ING IM: Inflationsängste sind tief verwurzelt, aber unbegründet

von Ad van Tiggelen, Senior Strategist bei ING Investment Management


Inflationsängste halten sich überraschend hartnäckig bei Privatanlegern. Der Druck neuen Geldes, steigende Staatsverschuldung und explodierende Rohstoffpreise werden regelmäßig als Inflationstreiber angeführt. Diese Ängste sind verständlich, sind doch die meisten Anleger alt genug, um die inflationsgeplagten siebziger und frühen achtziger Jahre erlebt zu haben, eine Ära, die anscheinend ein immer währendes Trauma in der Anlegerpsyche hinterlassen hat.  


Geschichtlich einzigartige Konstellation in den siebziger Jahren
Dabei vergessen viele, dass diese fünfzehn Jahre der EINZIGE Zeitraum war, in der Inflation für die meisten Industrieländer die vorherrschende Gefahr darstellte. Gleichzeitig war es innerhalb der letzten zweihundert (!) Jahre die einzige Periode, in der die Renditen zehnjähriger US-Schatzbriefe auf weit über 6 Prozent stiegen. Die einzige große Volkswirtschaft, die von diesem Muster abwich, war Deutschland, wo es Anfang der 1920er Jahre zur Hyperinflation kam. Von diesem Trauma haben sich deutsche Volkswirtschaftler auch ein knappes Jahrhundert später immer noch nicht ganz erholt ? dies erklärt zum Teil den starken Inflationsfokus von Bundesbank und EZB.  Dabei müssen wir uns vor Augen halten, dass die Erfahrungen der siebziger Jahre auf dem Zusammentreffen ungewöhnlicher Umstände beruhten, die sich aller Wahrscheinlichkeit nach nicht wiederholen werden. So sind dauerhaft hohe Inflationsraten praktisch unmöglich, wenn es an einem anhaltenden Anstieg des wichtigsten Antriebsfaktors der Kerninflation ? nämlich der Lohnentwicklung ? fehlt. Die eskalierende Lohn-Preis-Spirale der siebziger Jahre vollzog sich vor dem Hintergrund sozialistischer Regierungen, einflussreicher Gewerkschaften und einer jungen Erwerbsbevölkerung der Baby-Boomer-Generation. Und die Angehörigen dieser Generation zeigten nicht nur eine hohe Konsumbereitschaft (wie alle jungen Generationen), sondern auch einen ausgeprägten Hang zum Streiken.


Preismacht bei den Arbeitgebern
Heutzutage sind wir mit ganz anderen Realitäten konfrontiert. Die Gewerkschaften haben erheblich an Einfluss eingebüßt, Regierungen haben sich größtenteils von sozialistischen Ideen verabschiedet und die Beschäftigten sehen sich eher als Individuen denn als Teil eines Kollektivs. Die Globalisierung hat zunehmend das darwinistische Leitbild vom «Survival of the Fittest» durchgesetzt. Die Preismacht hat sich von den Arbeitnehmern zu den Arbeitgebern verlagert und die setzen mit aller Entschiedenheit auf Kostensenkung. Nicht zuletzt weisen die westlichen Volkswirtschaften auch massive Überkapazitäten und eine alternde Bevölkerung auf, beides Faktoren mit deflationärer Wirkung. Die Angst vor einem sprunghaften Anstieg der Kerninflation erscheint daher ? zumindest auf mittlere Sicht ? unbegründet.  Aber was ist mit der Headline-Inflation, also der Gesamtinflation, die auch Lebensmittel- und Energiepreise umfasst? Das ist in der Tat eine andere Geschichte, denn hier wird das starke Wachstum an den Emerging Markets die Rohstoffpreise langfristig sicherlich hochtreiben. Aber auch hier sollte man die Wirkung nicht überschätzen. Selbst wenn die Ölpreise sich ? wie 2007/2008 geschehen ? verdoppelten, wären die Folgen für die Headline-Inflation begrenzt und von kurzer Dauer. Denn schließlich müssen diese Preissprünge jedes Jahr stattfinden, da ihre Wirkung sonst im Jahresvergleich abklingt. Zudem treiben steigende Rohstoffpreise die Inflationsrate im Gegensatz zur Lohn-Preis-Spirale nur kurzzeitig nach oben.


Risikofaktor Notenbanken
Bleibt die Frage, inwieweit eine hohe Staatsverschuldung zur Inflation beiträgt. In Japan ist das offenbar nicht der Fall. Dort geht ein hoher Schuldenstand im Verhältnis zum BIP Hand in Hand mit Deflation, die ihrerseits auf wirtschafts- und finanzpolitische Fehlentscheidungen, eine alternde Gesellschaft und eine hohe Sparneigung zurückzuführen ist. Andere Industrieländer bemühen sich, ein solches Szenario zu vermeiden, auch wenn ihre eigenen Bevölkerungen ebenfalls überaltern. Unter Umständen werden die Zentralbanken die Notenpresse anwerfen, um der steigenden Staatsverschuldung durch Druck neuen Geldes Herr zu werden, eine Maßnahme, die durchaus Gefahren birgt (Hyperinflation). Notenbanken und Regierungen sind sich dieses Risikos sehr bewusst, wahrscheinlich in höherem Maße als man allgemein annimmt. Wir meinen daher, dass die Inflation vor allem in Europa auf lange Sicht niedrig bleiben wird. Insofern sollte man längerfristige Staatsanleihen nicht pauschal abtun, auch wenn ihre Renditen zurzeit niedrig erscheinen. Denn für die niedrigen Renditen mag es einen guten Grund geben.





Über ING Investment Management:
ING Investment Management ist der globale Asset Manager der ING-Gruppe, ein weltweit präsenter Allfinanz-Konzern. Mit über Euro ca. 338 Milliarden Assets under Management, ist ING IM in 34 Ländern in Nord-, Mittel,- und Südamerika, Asien-Pazifik und Europa vertreten. ING IM Europe hat Standorte in 15 Ländern und verwaltet ca. 131 Milliarden Euro Assets under Management, bietet Investmentlösungen für den ING Unternehmensverbund, für ING Versicherungsunternehmen, institutionelle Kunden und Vertriebspartner. Die breite Palette von Investment-Strategien in Kombination mit den Distributionskanälen der ING-Gruppe zu Privatanlegern und institutionellen Anlegern, ermöglicht es ING Investment Management, allen seinen Kunden, sowohl in Europa als auch auf globaler Ebene, integrierte Lösungen im Finanzdienstleistungsbereich anzubieten. Stand 30. Juni 2009.

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