Urs Schüpbach, Generaldirektor Manpower

Von Jolanda Lucchini


Moneycab: Herr Schüpbach, der Manpower-Arbeitsmarktbarometer drittes Quartal 2010 zeigt, dass 12% der 751 befragten Arbeitgeber mit einem Anstieg ihrer Beschäftigtenzahlen rechnen. 84% erwarten aber keine Veränderung und 3% sogar einen Rückgang. Manpower spricht trotzdem von hervorragenden Aussichten auf dem Arbeitsmarkt. Warum?


Das letze Barometer zeigt, dass mit Ausnahme des Tessins (starker Einfluss von Italien) sieben von sechs Wirtschaftsregionen der Schweiz mit einem Anstieg der Personalbestände im 4. Quartal rechnen. Und im Vergleich der Wirtschaftssektoren sehen die Arbeitgeber in neun von zehn Sektoren dem Jahresende zuversichtlich entgegen. Die saisonal bereinigte Arbeitsmarktprognose (ohne Ferienzeit- und Jahreszeitenschwankungen) beträgt +15%. Das ist das höchste Ergebnis seit Einführung der Studie im 3.Quartal 2005.


Manpower spricht von Talentknappheit. Weshalb stehen uns nicht genügend potenziell gut qualifizierte Arbeitskräfte zur Verfügung? In welchen Bereichen oder Sektoren fehlen sie?


Gut qualifizierte Arbeitskräfte waren und sind wohl immer ein knappes Gut. Die Nachfrage übersteigt meist das Angebot, vor allem weil die verfügbaren Talente nicht zur richtigen Zeit und am richtigen Ort verfügbar sind. Derzeit sind die Bereiche Bau, IT, Gesundheitswesen und generell technische Berufe sehr stark gefragt.



«Es gibt heute eher weniger schlecht ausgebildete Arbeitskräfte als vor 30 Jahren, aber heute ist die Tendenz zur gymnasialen und universitären Ausbildung bedeutend höher geworden.» Urs Schüpbach, Generaldirektor Manpower


In der Manpower-Umfrage zur Talentknappheit ist unter der Rubrik «meist gesuchte Berufen» die Kategorie «Management und Geschäftsführung» 2009 in der Schweiz vom fünften auf den ersten Platz aufgestiegen ist. Dieses Jahr fehlt diese Kategorie gänzlich auf der Liste. Wie erklären Sie sich dies?


Es dürfte daran liegen, dass die Führungskräfte im Nachgang einer Krise nicht derart gesucht sind wie Fachkräfte oder Spezialisten. Zudem ist der Bedarf in absoluten Zahlen für das Management generell viel kleiner als bei anderen Berufskategorien.


Manpower weist auf die Bedeutung der Arbeitgebermarke hin. Für deren Wert sei zum Beispiel die Art und Weise entscheidend, wie ein Unternehmen auf die Bedürfnisse von Frauen, Hochschulabgängern oder Personen der Baby-Boomer-Generation eingehe. Was sind deren Bedürfnisse?


Entscheidend für das Image am Arbeitsmarkt ist sicherlich der Respekt gegenüber allen Arbeitnehmern, egal welcher Generation oder Bildungsgruppe sie angehören. Innovative Arbeitszeitmodelle für Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteiger, Angebote für Teilzeitarbeit, Arbeitsabbau im Alter, Nutzung langjähriger Erfahrungen und Soft Skills sind einige Möglichkeiten.


Wie befriedigt Manpower die Bedürfnisse in house selbst?


Bei Manpower sind sehr viele weibliche Mitarbeiterinnen in sehr individuellen Teilzeitpensen beschäftigt, damit sie die Kinder trotz Beruf betreuen können.


Stellen Sie fest, dass die Kluft zwischen gut und schlecht ausgebildeten Arbeitskräften grösser wird?


Es gibt heute eher weniger schlecht ausgebildete Arbeitskräfte als vor 30 Jahren, aber heute ist die Tendenz zur gymnasialen und universitären Ausbildung bedeutend höher geworden. Das duale Bildungssystem leidet unter dem schlechten Image, das viele handwerkliche Berufe bei den Jungen geniesst.


Was konkret könnte die Politik noch unternehmen, um dem entgegen zu wirken?


Das Bildungswesen müsste nicht nur für Fachhochschulen vom Staat massiv subventioniert werden, sondern auch die Lehrlingsaus- und Weiterbildung muss gefördert werden. Ein Lehrling kostet uns an Ausbildungskosten viel weniger als ein Mittelschüler.


Firmen und Behörden begegnen dem Arbeitskräftemangel in gewissen Sparten ? etwa bei Lehrern, Zugbegleitern und im medizinischen Bereich ? mit Anstellung von Quereinsteigern Was spricht dafür und was dagegen?


Dafür spricht sicher die Möglichkeit, dass vorhandenes Arbeitspotential genutzt werden kann. Oft ist die Freude und Motivation eines Quereinsteigers viel wichtiger als noch fehlende Fachkompetenz. Ein gewisses Risiko von Fehleinstellungen ist sicher vorhanden, und die fehlende Ausbildung resp. Kompetenz sollte sich auch im Lohnvergleich mit Personen in gleicher Funktion auswirken.


Obwohl der Hauptsitz von Manpower Inc. in den Vereinigten Staaten liegt, werden 68% des Gesamtumsatzes in Europa erzielt. Zu den wichtigsten Märkten des Unternehmens gehören Frankreich mit 29% des Gesamtumsatzes. Wie hoch ist der Anteil der Schweiz?


Umsatzzahlen werden nicht veröffentlicht, weil Manpower Schweiz als einziges Land nicht im Mehrheitsbesitz von Manpower Inc. befindet.


Wie steht es mit der Markdurchdringung in der Schweiz. Welches Potential besteht noch?


Die Marktdurchdringung ist nach 50-jähriger Präsenz in der Schweiz flächendeckend. Hingegen besteht in allen Regionen ein weiteres Potential, welches wir in Zukunft auch nutzen möchten.



«Das Bildungswesen müsste nicht nur für Fachhochschulen vom Staat massiv subventioniert werden, sondern auch die Lehrlingsaus- und Weiterbildung muss gefördert werden.»


Wie hat sich während der Krise die Vermittlung von festen Stellen und von temporären Stellen bei Manpower Schweiz entwickelt?


Zu Beginn einer Krise werden meist zuerst die temporären Stellen abgebaut. Hingegen ist der Personalbedarf bei einem Aufschwung entsprechend sofort spürbar und die Nachfrage sehr gross, was wir seit Frühjahr 2010 feststellen können.


Mit welchem Wachstum im temporären und im Feststellenbereich rechnen Sie für das laufende Jahr?


Im temporären Bereich dürften es um die 15% sein, im Feststellenbereich rechnen wir mit einer Wachstum in der Grössenordnung einer knapp zweistelligen Prozentzahl.


Werden Sie den Personalbestand erhöhen?


Ja, unser Personalbestand wird im Jahr 2010 um gut 30 Stellen oder ca. 10% zunehmen.


In Deutschland sind 64 Prozent aller Manpower-Mitarbeitenden Frauen, weltweit 40 Prozent der Länderverantwortlichen weiblichen Geschlechts. Wie sieht es diesbezüglich in der Schweiz aus? Wie gross ist der Anteil an Kaderfrauen?


In der Schweiz liegt der Anteil an Frauen leicht unter 50% aller Mitarbeitenden, im Kaderbereich sind es hingegen nur ca. 15%.


Beschäftigt Manpower selbst auch temporäre Mitarbeitende?


Wir haben einige wenige temporär arbeitende MitarbeiterInnen. Mit wenigen Ausnahmen im Back-Office-Bereich arbeiten wir aber mit festangestellten Mitarbeitern.



«Unser Personalbestand wird im Jahr 2010 um gut 30 Stellen oder ca. 10% zunehmen.»


Welches sind die Trends bei den klassischen Temporär-Branchen?


Vom Einsatzspektrum her hat sich viel verändert: War einst fast nur im Baubereich oder in der Industrie temporäres Personal gefragt, werden heute für alle Berufszweige temporäre Mitarbeiter gesucht und eingestellt.


Der Vorstandsvorsitzende und CEO von Manpower Inc., Jeff Joerres, scheint zum sechsten Mal im Institutional Investor Magazine auf der Bestenliste der CEOs in America auf. Was zeichnet Sie als Chef aus?


Dienstleistungs- und Kundenorientierung sowie positives Denken. Zudem bin ich ein Förderer einer leistungs- und qualitätsbezogenen Unternehmenskultur.





Der Gesprächspartner:
Urs Schüpbach (53) war ? bevor er per 1. April 2010 die Funktion des Generaldirektors bei Manpower übernahm ? Geschäftsleitungsmitglied der Schindler AG. Er hat an der Universität Bern Betriebswirtschaft studiert und dann unter anderem in leitender Funktion bei der Intersport Management AG, für die Unternehmensberatung Brainforce, als Direktor im Spielcasino in Bern und als Mitglied der Geschäftsleitung für Otis in Fribourg gearbeitet. Per 1. April 2010 übernahm Urs Schüpbach die Funktion des Generaldirektors bei Manpower.


Das Unternehmen:
Manpower ist einer der Weltmarktführer für Personaldienstleistungen. Das Unternehmen wurde 1948 in Milwaukee, USA, gegründet. Es verfügt über Mit 4000 Filialen in 82 Ländern und vermittelte 2009 weltweit 3 Mio. Mitarbeitende. Der Umsatz von Manpower betrugt 2009 16 Mrd. US-Dollar. Manpower Inc. ist an der Börse (NYSE) unter MAN notiert. Die erste lizenzierte Filiale in der Schweiz wurde 1960 in Genf eröffnet. Mit 70 Filialen, 20’000 temporären Mitarbeitenden, 2’000 Festanstellungen und über 5’000 Kunden gehört Manpower zu den Branchen-Leadern der Personaldienstleister in der Schweiz. Das Unternehmen beschäftigt in der Schweiz 350 interne Mitarbeitende.

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