Urs Zenhäusern, Direktor Wallis Tourismus

von Patrick Gunti


Herr Zenhäusern, das Wallis ist mit der Eröffnung des Lötschberg-Basistunnels am 9. Dezember näher ans Zentrum der Schweiz gerückt. 30 % mehr Touristen konnten Sie in den letzten Monaten begrüssen. Wie überrascht sind Sie von diesem Boom?


Aufgrund von diversen Erfahrungen und angefertigten Studien waren unsere Erwartungen bereits sehr ambitiös. Mit den nun in den ersten drei Monaten erreichten Resultaten haben wohl die kühnsten Optimisten nicht gerrechnet. Offensichtlich haben die Deutschschweizer lange auf diesen Moment gewartet. Sie haben einen grossen Nachholbedarf die grösste Ferienregion der Schweiz, das Wallis, zu besuchen.


In welchem Bereich lagen denn die Erwartungen?


Studien errechneten ein zusätzliches Gästeaufkommen von 10-20%. Wir sind vorsichtig von rund 10 % ausgegangen.


Welche Regionen des Wallis profitieren am meisten?


Eigentlich verzeichnete das ganze Wallis bisher einen Rekordwinter. Die Reisezeiten haben sich ja für die Deutschschweizer auch für den französischteiligen Teil unseres Südkantons massiv verkürzt. Das zeigen auch beispielsweise die Verkaufszahlen von RailAway auf. RailAway verkauft Angebote aus dem ganzen Wallis. Die bedeutendsten Frequenzzunahmen sind aber vorläufig in Ferienorten rund um Visp (z.B. Bürchen), dem Saastal, dem Mattertal (inkl. Grächen), dem Goms, Leukerbad, aber auch dem Lötschental, welches nicht direkt durch den neuen Lötschbergbasistunnel profitiert, zu verzeichnen.


Neben dem Zeitgewinn war auch die gute Wintersaison mit genügend Schnee und schönem Wetter für die Entwicklung verantwortlich. Was erwarten Sie sich von den kommenden Monaten?


Ja, das Wallis konnte sich aufgrund seiner Höhenlage in den letzten Jahren als schneesicherste Ferienregion der Alpen positionieren. Nach dem letztjährigen Rekordwinter, verzeichnen wir bisher einen Bilderbuchwinter. Die diesjährige Wintersaison werden wir wohl, trotz den frühen Osterferien, mit einem starken Plus abschliessen. Der Walliser Sommer und Herbst liegen absolut im Trend. Mit dem neuen kurzen Reiseweg rechnen wir mit einer noch stärkeren Nachfrage. Erfahrungsgemäss benutzt insbesondere der Sommergast den öffentlichen Verkehr!



«…der gesamte Tourismus im Kanton Wallis generiert jährlich gut fünf Milliarden Franken an Wertschöpfung, drei Milliarden Franken davon direkt aus dem Tourismus und zwei Milliarden Franken indirekt.» (Urs Zenhäusern) 


Was würde ein übers Jahr gerechneter Gästezuwachs von 20 % in konkreten Zahlen bedeuten – Übernachtungen, Umsatz, Arbeitsplätze?


Das wären rund 120 Mio. Franken Mehrumsatz und damit würden gegen 2000 neue Arbeitsplätze geschaffen. Der Gästezuwachs schlägt sich nicht zwangsläufig nur auf die Übernachtungszahlen aus. Tagesgäste sind hier eingerechnet. Aber ein Logiernächtewachstum von 20 % durch die Deutschschweizer würde 800’000 zusätzliche Nächtigungen bringen.


Welchen Einfluss hat der enorme Wachstumsschub entsprechend auf die lokalen KMU?


Einen erheblichen. Mindestens jede vierte Arbeitsstelle hängt direkt oder indirekt vom Tourismus ab. Die Vernetzungen gehen teils sehr weit. Das heisst, auch Coiffeure, Bauherren, Juristen, Spitäler, Detaillisten und viele weitere profitieren von diesem Wirtschaftszweig. Anfangs 2000 wurde dazu eine Wertschöpfungsstudie mit verlässlichen Zahlen erstellt. Demnach generiert der gesamte Tourismus im Kanton Wallis jährlich gut fünf Milliarden Franken an Wertschöpfung, drei Milliarden Franken davon direkt aus dem Tourismus und zwei Milliarden Franken indirekt, also beispielsweise durch Zulieferbetriebe wie Bäckereien, Metzgereien etc. Zusammen mit der Industrie und der Bauwirtschaft ist der Tourismus der wichtigste kantonale Wirtschaftsbereich.

Aber auch die Firmen der Walliser Hochindustrie, wie Novartis, Lonza oder Alcan, welche gut einen Drittel der im Wallis generierten Wertschöpfung für sich in Anspruch nehmen, sind mit dem Tourismus verbandelt. Denn dank touristischen Arbeitsstellen kann in der Region eine Bevölkerung leben und existieren, die der Industrie wiederum wichtige Arbeitskräfte bieten kann.


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Einen Nachteil hat der Boom – an eine komfortable Reise mit den ÖV in Wallis war in den letzten Monaten kaum zu denken. Die SBB-Strecke ins Wallis, teilweise aber auch die Bahnen in den Tourismusregionen selbst, sind an oder über der Kapazitätsgrenze. Welche Massnahmen könnten das Problem entschärfen?


Dem war an Spitzentagen wirklich so. Diese konzentrierten sich aber insbesondere aufs Wochenende. Während den Wochentagen gibt es bei sehr guter Auslastung aber immer noch genügend Sitzplätze. Diverse Massnahmen wurden mit dem Einsatz von bis zu 25 SBB-Zusatzzügen an Spitzentagen, getroffen. Da aber die Kapazitätsgrenzen bereits in den ersten drei Monaten der Betriebsaufnahme des neuen Lötschbergbasistunnels erreicht wurden, fordern wir nun unverzüglich den Vollausbau mit 2 Röhren und dem vorbereiteten Westanschluss ins französischsprachige Wallis. Nur so können wir dem künftigen Ansturm aufs Wallis und dem internationalen alpenquerenden Transitverkehr gerecht werden.


Wie sahen die verkehrstechnischen Vorbereitungen in Erwartung steigender Besucherzahlen im Wallis aus?


Das Fahrplanangebot wurde massiv erhöht. Die Matterhorn-Gotthardbahn hat seine Kapazitäten beispielsweise auf ihrem Netz Richtung Zermatt und Goms um rund 25 % erhöht. Auch die Postauto Wallis haben ihre Transportkapazitäten enorm erhöht. So verkehren die Postautos im Halbstundentakt zwischen dem neuen NEAT-Bahnhof in Visp und dem Saastal. Aber auch auf anderen Linien wurden neue Kurse im Fahrplan aufgenommen. Jeder am Bahnhof Visp eintreffende Zug wird in schlanken Umsteigezeiten an den regionalen öffentlichen Verkehr angeschlossen, damit die Reisenden ohne Wartezeiten in ihre gewählte Feriendestination transportiert werden. Um dem Ansturm der ersten 3 Monate gerecht zu werden, haben die Postautos an Spitzentagen bis zu 40 zusätzliche Kurse gefahren und die Matterhorn-Gotthardbahn setzte bis 34 Extrazüge ein.



«Es gibt wohl keine andere Region auf diesem Globus, die ein so vielseitiges Produkt gepaart mit seiner  Einzigartigkeit, anbieten kann.» (Urs Zenhäusern, Direktor Wallis Tourismus)


Sind Kapazitätserhöhungen im Bereich der Bergbahnen geplant?


Im Bergbahnenbereich ist eine Erhöhung der Anlagenzahl nicht geplant. Durch die Modernisierung der Installationen, bei welcher vorab Skilifte durch Sesselbahnen und Gondelbahnen ersetzt worden sind, erhöhen sich in der Folge zwangsläufig auch die Personenbeförderungsvolumina. Die Bergbahnen investieren somit vorab in die Qualität. Dazu gehört auch die verbesserte Schneesicherheit mittels technischer Beschneiung.


Wie präsentiert sich die Lage bei den Unterkunftskapazitäten?


Im Beherbergungssektor ist bereits eine grosse Kapazität vorhanden, womit nicht noch zusätzlich gebaut werden muss. Vielmehr ist die bessere Auslastung der Kapazitäten ein wichtiges Thema. Die Problematik der «kalten Betten», also der schwach ausgelasteten und oft leerstehenden Ferienwohnungen, wurde erkannt. Doch soll das Problem massvoll und über politische Instrumente erfolgen.


Im Wallis stehen weitere grosse Projekte an. So soll das Goms vom Grossprojekt des Ägypters Samih Sawiri in Andermatt profitieren. Was ist hier zu erwarten?


Das Goms ist durch die Matterhorn-Gotthardbahn, dem Autoverlad Furka sowie dem Furkapass bestens mit Andermatt verbunden. Das einzigartige und authentische Hochtal verfügt Winters, u.a. als Langlauf-Eldorado, wie auch im Sommer über viele Trümpfe um den künftigen Gästen Sawiris einen vielfältigen und abwechslungsreichen Urlaub zu ermöglichen. Beide Regionen arbeiten überdies sehr eng im Projekt Region Gotthard zusammen.


Die bessere Erreichbarkeit des Wallis mit der Eröffnung des Lötschberg-Basistunnels ist nur eine Bedingung für eine erfolgreiche Entwicklung des Tourismus im Wallis. Was spielt weiter mit, wie schätzen Sie die Perspektiven generell ein?


Neben der nun ausgezeichneten Erreichbarkeit verfügt der Südkanton Wallis über die notwendige Attraktivität um erfolgreich zu sein. Es gibt wohl keine andere Region auf diesem Globus, die ein so vielseitiges Produkt gepaart mit seiner  Einzigartigkeit, anbieten kann. Die Bergwelt mit seinen einmaligen Trümpfen, Matterhorn, Grosser Aletschgletscher, Viertausender, Gletscher, Fauna und Flora, südländische Ambiente, hochwertigen Landwirtschaftsprodukten (Wein, Käse, Trockenfleisch), Lebensqualität, intakter Natur, kristallklares sauberes Wasser und gesunde Luft sind nur einige der Gründe für das grosse Potential der Ferienregion Wallis.

G lobale Ereignisse und Entwicklungen wirken massgeblich positiv auf die Nachfrage für Bergferien. Sicherheit, Klimaerwärmung, CO2-Sensibilität, Gegentrend zur Globalisierung (Authentizität), Ruhe, Entschleunigung und Erholung, eröffnen dem grössten Ferienkanton der Schweiz interessante Perspektiven. Ich bin überzeugt, durch diese Entwicklung steht das Wallis erst am Anfang seiner Erfolgsgeschichte.


Herr Zenhäusern, besten Dank für die Beantwortung unserer Fragen.





Zur Person:
Urs Zenhäusern (*1964) ist seit 2000 Direktor von Wallis Tourismus, der Dachorganisation aller Walliser Tourismusorganisationen. Nach seinem Betriebs- und Volkswirtschaftsstudium mit Spezialisierung auf Marketing stieg er zuerst ins Bankenfach ein und bekleidete diverse Lehraufträge. Anschliessend war Urs Zenhäusern als Lobbyist bei der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete (SAB) sowie als Leiter eines Regionalen Arbeitsvermittlungszentrums im Oberwallis tätig.

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