Patrick De Maeseneire, CEO Barry Callebaut

von Christa Spoerle


Herr De Maeseneire, ist Schokolade ein Gewinner in der Krise?


Schokolade hält sich sicher besser als andere Produkte. Doch erstmals seit über einem Jahrzehnt sehen wir beim weltweiten Schokoladenkonsum aktuell ein rückläufiges Wachstum. In einigen der wichtigsten westeuropäischen und nordamerikanischen Märkte sank der Konsum in den letzten Monaten zwischen 5% und 9%. Die Schokoladenmärkte in Osteuropa und Asien konnten ihr hohes einstelliges Wachstum hingegen fortsetzen. Dank geeigneter strategischer Aktivitäten und weil wir frühzeitig effizienzsteigernde Massnahmen ergriffen haben, ist es uns in diesem rezessiven Umfeld gelungen, unsere Verkaufsmenge im ersten Semester des Geschäftsjahres 2008/09 zu halten und unsere Profitabilität im zweistelligen Bereich zu steigern.


Was erwarten Sie für das zweite Halbjahr des Geschäftsjahres 2008/09?


Wir erwarten ein weiterhin herausforderndes Umfeld, und auch die Währungsschwankungen werden anhalten. Die nachgebenden Preise für Kakaobutter werden die Margen negativ beeinflussen, was wir durch weitere Effizienzgewinne und Kostensenkungen teilweise zu kompensieren versuchen. Infolge der beispiellosen Wirtschaftskrise sehen wir für das Geschäftsjahr 2008/09 ein schwächeres Volumenwachstum von rund 2?4%, was aber immer noch deutlich über dem globalen Schokoladenmarkt liegt. In Lokalwährungen erwarten wir, dass die Gewinne im Rahmen unserer Ziele liegen werden.


Sie halten aber an den mittelfristigen Finanzzielen fest (4-Jahres-Wachstumsziele für 2007/08?2010/11, im Durchschnitt pro Jahr: Verkaufsmenge 9?11%, EBIT 11?14%,Konzerngewinn 13?16%), was macht Sie so optimistisch?


Das dritte Quartal liess sich gut an, unterstützt von einem späten Osterfest, und unsere Auftragsbücher sind besser gefüllt als letztes Jahr. Wir sind deshalb zuversichtlich, dass das Volumenwachstum im zweiten Semester anziehen und sich beschleunigen wird. Dies sollte es uns ermöglichen, die von Ihnen erwähnten 4-Jahres-Finanzziele zu erreichen, falls keine grösseren unerwarteten Ereignisse eintreten.


Welche Märkte verzeichnen noch einen steigenden Schokoladekonsum?


Das sind die so genannten Wachstumsmärkte Osteuropas, Asiens und Lateinamerikas. Dazu zählen insbesondere Polen, Russland, die Ukraine, die Türkei, China und Brasilien. In diesen Ländern haben wir in den letzten Jahren gezielt investiert: Wir verfügten bereits über eine Fabrik in Polen, haben 2007 eine neue Schokoladenfabrik in Russland eröffnet, von wo aus wir auch die anderen osteuropäischen Märkte beliefern. In Asien betreiben wir mittlerweile vier Fabriken ? in Singapur, China, Japan und Malaysia. Und in Brasilien werden wir bis Ende 2009 eine eigene Schokoladenfabrik in Betrieb nehmen. Die geografische Expansion ist Teil unserer Wachstumsstrategie, und sie macht sich nun auch in der Krise bezahlt.


<<Total rechnen wir für das gesamte Geschäftsjahr mit Investitionen in Höhe von rund CHF 120 Mio.>>


Hat der Milchskandal in China auch die Schokoladenachfrage tangiert?


Unsere eigenen Produkte waren stets tadellos. Doch es gab Kunden, die in dieser Zeit nicht mit Produkten aus China beliefert werden wollten. Dank unserem Produktionsnetz konnten wir auf andere Fabriken in der Region ausweichen. Mittlerweile hat sich die Situation wieder normalisiert und unsere Produktionsvolumen in China wachsen erfreulich.


Wo gibt es weisse Flecken auf Ihrer Produktionslandkarte, die Sie noch füllen möchten?


Der bedeutendste weisse Fleck befand sich bis vor kurzem in Südamerika. Der Kakao stammt ursprünglich aus Südamerika, die Menschen in Südamerika sind mit dem Geschmack von Schokolade vertraut ? ganz anders als etwa die Konsumentinnen und Konsumenten in China. In Brasilien hatten wir bisher eine Kakaofabrik in Bahia, wo Kakao wächst. Unser Verwaltungsrat hat nun beschlossen, dass wir bis Ende Kalenderjahr 2009 auch eine eigene Schokoladenfabrik im Südosten Brasiliens in Betrieb nehmen wollen. Wir konnten bereits ein Distributionsabkommen mit dem führenden Agrounternehmen Bunge für Brasilien abschliessen. Dabei wird Bunge den exklusiven Vertrieb im Food-Service-Bereich von Gourmet-Schokoladenprodukten übernehmen, die Barry Callebaut künftig in Brasilien herstellt. Bunge verfügt über das grösste Vertriebsnetz in Brasilien und besucht täglich rund 25’000 Bäckereien, Confiserien, Hotels, Restaurants, Chocolatiers und ähnliche gewerbliche Kunden.


Was sind Ihre wichtigsten Investitionsprojekte im laufenden Jahr?


Wir haben im September einen kleinen Deko-Schokoladenhersteller in Belgien erworben, Ende 2008 eine Schokoladenfabrik von Morinaga in Japan übernommen, im Januar 2009 eine Schokoladenfabrik in Mexiko ? unsere drittgrösste weltweit ? eingeweiht, und wir werden in Brasilien in eine neue Schokoladenfabrik investieren. Hinzu kommen die üblichen Investitionen in Unterhalt und Modernisierung unserer bestehenden Anlagen. Total rechnen wir für das gesamte Geschäftsjahr mit Investitionen in Höhe von rund CHF 120 Mio.


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Sie konnten trotz stagnierenden Verkaufsmengen den Betriebsgewinn steigern, was ist Ihr Erfolgsrezept?


Die deutliche Profitabilitätssteigerung wurde aufgrund von verbesserten Margen, einer strikten Kostenkontrolle, Effizienzmassnahmen sowie höheren Margen auf Kakaoprodukten erzielt.


Hoffen Sie in einem schwachen Umfeld Marktanteile zu gewinnen?


Ja, das ist uns im ersten Halbjahr zum Beispiel in der Region Nord- und Südamerika mit einem Verkaufsmengenwachstum von 7% gelungen, während der Schokoladenkonsum in den USA um gut 9% zurückgegangen ist. Wenn etwa Investitionen in Fabriken anstehen oder wenn es um Spezialitätenschokoladen geht, die aufwendig sind in der Produktion, stehen die Chancen gut, dass wir mit unserer globalen Präsenz, Innovationskraft und Kostenführerschaft zum Zug kommen. Der Outsourcing-Trend geht weiter.


<<Ich bin stolz und vor allem dankbar, dass ich mit einem so tollen und motivierten Team von Kolleginnen und Kollegen auf der ganzen Welt zielgerichtet die Strategie von Barry Callebaut umsetzen durfte.>>


Sie wollen Kakaobestandteile auch für Schönheitsprodukte nutzen, wie weit sind Ihre Pläne gediehen?


Barry Callebaut ist in erster Linie ein Kakao- und Schokoladenunternehmen. Es ist nicht so, dass wir nun plötzlich in die Kosmetikindustrie umsteigen wollen. Wir haben eine Gesichtscreme entwickelt, die Kakaobestandteile enthält, insbesondere die im Kakao reichlich enthaltenen Polyphenole, die der Hautalterung und Faltenbildung entgegenwirken. Wir testen diese Creme nun mit einigen Kosmetikunternehmen auf ihre Wirksamkeit und darauf, wie man die Vorteile den Konsumentinnen näher bringt. 


Nach 7 Jahren als CEO von BC, auf was sind Sie besonders stolz?


Ich bin stolz und vor allem dankbar, dass ich mit einem so tollen und motivierten Team von Kolleginnen und Kollegen auf der ganzen Welt zielgerichtet die Strategie von Barry Callebaut umsetzen durfte. Diese basiert auf den drei Säulen geografische Expansion, Innovation und Kostenführerschaft. Deshalb verfügt Barry Callebaut heute über eine starke globale Präsenz, insbesondere auch in den aufstrebenden Märkten, ein breit diversifiziertes Produktportfolio und eine starke Stellung als bevorzugter Outsourcing-Partner der gesamten Lebensmittelindustrie. Wir haben auch in Westafrika, wo heute der grösste Teil der Welt-Kakaoernte herkommt, in unsere lokalen Fabriken und damit in Arbeitsplätze investiert, wir haben Nachhaltigkeitsprojekte mit Kakaobauern initiiert, wir haben Häuser für unsere Mitarbeitenden gebaut. Es war mir immer wichtig, diesem Kontinent, der unseren wichtigsten Rohstoff ? Kakao ? liefert, etwas zurückzugeben.  Die Zusammenarbeit im Team und die Chance, Barry Callebaut zu formen, haben mir jeden Tag Freude gemacht. Deshalb bin ich auch sieben Jahre bei Barry Callebaut geblieben ? so lange wie noch bei keinem Unternehmen davor.


Werden Sie Ihrem Nachfolger Ratschläge mit auf den Weg geben und welche?


Ich werde mich hüten davor! Mein Nachfolger Jürgen Steinemann hat eine beeindruckende Karriere, verfügt über mehr als zwanzig Jahre Erfahrung in internationalen Positionen und insbesondere im business-to-business-Bereich ? er braucht keine Ratschläge von mir!





Zur Person:
Patrick G. De Maeseneire, Jahrgang  1957,  ist Belgier und leitet seit dem 1. Juni 2002 als  CEO die Barry Callebaut AG. Davor war Patrick De Maeseneire in verschiedenen Positionen bei Adecco S.A., Wang Belgien, Apple Computers und Arthur Andersen tätig.  Er studierte Ingenieurwissenschaften an der Universität Brüssel und Marketing Management an der Universität Gent sowie Business Management an der London Business School und an der Insead in Fontainebleau in Frankreich. Ab Juni wird er der neue Chef des Personalvermittlers Adecco 


Zum Unternehmen: 
Barry Callebaut mit Sitz in Zürich erzielte im Geschäftsjahr 2007/08 einen Jahresumsatz von mehr als CHF 4,8 Mrd. Das Unternehmen ist in 26 Ländern präsent, unterhält circa 40 Produktionsstandorte und beschäftigt mehr als 7’000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das Unternehmen steht im Dienst der gesamten Lebensmittelbranche – von industriellen Nahrungsmittelherstellern über gewerbliche Anwender von Schokolade wie Chocolatiers, Confiseure oder Bäcker bis hin zu internationalen Einzelhandelskonzernen. Zudem bietet Barry Callebaut umfassende Dienstleistungen in den Bereichen Produktentwicklung, Verarbeitung, Schulung und Marketing an.

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