Roland Lösser: «Für Clariant ist Europa zentraler Forschungsstandort»


Die Spezialitäten-Chemie-Herstellerin Clariant befindet sich im Umbruch. Im Moneycab-Interview zieht CEO Roland Lösser Zwischenbilanz, unter anderem zum erreichten finanziellen Turnaround, nimmt Stellung zu den internationalen Märkten sowie zu den Forschungsstandorten im In- und Ausland und hält Ausschau auf die kommenden Jahre.

Moneycab: Herr Lösser, im Halbjahresbericht 2004 attestieren Sie Ihrem im August 2003 angekündigten weltweiten Transformationsprogramm (Massnahmen zur Kostenreduktion, Veräusserung von Unternehmensteilen und Fokussierung auf Kernaktivitäten) gute Fortschritte. Können Sie uns einige Meilensteine der jetzt eingetretenen Phase zwei nennen?

Roland Lösser: Clariant hat mit der Veräusserung von Geschäften, die nicht mehr zu den Kernaktivitäten gehören, und einer erfolgreichen Kapitalerhöhung den finanziellen Turnaround sichergestellt. Innerhalb eines Jahres haben wir unsere Schulden halbieren können, und das Eigenkapital ist auf über 2 Milliarden Franken gestiegen. Damit haben wir die nötige Flexibilität für die weitere Durchführung des Transformationsprogramms gewonnen, das auf eine nachhaltige Senkung der Kostenbasis um 700 bis 900 Millionen Franken abzielt. Das Programm verläuft nach Plan und wir erwarten bereits in diesem Jahr eine Verbesserung um rund 100 Millionen Franken. Die grössten Einsparungseffekte werden in den kommenden zwei Jahren anfallen. In der zweiten Phase geht es nun insbesondere darum, sich in den Divisionen und in den Ländern auf die neue Organisationsstruktur der Clariant auszurichten und die nötigen strukturellen und operativen Massnahmen rasch zu implementieren.

Gemäss einem Interview Ihres Pressesprechers mit der Agentur AFX bleibt für Clariant die wirtschaftliche Entwicklung in Europa der Schlüsselfaktor für die weitere Geschäftsentwicklung 2004. Können Sie uns wirtschafts- oder länderspezifische Faktoren nennen, die sich Clariant für eine weitere Verbesserung des zweiten Halbjahres erhofft?

Trotz der laufenden Transformation haben wir Märkte und Kunden nicht vernachlässigt und im ersten Halbjahr ein Volumenwachstum von 9 Prozent erreicht. Europa hinkt dem starken Wachstum in Asien und in Amerika noch hinterher, doch sehen wir erste Anzeichen einer Erholung. Die europäischen Märkte sind für uns wichtig, weil wir hier rund die Hälfte unseres Umsatzes erwirtschaften. Sollte die Wirtschaft in dieser Region wieder entscheidend an Fahrt gewinnen, würde dies das Resultat des zweiten Halbjahres zweifellos positiv beeinflussen.

In welchen geografischen und Produkte-Märkten sieht Clariant das grösste Wachstumspotenzial in den kommenden Jahren?

Ganz erhebliches Wachstumspotenzial bietet sich in Asien, insbesondere in China, etwas weniger in Amerika. Aber auch in traditionellen Märkten, wie zum Beispiel Europa, lässt sich mit neuen, innovativen Produkten und Anwendungen überdurchschnittliches Wachstum erzielen. Dabei denke ich etwa an neue Produkte im Bereich der Technischen Textilien, an Hochleistungspigmente für die Veredelung von Oberflächen, an eine neue Generation von Flugzeugenteisern mit umweltfreundlichen Eigenschaften oder lichtdurchlässigen Masterbatches für PET-Flaschen. Es ist unsere Strategie insbesondere jene Geschäfte zu stärken, in denen wir technologisch führend sind, eine starke Wettbewerbsposition und einen hohen Anteil an Services haben.

Dank dem reduzierten Anteil von Geschäftsbereichen mit hohem Verbrauch von Erdölderivaten war Clariant im zweiten Quartal kaum vom hohen Ölpreis betroffen. Im dritten Quartal hat der Ölpreis jedoch ein 14-Jahres-Hoch erreicht. Sind die heutigen Konstellationen so, dass sich selbst derartige Preisaufschläge auch im dritten Quartal nur minim auswirken dürften?

Aufgrund der realisierten Veräusserungen hat sich der Anteil von Geschäftsbereichen mit hohem Verbrauch von Erdölderivaten deutlich reduziert. Deshalb wirkt sich die Entwicklung auf den Erdölmärkten weniger auf die Rohmaterialkosten aus als früher. Natürlich geht die derzeitige Entwicklung nicht spurlos an uns vorbei. Aber wir sind daran, entsprechende Preisanpassungen wo immer möglich durchzusetzen. Aus diesem Grund erwarten wir für das Gesamtjahr im Vergleich zum Vorjahr keine wesentliche Änderung.

Clariant ist als eines der weltweit führenden Spezialitäten-Chemie-Unternehmen den jeweiligen Währungsschwankungen unterworfen. Ist die Rechnungslegung in einer Fremdwährung für Sie ein Thema und welche Währung käme dafür allenfalls in Frage?

Die wichtigsten Währungen sind der Euro und der US-Dollar. Währungsrisiken sichern wir selektiv ab. Weil wir unseren Konzernsitz in der Schweiz haben und an der SWX kotiert sind, rechnen wir auch in Schweizerfranken ab. Eine Rechnungslegung in einer Fremdwährung würde uns nach aussen vielleicht positiver darstellen, würde aber zu keiner operativen Verbesserung führen. Weil viele Mitbewerber in Euro oder Schweizerfranken berichten, stellt sich diese Frage auch aus Gründen der Transparenz nicht.

Clariant hat im Februar den geplanten weltweiten Abbau von rund 4000 Stellen in den kommenden zwei Jahren bekannt gegeben. Im Juni teilte Clariant mit, dass darunter auch 250 bis 280 Arbeitsplätze der Standorte Muttenz und Reinach fallen. Die Anzahl der vorgesehenen rund 100 Entlassungen soll mit internen Job-Börsen und Outplacement so tief wie möglich gehalten werden. Zeichnen sich hier schon Ergebnisse ab?

Die Ergebnisse werden sich vor allem im kommenden Jahr abzeichnen. Die Umsetzung der Personalmassnahmen in der Schweiz findet in drei Modulen statt. Bis jetzt wurden rund 20 gekündigten Mitarbeitenden aus dem ersten Modul Outplacement Massnahmen angeboten. Ich freue mich, dass bereits für einige Mitarbeiter externe Lösungen gefunden werden konnten und sich auch für andere neue Wege abzeichnen. Die entsprechenden Massnahmen werden wir weiter unterstützen. Für die betroffenen Mitarbeitenden aus den zwei folgenden Modulen beginnen sie jedoch erst Ende Oktober.

Andererseits will Clariant in den nächsten zwei Jahren zahlreiche neue Arbeitsplätze – jedoch mit anderen Stellenprofilen – aus verschiedenen Landesgesellschaften an den Konzernsitz Muttenz verlagern. Nimmt dies bereits konkrete Formen an?

Die neue Konzernstruktur wird Anfang 2005 eingeführt. Dazu wird im kommenden Jahr das Corporate Center in der Schweiz wesentlich ausgebaut. Im Mittelpunkt steht die Stärkung von wichtigen Funktionen wie Supply Chain Management, Sourcing oder Human Resources. Zudem werden die Leitungen der Divisionen am Standort Muttenz zusammengezogen. Insgesamt rechnen wir mit über 200 zusätzlichen Arbeitsplätzen.

Clariant verfügt in Asien über eine Vielzahl von Vertretungen, Handelsfirmen und Produktionsstätten. Produzieren Sie auch bereits im boomenden China?

Clariant verfügt schon seit vielen Jahren in Asien über eine starke Position und erzielt dort 22 Prozent ihres Umsatzes. In Ländern wie Indien, Pakistan, Indonesien, Korea, Taiwan oder Japan wird nicht nur verkauft, sondern auch eine breite Palette von Produkten produziert. In China verfügen wir über sieben Produktionsstätten, in denen Farbstoffe und Chemikalien für Textil, Leder und Papier, aber auch Pigmente und Masterbatches produziert werden. Diese Geschäfte wachsen stark und sind allesamt profitabel. Unser Ziel ist es, den derzeitigen Jahresumsatz in China von rund 350 Millionen Franken in den nächsten fünf Jahre mindestens zu verdoppeln.

Dem allgemeinen Trend folgend verlagern immer mehr europäische Firmen auch Teile ihrer Forschung und Entwicklung in Billiglohnländer wie z.B. nach Indien. Hat es innerhalb von Clariant ebenfalls solche Verschiebungen gegeben oder sind solche beabsichtigt?

Für Clariant ist Europa zentraler Forschungsstandort. Wir forschen und entwickeln aber schon seit längerer Zeit auch in asiatischen Ländern. Fast 15 Prozent unserer Mitarbeiter in Forschung, Entwicklung und Anwendung arbeiten dort. Zudem verfügen wir mit verschiedenen Technischen Zentren, beispielsweise in China, Indien oder in Pakistan, über kundennahe Basen für anwendungsorientierte Entwicklungen.

Clariant Schweiz beteiligt sich am Projekt «Schweizer Jugend forscht» und bietet in diesem Jahr während einer Woche fünf begleitete Laborplätze in der Farbenforschung an. Kann Clariant – nebst einem vorbildlichen Beispiel – aus diesem Beitrag auch einen anderweitigen Nutzen ziehen?

Die Chemische Industrie ist in den letzten Jahren bei den jungen Leuten leider etwas aus der Mode gekommen. Die Zahl der Studierenden in diesem Bereich war stark rückläufig, steigt nun aber wieder an. Clariant ist aber, wie andere Unternehmen auch, auf gute Nachwuchskräfte angewiesen. Durch Mitwirkung bei «Schweizer Jugend forscht» erhalten wir die Möglichkeit, den Jungen die Attraktivität chemischer Berufe wieder näher zu bringen.


Moneycab Interviews Roland Lösser 
Jahrgang: 1942

Seit 2003 CEO Clariant

Ausbildung zum Diplom-Betriebswirt (FH)
1980 – 1986 Leiter System Management Sandoz Basel
1986 – 1990 CFO und Vorstandsmitglied Sandoz Deutschland AG
1990 – 1995 CFO Sandoz Corporation USA
1995 – 2001 CFO Clariant AG
Seit 2002 VR-Vizepräsident
Clariant AG
Seit 2003 CEO Clariant AG 
Clariant AG
 
Die Clariant AG entstand anlässlich der Verselbständigung der Division Chemikalien von Sandoz mittels Börsengang im Sommer 1995. 1997 übernahm die Clariant AG das Geschäft mit Spezialchemikalien von Hoechst, 1999 dasjenige von BTP. Der Konzern ist weltweit tätig und operiert mit über 100 Gesellschaften in fünf Kontinenten. Das Werk Muttenz ist der Sitz der Konzernleitung und mehrerer Divisionen.

Clariant ist einer der weltweiten Marktführer für Spezialitäten-Chemieprodukte. Starke Geschäftsverbindungen, ein Bekenntnis zu hohen Serviceleistungen sowie ein breitgefächertes Anwendungs-Know-how haben Clariant zu einem international anerkannten und gefragten Partner gemacht.

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