Jannis Kounellis im Kunstmuseum Liechtenstein

Kounellis setzt die Wirkkraft der Elemente ein, um mit seinen Kunstwerken alle Sinne zu wecken. Zugleich versucht er, das Statische in Bewegung zu versetzen. Metamorphose und Veränderung durchzieht sein gesamtes, über fünf Jahrzehnte gewachsenes bildnerisches Oeuvre. Er baut mit seinem Werk Spannungsfelder zwischen Natur und Kultur, zwischen Ordnung und Sinnlichkeit, zwischen dem Erbe der Vergangenheit und den Widersprüchen der Gegenwart auf. Auf poetische und theatralische Weise werden das Elementare des Lebens und das Geistige ebenso in seinem Werk ineinander verwoben wie das Tragische, die Mythologie und Geschichte.


Arte Povera und die Schönheit der kargen Materialien
Die Ausstellung im Kunstmuseum Liechtenstein zeigt seinen Weg von den frühen Buchstaben und Zahlenbildern über seine im Umfeld der Arte Povera entstandenen bildnerischen Skulpturen bis hin zu den monumentalen, dramatischen Bildinszenierungen des Spätwerks. Diese retrospektive Ausstellung ist die erste grosse Museumsausstellung im deutschspra-chigen Raum seit 20 Jahren. Sie zeigt eine Vielzahl an Schlüsselwerken des seit 1956 in Rom lebenden Künstlers.







«Seit vielen Jahren ist die Metamorphose mein eigentliches Thema. Hinzu kommt, dass ein Material sich von Raum zu Raum verändert, dass es in dieser Ausstellung anders funktioniert als in einer anderen Ausstellung. Ich versuche, mich nie zu wiederholen, nie dasselbe noch einmal zu machen …». Jannis Kounellis.


Der Künstler versteht jede Ausstellung als eine Gesamtinszenie-rung, als eine sich gegenseitig steigernde und entwickelnde Ganzheit mit der er seine künst-lerische Sprache weiterentwickelt. In den spezifischen Ausstellungsräumen fügt er Arbeit um Arbeit zu einer neuen Struktur zusammen. Dabei folgt er nicht dem Werdegang seines Oeuv-res als vielmehr inhaltlichen Zusammenhängen. In dieser Ausstellung baut Jannis Kounellis Spannungsfelder auf: Leichtigkeit und Schwere, Sensibilität und Aggressivität, Schönheit und Grausamkeit, Leben und Tod, Schwarz und Weiss.


Der Meister inszenierte gleich selbst
Zwei Wochen lang weilte Jannis Kounellis in Vaduz, um diese Ausstellung einzurichten. Sie zeigt seinen Weg von den frühen Zahlen- und Buchstabenbildern bis hin zu den monumentalen, raumgreifenden Bild-Inszenierungen seines Spätwerks. Zu sehen sind auch weitere frühe Schlüsselwerke, unter anderem eines der wenig bekannten Marine- und Seestücke und bildnerische Werke, die im Umfeld der Arte Povera entstanden. Werke, die den konven-tionellen Rahmen des Tafelbildes sprengen. Eine neue Arbeit ist in Vaduz entstanden.


Der Rückblick auf beinahe ein ganzes Lebenswerk
So umspannt diese Ausstellung fünf Jahrzehnte von Jannis Kounellis? Oeuvre und beinhaltet die Reflexion über das eigene Werk. Die Besinnung auf die eigene Vergangenheit verweist auch auf sein Streben, Geschichte in den Kunstwerken gegenwärtig werden zu lassen. «Man kann das Morgen nur dadurch finden, dass man die Idee der Macht, die Idee der Vergangen-heit und die Idee der Kultur, kurz und gut, die Idee all dieser Identitäten wieder ordnet. … Wo sonst ist das Morgen zu finden? … Um eine Kathedrale zu bauen, benötigt man … eine Me-thode und ein Erkennen der Vergangenheit.»


Das Statische in Beziehung mit dem Energetischen
Gegenstände, wie gebrauchte Nähmaschinen, Tische, Stühle, Kohle, Kaffeesäcke, bezieht Jannis Kounellis in sein Werk mit ein und verwandelt sie in der Verdichtung seines Werkzu-sammenhangs zu aufgeladenen Trägern der Vergangenheit und der Vergänglichkeit zugleich ? räumliche Stilleben. Sichtbar wird darin auch der Verlauf von Zeit und mit ihm der Wunsch nach Veränderung, nach Bewegung, die er in seinen Werken immer wieder zum Ausdruck bringt. Unter anderem indem er das Statische in Beziehung zu energiereichen Prozessen setzt. Den Ursprung dieses Gedanken verortet er in der griechischen Antike. «Die Moderne hat ihre Wurzeln in der Klassik, und ich denke, als die Griechen für die Kunst die Bewegung erfanden, war das ein Akt extremer Veränderung, weg vom Statischen, vom Verharren in Unbeweglichkeit. Sie haben einen dynamischen Humanismus entdeckt, und das hatte weit-reichende Folgen. Das ist meine Idee der antiken Klassik.»


Nie Nase sieht mit
Tonnen von Kohle, zischendes Feuer, duftender Kaffee, scharfe Klingen, ehemals ratternde Nähmaschinen, schweres Eisen, gebrauchtes und verbranntes Holz, ungesponnene Schaf-wolle, Fische ? organische, anorganische und industriell gefertigte Materialien sind in dieser Ausstellung und in Jannis Kounellis Werk elementare Bausteine. Jannis Kounellis setzt ihre Wirkkraft ein, um Kunstwerke zu schaffen, die unsere Sinne ansprechen. «Sie wirken, weil sie Sinnesreize auslösen, Empfindungen. Auch das ist Teil meiner ursprünglichen Absicht, auf brave Tafelbilder mit ihrem ganzen akademischen Kontext zu verzichten und gegenüber der Apathie des Publikums aktiv zu werden.»


Dabei versteht sich Jannis Kounellis als Maler, der von Anbeginn das Verhältnis von Wand und Raum erforscht und innerhalb dessen sich sein gesamtes Oeuvre als eine grosse energiegeladene Narration einspannt.






«Wenn ich von ?Aneignen des Raums? spreche, meine ich damit einen von der Vorstellung geschaffenen Raum, der diese Art von Bildwerdung erlaubt. Warum Raum? Warum kein gemaltes Bild? Warum der Kohle-Container? Weil mein Werk keine Skulptur ist und keine Malerei. Trotzdem bin ich Maler: Ich zeige das Nicht-Sichtbare, aber ich male nicht. Was ich anstrebe, ist die Fähigkeit, zu einem inneren Bild zu gelangen, das heisst zu dem, was das Bild ursprünglich repräsentierte. Das ist die Aufgabe des Malers, das Malen an sich ist eine Frage des Handwerks.» Jannis Kounellis.


Ein Cellist spielt ein kurzes Stück aus der Johannispassion von Bach. Stille. Nach einer Zeit erklingt das Motiv der Passion erneut. Stille. Der Cellist sitzt neben einem grossen, warmfar-bigen Bild, auf dem sich die Noten befinden. Jannis Kounellis hat von Anbeginn Menschen, sich mit eingeschlossen, mit ihrem musischen und geistigen Potential in performativer Form in sein Werk einbezogen. Das menschliche Mass – tragend auch in den Betten und Eisen-blechen, die auf dem Mass eines Einzelbettes beruhen – ist die Basis für all sein Schaffen. 1960 hat sich Jannis Kounellis in ein Zahlen- und Buchstabenbild eingehüllt, zudem umhüll-ten seinen Kopf und seine Hände Rollen aus festem Papier. So in eine priesterähnliche Rolle überführt, sang er eine Art Litanei. «Ich sang meine Bilder. Das war, wenn man so will … mei-ne erste Performance.»


Ein Entwurf zur Freiheit
Auf poetische und theatralische Weise stellt er natürliche und künstliche Strukturen einander gegenüber. Dabei spiegelt sein Werk das Fragmentarische unserer heutigen Gesellschaft wieder, aber nicht als Sehnsucht nach einer verlorenen Ganzheit sondern vielmehr als Herausforderung für einen Entwurf von Freiheit. Das Elementare des Lebens und das Geistige werden in seinem Werk ebenso ineinander verwoben wie das Tragische, die Mythologie und Geschichte. Er baut mit seinem Werk Spannungsfelder zwischen Natur und Kultur, zwischen Ordnung und Sinnlichkeit, zwischen dem Erbe der Vergangenheit und den Widersprüchen der Gegenwart auf. (kml/mc/th)


Die Ausstellung entstand in Kooperation mit dem Museo d?Arte Contemporanea Donnaregina in Neapel (MADRE) und dem Künstler.


Katalog
Die Ausstellung wird begleitet von einem Katalog in englischer und deutscher Sprache mit Beiträgen von Mario Codognato und Eduardo Cicelyn und zahlreichen Abbildungen, 260 Seiten. Dazu erscheint eine ergänzende Publikation des Kunstmuseum Liechtenstein. Preis 54 CHF

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