen Bundesrat Emil Welti, seinem Sohn Friedrich Emil Welti und dem Gesandten Simeon Bavier, der den Ablauf der Geschehnisse in Italien nachvollziehbar macht. Zu den erstmals erschlossenen Quellen gehören unter anderem Briefe und Dokumente von Karl Stauffer und Max Klinger.

Bundesrat Welti als Drahtzieher und grauer Eminenz
Im Lichte der erweiterten Quellenlage verschieben sich einige Akzente in den Persönlichkeitsbildern der Protagonisten: Lydia erscheint weiterhin als reife und bemerkenswerte Frau, doch treten die Brüche in ihrem Selbstverständnis, ihrem Denken und Handeln deutlicher zutage. Die neu verfügbaren Selbstzeugnisse spiegeln die Einsamkeit und die Trostlosigkeit ihrer letzten Wochen und Tage mit aller Härte. Das Bild von Bundesrat Welti als Drahtzieher und grauer Eminenz findet zusätzliche Bestätigung. Als scharfsinnig mitdenkender und entscheidender Kopf in seinem Netzwerk erweist sich – neben dem Gesandten Bavier – Doktor Edmund Schaufelbühl, Direktor der Psychiatrischen Klinik Königsfelden. Friedrich Emil Weltis Profil gilt es heute etwas weicher zu zeichnen. Mit Lydia hat er gemeinsam, dass er in kritischen Situationen vielfach versagt. Willig fügt er sich in die Rolle einer Marionette seines Vaters. Mit neuer Schärfe treten damit aber auch die Spannungen und Widersprüche zwischen dieser Folgsamkeit des Bundesratssohns, dessen Mitleid mit Lydia und dessen gnadenloser Rache an Stauffer hervor.


(NZZ/mc/hfu)






Der Autor und Herausgeber
Joseph Jung (*1955) Prof. Dr. phil., Historiker, Geschäftsführer der Alfred Escher-Stiftung. Zahlreiche Publikationen zur Wirtschafts- und Kulturgeschichte der Schweiz.


Das Buch
Joseph Jung
Lydia Welti-Escher
576 Seiten, gebunden
380 farbige und s/w Abbildungen
Fr. 58.- / ? [D] 39.- / ? [A] 40.15
ISBN 978-3-03823-557-6

Die Alfred Escher-Stiftung
Die Alfred Escher-Stiftung will die Persönlichkeit, das wirtschaftliche und staatspolitische Wirken Alfred Eschers (1819-1882) diskutieren, ins Blickfeld von Wissenschaft und Gesellschaft rücken sowie in geeigneter Form darstellen. Sie ermöglicht durch ihre Grundlagenforschung die weitere wissenschaftliche Bearbeitung und leistet zudem selbst einen massgeblichen Beitrag zum Verständnis der Schweizer Geschichte des 19. Jahrhunderts und ihrer Auswirkungen auf die folgenden Epochen. Mehr Informationen unter www.alfred-escher.ch

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