Markus Koch, Partner Wirtschaftsberatung PwC

von Patrick Gunti


Herr Koch, die Finanzkrise hat längst auf die Realwirtschaft durchgeschlagen. Welche Industrien sind heute bereits stark betroffen, welche Segmente haben noch Zeit, sich auf die Krise und ihre Folgen vorzubereiten?


Sehr schnell und überraschend heftig getroffen wurden vor allem die traditionell sehr zyklischen Industrien wie zum Beispiel die Textil und die Automobilindustrie. Weiter die übrigen stark exportlastigen Industrien und in diesem Zusammenhang auch die internationale Transport- und Logistikbranche. Selbstverständlich kann man innerhalb der Branchen nicht generell auf die einzelnen Firmen schliessen. In jeder Branche gibt es Firmen, die sich so positioniert haben (z.B. in einer Sub-Nische), dass sie bis jetzt weniger getroffen wurden.


Nachdem in der Schweiz der Konsum lange eine Stütze der Konjunktur war, mehren sich die Anzeichen, dass sich die Wirtschaftssituation auch hier zu verschlechtern beginnt. In der Tourismus-Branche ist der Abschwung mit dem erwarteten Zeitverzug eingetreten –  der Rückgang der ausländischen Gäste erfolgt zum Teil wohl im Frühling, sicher im Sommer. Die Branchen mit langen Auftragszyklen wie die Infrastruktur-Branche, und dazu gehört auch die Baubranche, haben noch Zeit sich vorzubereiten.


Welches sind generell die grössten Herausforderungen für die Unternehmen in der aktuellen Situation?


Die grösste Herausforderung ist abzuschätzen, wie stark und wie lange die Rezession ist. Die Volatilität ist so gross wie selten zuvor. Die Kapazitäten so zu fahren, dass man sie nicht zu stark oder zu wenig reduziert, ist eine Gratwanderung.


Das Kostenmanagement rückt in konjunkturell schlechteren Zeiten in den Vordergrund. Mit welchen Massnahmen reagieren die Unternehmen auf die Krise?


78% der Firmen, der Firmen die auf unsere kürzliche Umfrage geantwortet haben, sind bereits daran, ihre Kostenbasis zu optimieren. Meist wurden die Verwaltungskosten angegangen. Tiefgreifende Anpassungen im Geschäftsportfolio, im Produktsortiment und in der Gruppenstruktur wurden bis jetzt nur vereinzelt gemacht. Dies prüfen jedoch viele Unternehmen zurzeit.


«Die Kapazitäten so zu fahren, dass man sie nicht zu stark oder zu wenig reduziert, ist eine Gratwanderung.»


Die Personalsituation steht im Fokus der Überlegungen. Gleichzeitig laufen die Unternehmen Gefahr, dass auch die wichtigsten Mitarbeiter abspringen, die den Erfolg des Unternehmens nach einer Erholung der Wirtschaft sichern sollen. Was können Unternehmen tun, um dies zu verhindern?


Sehr viele der Firmen, die an unserer Umfrage teilgenommen haben, haben einen Einstellungsstopp verhängt. Auch Personalbbauprogramme sind bei vielen eingeleitet oder in Vorbereitung. Einen Einstellungsstopp sollte man nicht blind einhalten. Eine der Chancen der Krise ist, dass man unter Umständen endlich die Leute rekrutieren kann, die man in den letzten Jahren vergeblich gesucht hat. Wichtig ist so oder so, dass man die Schlüsselmitarbeiter identifiziert und ihnen pro-aktiv kommuniziert, dass man weiterhin auf sie zählt. Man kann für Schlüsselmitarbeiter auch flexible Arbeitszeitmodelle ins Auge fassen (z.B. 60% Lohn, bei 50% Arbeit). Die Anträge für Kurzarbeit nehmen exponential zu. Kurzarbeit kann ein taugliches Mittel sein, um vorübergehend Personalkosten abzubauen. Sollte die Krise wie mittlerweile von verschiedenen Konjunkturforschern erwartet länger dauern, kann Kurzarbeit auch zu falscher Sicherheit führen.


Gemäss einer PwC-Studie bewerten die Unternehmen das Verhältnis zwischen Kosten und Einnahmen neu. Mit welchen Folgen?


Während in den Hochkonjunktur-Jahren die Management-Kapazitäten sehr stark auf die Förderung des Wachstums gerichtet wurden, treten nun Kostenreduktionen in den Vordergrund. Dazu gehören wie bereits oben erwähnt die Personalkosten, die Verwaltungskosten und mehr und mehr auch die Komplexitätskosten (Produktsortiment, Marktabdeckung, etc.). Auch Investitionen werden gemäss unserer Umfrage sehr stark zurückgefahren. 70% der teilnehmenden Firmen überdenken Ihre Investitionen, zum überwiegenden Teil geht es dabei um eine Verschiebung der Investitionen.


Wie sieht es bei den Finanzmitteln der Unternehmen aus? Spüren die Unternehmen den Druck der Banken und ist die vielzitierte Kreditklemme ein Thema?


Gemäss den Statistiken der Schweizerischen Nationalbank ist das Volumen der gesprochenen Kreditlimiten nach wie vor sehr hoch. Im November 2008 haben diese sogar den höchsten Stand aller Zeiten erreicht. Diese makroökonomische Betrachtung wird durch unsere mikroökonomische Umfrage bestätigt. Nur 38% der Firmen spüren einen erhöhten Druck der Banken. Wenn man die Firmen mit über CHF 500 Mio. Umsatz herausrechnen würde, wäre diese Zahl sogar noch kleiner, denn 56% der grossen Firmen spüren einen grösseren Druck durch die Banken. Ein Grund könnte sein, dass auch viele grosse Schweizer Firmen durch internationale Bankenkonsortien finanziert sind, deren Mitglieder am meisten unter der Finanzkrise gelitten haben und nun von ihren jeweiligen Heimländern saniert werden mussten.


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Welche Veränderungen stellen die Unternehmen bei der Zahlungsmoral ihrer Kunden fest?


56% der von uns befragten Unternehmen spüren ein verändertes Zahlungsverhalten ihrer Kunden. Die meisten Firmen begegnen diesem Druck mit verstärkter Kreditkontrolle und Überlegungen bezüglich Skonti oder Factoring. Der Druck auf das Working Capital wird unvermindert anhalten. Wer sich nicht entschieden wehrt, läuft Gefahr, am Ende die Supply Chain zu finanzieren. Dies gilt auch gegenüber Kreditoren, wo die Beurteilung der finanziellen Stabilität schlagartig an Bedeutung gewonnen hat und wo zum Teil Schlüssellieferanten durch Vorauszahlungen über Wasser gehalten werden müssen.


Die Folgen der Krise sind noch nicht abzusehen. Budgets müssen laufend angepasst werden, verschiedene Szenarien ausgearbeitet werden. Flexibilität bei der Reaktion auf die Ereignisse ist gefordert. Wie sind die Unternehmen Ihrer Meinung nach auf eventuell noch schlechtere Zeiten vorbereitet?


Erfreulich viele Firmen haben geantwortet, dass sie ihre Budgets überarbeitet haben und verschiedene Szenarien und Stress-Tests gemacht haben. Wichtig ist natürlich auch, dass man die verschiedenen Szenarien mit entsprechenden Notfallplänen unterlegt. Auch hier sind erfreulich viele Firmen aktiv.


Was ist bei der Ausarbeitung dieser verschiedenen Szenarien besonders zu beachten?


Es müssen bezüglich der Szenarien schon heute weitgehend verbindliche vorbehaltene Entscheide gefällt werden, solange man die nötige Distanz noch hat. Nur so können die Notfallpläne bei Eintreten der entsprechenden Szenarien mit der nötigen Disziplin zeitnah ausgelöst werden.


«Die Chancen können nur gepackt werden, wenn man sich jederzeit genügend Handlungsspielraum erhält.»


Lässt sich generell festhalten, wie man am besten durch die Krise kommt und was dabei prioritär zu behandeln ist?


Generell erachte ich es als entscheidend, dass die nötigen Entscheidungen mit der nötigen Konsequenz zeitverzugslos gefällt und umgesetzt werden. Dies ist nur möglich, wenn man verhindert, dass man diese Entscheidungen zu sehr aus dem Tagesgeschäft heraus fällt. Der sinnvolle Einsatz des Verwaltungsrates oder anderen Sparingpartnern ist unerlässlich.


Wir haben zudem 10 Prioritäten für ein einfolgreiches Management in der Krise definiert ( www.pwc.ch/confidence ). Ausnahmslos jede Firma, mit der ich über die Krise spreche, erachtet «Cash is King» als wichtigste Priorität. Es geht dabei um das Management der Bankbeziehungen, des Working Capitals und der Investitionen. Cash is King ist nicht nur wichtig, um in der Krise zu überleben, sondern auch um die Chancen packen zu können, die sich bieten.


Orten die Unternehmen in der Krise auch Chancen?


Vielen Firmen kontaktieren uns, um ihre M&A-Fähigkeiten zu stärken, da sie davon ausgehen, dass sich attraktive Acquisitions-Möglichkeiten ergeben. Immer wieder höre ich zudem, dass man jetzt endlich die Restrukturierungen durchziehen kann, die man schon vor 4-5 Jahren hätte machen sollen, die aber politisch nicht durchsetzbar waren. Auch wie bereits erwähnt kann die Rekrutierung von wichtigen Mitarbeitern eine Chance sein. Nicht zuletzt wird es auch Branchen geben, die von den anlaufenden Konjunkturprogrammen profitieren werden (z.B. im Infrastruktur-Bereich).


Was gilt es zu beachten, damit diese Chancen auch gepackt werden können?


Die Chancen können nur gepackt werden, wenn man sich jederzeit genügend Handlungsspielraum erhält. Dazu gehören wie bereits erwähnt die finanziellen Mittel während der Krise. Nachhaltig kann man die Chancen aber nur packen, wenn man zusätzlich zum kurzfristigen Krisenmanagement auch die langfristige Perspektive nie aus den Augen verliert. Unter anderem muss die Produktentwicklung und -positionierung angemessen vorangetrieben werden, um als einer Gewinner aus der Krise hervorzugehen.


Herr Koch, besten Dank für das Interview.





Zur Person:


Markus Koch, Partner


Werdegang bei PricewaterhouseCoopers
2005 Ernennung zum Partner
2002 Einstieg bei PricewaterhouseCoopers


Erfahrungsgebiet
Leiter Business Restructuring Services (BRS)
Finanzielle und operationelle Restrukturierung
Working Capital Management
Kostenreduktionen
Contingency Planning
Strategieentwicklung


Ausbildungen
Betriebsökonom (HWV/FH)
Master of Business Administration (Dartmouth College, USA)


Zum Unternehmen:


Mit dem vernetzten Know-how und der Erfahrung von mehr als 155’000 Mitarbeitenden in 153 Ländern bietet PricewaterhouseCoopers ein umfassendes Angebot von Prüfungs- und Beratungsdienstleistungen für internationale und lokal führende Unternehmen sowie für den öffentlichen Sektor. Die Spezialisierung der Mitarbeitenden in der Schweiz auf verschiedene Branchen und Märkte gestattet die spezifische Anpassung der Beratung und Unterstützung an jeden individuellen Kundenwunsch; gerade auch für mittelständische Unternehmen. Die Dienstleistungen umfassen Wirtschaftsprüfung, Steuer- und Rechtsberatung und Wirtschaftsberatung.


 

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