Heinz Stadler, CEO IHAG Privatbank

Von Helmuth Fuchs


Moneycab: Herr Stadler, in einem für die Finanzindustrie katastrophalen Jahr haben Sie ein sehr gutes Ergebnis vorgelegt. Die Einnahmen im Zinsgeschäft stiegen um 16% auf 22.3 Millionen Franken, das Kommissionsgeschäft ist zwar um 18% auf 18.5 Mio. CHF gesunken, stellt aber immer noch das zweitbeste Ergebnis der letzten Jahre dar und der Handelserfolg ist mit 6.3 Mio. CHF nur unwesentlich tiefer als letztes Jahr (6.5 Mio. CHF). Was sind die Gründe dafür, dass die Privatbank IHAG im letzten Jahr so gut durch die Krise gekommen ist?


Heinz Stadler: Im Gegensatz zu den auf das Private Banking alleine beschränkten Privatbanken hat sich unsere Bank immer schon als kleine Universalbank verstanden, als eine Bank, die auch das Kreditgeschäft aktiv anbietet. Dieser Ertragsmix aus Zins-, Kommissionsertrag und Handelserfolg wirkt sich grundsätzlich ausgleichend auf das Geschäftsergebnis aus. Im vergangenen Jahr waren diese drei Ertragsquellen noch willkommener als in früheren Jahren. Aber auch das Private Banking hat unter den schwierigen Bedingungen erfolgreich gearbeitet. Die Kundenvermögen, die durch uns gemanagt worden sind, haben im Konkurrenzvergleich ausgezeichnet abgeschnitten.



«Im ersten Quartal haben wir 360 Millionen Franken an Neugeldern gewinnen können.» Heinz Stadler, CEO IHAG Privatbank


Der Zinserfolg ist mit einer Steigerung von 16% aussergewöhnlich hoch ausgefallen. Wie ist das möglich bei einem im letzten Quartal praktisch inexistenten Interbankengeschäft und bei vor allem durch die Kantonalbanken tief gehaltenen Zinsmargen?


Die Ausleihungen konnten auch im vergangenen Jahr gesteigert werden, entscheidend war jedoch unser ALM-Management. In einem wohldosierten Umfang haben wir Fristeninkongruenzen ausgenützt beziehungsweise aktiv geschaffen. Die Zinsmargen konnten gehalten werden, waren aber in diesem Zusammenhang von untergeordneter Bedeutung.


Bei den Neugeldern konnten Sie im 2008 einen Zufluss von 424 Mio. CHF (+ 9%) verzeichnen. Wie sieht die Entwicklung im ersten Quartal des laufenden Jahres aus?


Glücklicherweise hat sich dieser Trend sogar noch verstärkt. Im ersten Quartal haben wir CHF 360 Mio.  an Neugeldern gewinnen können.


In den vergangenen fünf Jahren wies die Privatbank IHAG ein durchschnittliches Gewinnwachstum von 12 Prozent aus? Was erwarten Sie für die kommenden zwei Jahre?


Realistischerweise gehen wir von leicht geringeren Wachstumsraten aus. Immerhin vermochten wir in den ersten 3 Monaten das Ergebnis des Vorjahres zu erreichen und unsere Budgetvorgaben damit deutlich zu übertreffen.



«Der Kreditnehmer muss ein eigentlicher Unternehmer sein, der mit seinem Eigenkapital so verfährt wie mit Fremdkapital.»


Die aktuelle Krisensituation bietet solide finanzierten Unternehmen auch Möglichkeiten zur Expansion. Welche Pläne zur Weiterentwicklung hat die Privatbank IHAG in der näheren Zukunft, ergeben sich durch die aktuelle Situation neue taktische Möglichkeiten?


Wir legen seit vielen Jahren grossen Wert auf ein rigoroses Kostenmanagement. Dies beweist unsere Cost/Income Ratio von leicht mehr als 50%. Insbesondere in den so genannt guten Zeiten, sind wir der Versuchung nicht erlegen eine allzu aggressive Expansionspolitik zu betreiben. Wir haben deshalb in den schlechten Zeiten auch niemals voll auf die Bremse treten müssen. Meiner Meinung nach verdient eine «Stopp and Go-Politik» nicht den Namen Geschäftsführung. Beim Beschleunigen und Abbremsen wird zwar viel Dynamik vorgetäuscht, Verschleisserscheinungen sind jedoch häufig die einzigen konkreten Auswirkungen. Und was passiert, wenn man nicht mehr schnell genug bremsen kann, das sehen wir jetzt. Ein sorgfältig durchdachtes antizyklisches Verhalten mag aber gerade heute Vorteile beinhalten. Der Arbeitsmarkt hält viele hervorragende Mitarbeiter bereit. Wir haben von dieser Chance bereits mehrfach profitiert.


Das Kreditgeschäft bei der Privatbank IHAG entwickelt sich sehr stabil, ohne dass viele Neukunden dazu kommen. Sie scheinen bei der Wahl neuer Kreditnehmer sehr selektiv zu sein. Welche Kriterien muss ein Kreditnehmer erfüllen und in welchen Bereichen vergeben Sie Kredite?


Unsere Kreditengagements sind weder an spezielle Branchen noch an gewisse Verwendungszwecke gebunden. Entscheidend ist die Qualität der zur Verfügung gestellten Sicherheiten. Blankokredite sind die grosse Ausnahme. Wir legen zudem grossen Wert auf die Kreditwürdigkeit eines Kunden. Also nicht nur auf seine Fähigkeit, finanzielle Verpflichtungen zu erfüllen, sondern auch darauf, ob er seine wirtschaftliche Existenz mit dem Erfolg seiner Unternehmung verbindet. Der Kreditnehmer muss ein eigentlicher Unternehmer sein, der mit seinem Eigenkapital so verfährt wie mit Fremdkapital.



«Es geht darum, langjährige Kunden gut zu betreuen, ihnen selbst dann entgegenzukommen, wenn keine rechtliche Verantwortung dazu gegeben ist.»


Im letzten Jahr haben Sie sieben neue Stellen geschaffen und ein kleines Team von der UBS übernommen und beschäftigten Ende des Jahres 93 Personen. Der Personalaufwand blieb jedoch mit 19.4 Mio. CHF gleich wie im Vorjahr. Wie konnten Sie den Aufwand so tief halten und wie soll sich die Anzahl der Mitarbeitenden in diesem Jahr entwickeln?


Die stichtagsbezogene Sichtweise täuscht. Tatsächlich sind die neuen Mitarbeiter erst im Verlauf des Herbstes zu uns gestossen.  Auf den Personalaufwand des ganzen Jahres bezogen, fallen sie nur geringfügig ins Gewicht. Ausserdem haben wir 2008 etwas weniger Boni ausbezahlt als 2007.


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Im Anlagebereich litten nach dem Fall der Lehmann Brothers viele Institute unter dem Zusammenbruch des Madoff-Systems. Sind Kunden der Privatbank IHAG hier auch betroffen und falls ja, wie gehen Sie mit den Schäden um?


Leider haben auch Kunden unserer Bank in Produkte investiert, die nicht nur schlecht performed haben, sondern sogar zu Ausfällen geführt haben. Wir kommen unserer Verantwortung als seriöse Privatbank nach und bieten den Kunden Lösungen an. Es geht darum, langjährige Kunden gut zu betreuen, ihnen selbst dann entgegenzukommen, wenn keine rechtliche Verantwortung dazu gegeben ist.



«Der Finanzplatz Schweiz wird noch schwer daran zu tragen haben, dass die UBS die Türen weit aufgestossen und mitgeholfen hat das Bankgeheimnis zu einem Verbrechen gegen die «Menschlichkeit» hoch zu stilisieren.»


Da Sie keine Offshore Geschäftseinheiten betreiben, sind Sie auf den guten Ruf des Finanzplatzes angewiesen. Wie beurteilen Sie die aktuellen Diskussionen um die Lockerung des Bankgeheimnisses und die Aufgabe der Unterscheidung zwischen Steuerbetrug und Steuerhinterziehung und welchen Einfluss hätte das auf Ihre Geschäftsbeziehungen, da etwa 40% Ihrer Kunden aus Deutschland stammen?


Der Finanzplatz Schweiz wird noch schwer daran zu tragen haben, dass die UBS die Türen weit aufgestossen und mitgeholfen hat das Bankgeheimnis zu einem Verbrechen gegen die «Menschlichkeit» hoch zu stilisieren. Wir predigen in der Schweiz nicht Wasser und trinken Wein. Auch unsere Steuerämter haben sich an die Unterscheidung zwischen Steuerhinterzeihung und -betrug zu halten. Wir werden sehen, ob die «Rettung» der UBS vor der US Strafverfolgung kein Phyrrus-Sieg ist. Die schweizerische Volkswirtschaft wird möglicherweise einen vielfachen Preis zahlen, verglichen mit dem Schaden, den ein Untergang der UBS angerichtet hätte. Aus heutiger Sicht ist es nahezu unmöglich eine Prognose abzugeben, wie sich die Praxis zu dieser Problematik verhält. Unsere Bank steht in diesem Spannungsverhältnis.


Wo sehen Sie für eine Privatbank im Familienbesitz ohne Rating einer Agentur in der aktuellen Finanzkrise Vorteile gegenüber börsenkotierten Grossbanken oder mit Staatsgarantien versehenen Kantonalbanken, wo ergeben sich Nachteile?


Ein Vorteil gegenüber den Grossbanken ist darin zu sehen, dass wir auch in diesem schwierigen Umfeld Gewinne erwirtschaften. Uns fliessen Gelder zu, weil man uns zutraut, konservativ, risikobewusst und konsequent zu handeln; weil man uns zutraut, keinen schnellen Gewinn zu suchen, sondern nachhaltig zu operieren. Man könnte es auch so sagen: wir kennen unsere Kunden persönlich, und sie kennen uns. Zweifellos nützt den Kantonalbanken die Staatsgarantie enorm.



«Sobald sich die Situation nur geringfügig bessert, wird man aus Bequemlichkeit weiterfahren im alten Trott. Manchmal frage ich mich: Was muss denn noch alles geschehen, damit endlich ein Umdenken stattfindet?»


Die Finanzprobleme in den USA haben sich zu einer weltweiten Wirtschaftskrise entwickelt, in der die eigentlichen Grundsätze unseres Wirtschaftssystems in Frage gestellt werden. Wie glauben Sie, dass die Entwicklung weiter gehen wird, welche Alternativen sehen Sie zum aktuellen System, genügen Anpassungen oder braucht es tiefere Einschnitte?


Es braucht zwingend tief greifende Änderungen. Meiner Einschätzung nach fehlt jedoch der Wille, derartige Änderungen umzusetzen. Sobald sich die Situation nur geringfügig bessert, wird man aus Bequemlichkeit weiterfahren im alten Trott. Manchmal frage ich mich: Was muss denn noch alles geschehen, damit endlich ein Umdenken stattfindet?


Die hohen Saläre und Boni bei den Grossbanken haben eine Diskussion um Werte und ethisches Verhalten ausgelöst. Welche Werte sind Ihnen wichtig im täglichen Leben und wie lassen sich diese Werte innerhalb einer Firma durchsetzen?


Im Grunde genommen ist es einfach: Wenn sich der Bemessungshorizont verlängert, nicht der schnelle Erfolg zählt sondern der mittel- und langfristige, dann wird sehr vieles in die richtige Perspektive gerückt. Ich glaube fest daran, dass nur der gemeinsame Erfolg für Kunde und Bank der richtige Massstab sein kann. Die Parallelität der Interessenlage und eine gegenseitig faire Preispolitik sind ausschlaggebend. Als Nichenanbieter kann ich meine Kunden nur halten und gut bedienen, wenn ich konkurrenzfähig Dienstleistungen anbiete und dies über Jahre hinweg, tagein, tagaus.


Zum Schluss des Interviews haben Sie noch zwei Wünsche frei. Wie sehen diese aus?


Ich wünsche mir das Ende der Wirtschaftskrise und den Neubeginn eines prosperierenden Zeitalters mit grösserer ökonomischer Gerechtigkeit und einer ökologischen Nachhaltigkeit.





Heinz Stadler
Geburtsdatum 8. April 1957, Bürgerort  Bürglen (UR)


Ausbildung:
1977  Matura Typus C
1985 Lizentiat (lic. iur.)
1986 Dissertation (Dr. iur.) (Kriminologie/Viktomologie)
1993 Gastreferent an der Chinese University of Hong Kong
1995  Executive Training Program an der Michigan University  in Ann Arbor


Berufliche Stationen:
1987-1989 SKA Kommerzpraktikum in Zug
1989-1992 Geschäftsstellendirektor SVB in Altdorf
1992-1995 Representative und Head of Commercial Banking der SVB (später CS) in Hong Kong (Verantwortlich für die kommerziellen Tätigkeiten in China, Hongkong, Korea, Taiwan, Vietnam und den Philippinen)
1995-1998 Direktor und Mitglied der Geschäftsleitung der IHAG Handelsbank in Zürich (6 Monate im Investment Banking der William Blair & Company in Chicago)
1999-2001 Stellvertretender Vorsitzender der Geschäftsleitung der Privatbank IHAG (Verantwortlich für das  Kommerzgeschäft, Personal und IT)
2002-  Vorsitzender der Geschäftsleitung der Privatbank IHAG& Zürich AG


Diverses:
Swiss South-African Association, Rotary


Privatbank IHAG
1949 gründete Emil Georg Bührle, Unternehmer aus Leidenschaft, die Industrie- und Handelsbank IHAG. Er schuf sich damit seinen eigenen Freiraum, sprich, eine unabhängige Finanzwelt. Heute tritt dieselbe Bank, aber unter neuem Namen und mit neuer Ausrichtung, auf: Die IHAG Privatbank. Als Teil einer Familienholding ist die IHAG Privatbank bis heute im Besitz der Gründerfamilie. Unabhängigkeit im Denken wie im Handeln ist Voraussetzung, den Auftrag erfolgreich zu erfüllen.  Für ihre Kunden agiert die IHAG Privatbank als Universalbank: zusätzlich zum Private Banking ist sie weltweit an den wichtigsten Finanzmärkten sowie im Kreditgeschäft aktiv.

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