economiesuisse und Seco: Zustand der Wirtschaft zeigt weitere Verschlechterung

economiesuisse und Seco: Zustand der Wirtschaft zeigt weitere Verschlechterung
Rudolf Minsch, Chefökonom Economiesuisse.

Zürich – Erneut hat economiesuisse eine Umfrage zur Situation der Schweizer Wirtschaft in der Corona-Pandemie durchgeführt, diesmal gemeinsam mit dem Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO). Die Ergebnisse zeigen, dass sich die wirtschaftliche Lage seit der letzten Befragung vor drei Wochen weiter verschlechtert hat und die Kosten ansteigen.

Es machen sich nun vermehrt indirekte Effekte bemerkbar, da viele Firmen nur noch unmittelbar betriebsnotwendige Ausgaben tätigen. Gleichzeitig zeigt sich, dass die bundesrätlichen Unterstützungsmassnahmen wirken.

Binnen- und Exportwirtschaft mit erheblichen Einbussen
Die teilweise Stilllegung der Schweizer Wirtschaft und der internationale Konjunktureinbruch hinterlassen tiefe Spuren. 85 Prozent der Branchen, die an der aktuellen Umfrage teilgenommen haben, geben an, dass sich ihre Lage seit der letzten Befragung vom 20. März verschlechtert hat. Einerseits leiden viele Firmen, die in die internationalen Wertschöpfungsketten integriert sind. Bei ihnen machen sich Produktionsstopps bei Zulieferern oder Abnehmern bemerkbar. Davon sind besonders Zulieferer für die Autobranche sowie Zulieferer und Produzenten von Luxusgütern betroffen.

Auf nationaler Ebene sind Zulieferer der momentan geschlossenen Geschäfte wie zum Beispiel Lieferanten für die Gastronomie oder für die Eventbranche weiterhin stark betroffen. Kurz: Sowohl Binnen- als auch Exportwirtschaft müssen erhebliche Einbussen in Kauf nehmen. Gegenüber Ende März sind die Umsatzeinbussen von durchschnittlich 25 auf 39 Prozent angestiegen. Immerhin erwarten die Unternehmen in den nächsten zwei Monaten keine weitere Verschlechterung.

Sekundäreffekte nehmen zu
Es zeigt sich zusätzlich immer stärker, dass Sekundäreffekte in nicht unmittelbar betroffenen Bereichen zunehmen. Viele Firmen tätigen momentan nur die absolut notwendigen Ausgaben. Investitionstätigkeiten und nicht unmittelbar betriebsnotwendige Projekte werden aufgeschoben. Die Sparmassnahmen und der Fokus vieler Unternehmensleitungen auf die Bewältigung der Corona-Krise führen zu starken Auftragseinbrüchen in weiteren Branchen. So werden beispielsweise Marketingaktivitäten vertagt und deutlich weniger Werbung geschaltet oder es wird auf Beratungsdienstleistungen verzichtet. Ebenso sind weniger neue Anlage- und Bauinvestitionen zu verzeichnen. Dabei werden Termine verschoben oder Aufträge ganz abgesagt. Neben dem Bau ist hier auch die Informatik betroffen. Die in den letzten Wochen angestiegenen Kosten der Schliessung von Teilen der Wirtschaft zeigen, dass es absolut angebracht ist, dass der Bundesrat so rasch wie möglich mit der schrittweisen Lockerung vorwärtsmacht.

Lage normalisiert sich frühestens in sechs Monaten
Auch wenn der Bundesrat nun Lockerungen anstrebt, so ist die Schweizer Wirtschaft noch lange nicht über dem Berg. Die Wirtschaft wird auch nach der vollständigen Öffnung Zeit brauchen, um sich zu erholen. Die Unternehmen erwarten weiterhin, dass sich die Lage erst in sechs bis sieben Monaten normalisiert haben wird. 

Dabei zeichnet sich eine Verschiebung der Probleme ab. Zu Beginn der Corona-Krise war der Bezug von Vorprodukten das Hauptproblem. Zwar bestehen immer noch in rund der Hälfte der Branchen signifikante Lieferengpässe. Explizit genannt werden etwa Rohmaterialien, Schutzanzüge und -material, Verpackungsmaterial, elektronische Komponenten, Ethanol, Möbel oder Autoersatzteile. Ebenso sind die Frachtkapazitäten weiterhin tiefer und teurer, unter anderem wegen fehlender Luftfahrtkapazitäten. Während sich aber die Lage beispielsweise bei Zulieferern aus China verbessert, können nun vermehrt Hersteller aus europäischen Ländern wie Italien, Spanien oder Frankreich nicht mehr liefern. Zusätzlich ist zu beobachten, dass es in der Schweiz oftmals schwierig ist, Lieferungen aus dem Tessin zu erhalten. 

Zum grössten Problem für die Schweizer Unternehmen werden in den nächsten Wochen jedoch die Nachfrageausfälle im In- und Ausland. 70 Prozent der Branchen erwarten in den nächsten zwei Monaten Absatzschwierigkeiten im Inland, und 58 Prozent der antwortenden Exportunternehmen erwarten Absatzschwierigkeiten im Ausland. Die Gründe sind unter anderem der Teil-Lock-down, die sinkende Konsumentenstimmung, die zunehmenden Sekundäreffekte und der Stillstand in wichtigen Absatzmärkten in Europa, wie zum Beispiel in Italien und Frankreich. 

Massnahmen des Bundesrates zeigen Wirkung
Erfreulicherweise zeigt sich in den Antworten der Branchenverbände und der Unternehmen, dass die Massnahmen des Bundesrats vom 20. März Wirkung zeigen. Die Angst vor zukünftigen Liquiditätsproblemen hat bereits deutlich abgenommen. Der Anteil der Unternehmen, bei denen Entlassungen erwartet werden, ist im Vergleich zur letzten Umfrage von 30 auf 17 Prozent gesunken. Die Liquiditätshilfen und die Kurzarbeitsentschädigungen scheinen den Firmen die nötige Luft zu verschaffen. 

Trotzdem ist die Unzufriedenheit mit den Massnahmen des Bundesrats seit der letzten Umfrage gestiegen. Fast die Hälfte der Antwortenden beurteilt diese negativ, in der Westschweiz sind es sogar deutlich mehr. Der Hauptgrund liegt darin, dass Lockerungsmassnahmen und klare Perspektiven für die Geschäftsaufnahme gefordert werden. In diesem Sinne sind die am Donnerstag vom Bundesrat präsentierten Lockerungsschritte zu begrüssen und dürften die Zufriedenheit in den Unternehmen steigern. (economiesuisse/mc/hfu)


Informationen zur Umfrage
Die Umfrage wurde von economiesuisse gemeinsam mit dem Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) vom 9. bis zum 15. April 2020 durchgeführt. Sie umfasste unter anderem die gleichen Fragen wie die Umfrage, deren Resultate economiesuisse am 26. März 2020 präsentiert hat. Teilgenommen haben 281 Personen. Die Umfrage deckt alle Landesteile der Schweiz ab. 40 Branchenverbände haben die Umfrage konsolidiert für ihre Branche ausgefüllt. Die Auswertung zeigt ein aktuelles Stimmungsbild der Schweizer Wirtschaft. Werden Prozentangaben genannt, sind diese lediglich als grobe Richtschnur zu verstehen. Die Antworten wurden jeweils nicht gewichtet. 


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