Europa Forum Luzern: Vier Fragen an Barbara Kux

Europa Forum Luzern: Vier Fragen an Barbara Kux

Luzern – Trump-Präsidentschaft, Brexit, EU-Krise, China auf Einkaufstour: Die globalen Rahmenbedingungen verändern sich zurzeit schnell und tiefgreifend. Werden die Karten in der Weltwirtschaft neu gemischt? Internationale Spitzen der Wirtschaft beurteilen am Europa Forum die aktuelle Lage aus verschiedenen Perspektiven und zeigen mögliche Erfolgsfaktoren für Unternehmen im heutigen Kontext auf.

Barbara Kux ist heute Verwaltungsrätin in internationalen Unternehmen wie Firmenich und Henkel, bis 2013 war sie Mitglied des Vorstands von Siemens und zuvor Top- Managerin bei anderen europäischen Weltmarktführern.

Europa Forum Luzern: Europa steht mit Brexit, protektionistischen Tendenzen und schwachem Wirtschaftswachstum gepaart mit der ungewissen Entwicklung in den USA vor vielen Herausforderungen. Wie beurteilen Sie die kurzfristigen Aussichten für europäische Unternehmen?

Barbara Kux: Aufgrund der globalen Interdepenzenen koennen wir Europa und die Schweiz heute nur im globalen Kontext betrachten. Dazu zwei Kommentare:

Das weltweite Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist nach aktuellen Resultaten 2016 zwar wieder um 2,4 Prozent gewachsen. Die Nachwirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 werden aber durch den andauernden Ukraine-Konflikt, den bevorstehenden Brexit und die Unsicherheit nach dem Regierungswechsel in den USA verstärkt. Der politisch bislang so berechenbare Westen wirkt heute weniger stabil. Unsere Welt wird volatiler, komplexer und ambivalenter. Die Folgen für die Wirtschaft in Europa sind kaum absehbar. Jedes Unternehmen und alle Mitarbeitenden stehen damit vor einer grossen Herausforderung – ja die Gesellschaft insgesamt.

Wie bei jedem Wandel sollten wird die Risiken erkennen und meistern, aber auch die Chancen erkennen und ergreifen. Das für 2017 prognostizierte weltweite BIP-Wachstum sieht mit rund 2,8 Prozent immer noch positiv aus. Aber für die Entwicklung jedes einzelnen Unternehmens ist weniger der Durchschnitt wichtig als das gezielte Ausschöpfen von Wachstumsregionen und Segmenten. Der Aufstieg der Mittelschicht in den Schwellenländern etwa birgt nach Expertenmeinung bis 2025 ein riesiges Zusatzpotenzial von rund 30 Billionen Euro BIP. Noch bin ich übrigens zuversichtlich, dass auch die USA und Europa weiterhin zu Wachstum und Wohlstand beitragen werden.

Welche Strategien können Unternehmer in diesen unsicheren Zeiten verfolgen?

Erfolgreiche Unternehmen haben längst erkannt, welche Erfolgsfaktoren in einer volatilen Welt zählen:

Sie sind in alle Richtungen anpassungsfähig wie eine Amöbe und können dank einer Vision für ihre Zukunft schnell auf Veränderungen reagieren. Bei Philips etwa haben wir früh das Marktpotenzial von Green Lighting erkannt und ausgeschoepft oder bei Siemens das von Umwelttechnologien. Spitzenunternehmen ersetzen Hierarchie und starre Strukturen durch ein Netzwerk motivierter, weltoffener und unternehmerischer Mitarbeitender und stärken deren Eigenverantwortung.

Sie entwickeln politischen Sachverstand. Oft genügen dafür ein, zwei Personen, die sich im Kontakt mit politischen Instituten stets über die Entwicklungen auf dem Laufenden halten.

Sie managen ihre Risiken systematisch. Ein Team aus allen Unternehmensbereichen erfasst diese in einer Matrix, mit Eintrittswahrscheinlichkeit und möglicher Wirkung (z.B. Schadenhöhe). Auf ähnliche Weise erfassen sie aber auch ihre Chancen und deren möglichen Mehrwert.

Für alle Fälle bauen sie Reserven auf, etwa an Liquidität. In der andauernden Niedrigzinsphase zum Beispiel legen sie ihren Bewertungen und Entscheidungen nicht nur das aktuelle, sondern ein erwartetes Zinsniveau für 5 Jahre zugrunde. Dies ist ein konservatives Vorgehen, wie wir das in der Schweiz gewohnt sind.

Welche Perspektiven sehen Sie in diesen turbulenten Wirtschaftszeiten für international tätige Schweizer Unternehmer?

Die in der Schweiz tätigen Unternehmen haben in den vergangenen Jahren – besonders seit der Aufhebung des festen Frankenkurses im Januar 2014 – bewiesen, wie anpassungsfähig sie sind. Sie werden den Aufstieg der Mittelschicht in den Schwellenländern nutzen und das Wachstumspotenzial der Digitalisierung ausschöpfen. Auch Umwelttechnologien bieten ein grosses Potenzial von weltweit geschätzt rund 5 Billionen Euro in 2025. Heute verbrauchen wir bereits die natürlich nachwachsenden Ressourcen von 1,6 Erden, nach aktuellen Projektionen werden es 2030 ohne entscheidende Veränderungen unserer Lebensweise sogar zwei Erden sein, auch weil dann rund 2 Milliarden Menschen mehr auf der Erde leben werden. Dekarbonisierung ist daher ein gesellschaftlicher Imperativ – bietet gleichzeitig aber Geschäftschancen. Das gilt für kleine, mittlere und grosse Unternehmen, zum Beispiel bei energieeffizienten Gebäuden und Fabriken, elektrischer Mobilität, effizientem Rohstoffeinsatz, dezentraler Energieversorgung, Wasser und vielen weiteren Bereichen. Die konsequente Nutzung bestehender Technologien könnte bereits über 80 Prozent der CO2-Emissionen ausgleichen.

Wegen ihres hohen Entwicklungsstands können gerade Unternehmen in der Schweiz und Europa die enormen Chancen der Digitalisierung und der Nachhaltigkeit sehr gut nutzen und viele tun dies bereits sehr bewusst. Auch ich setze mich stets dafür ein – als Verwaltungsrätin bei Unternehmern, als Dozentin bei den Studierenden der Universität St. Gallen, als Director für gute Unternehmensführung am INSEAD und als Expertin bei der Europäischen Kommission in Brüssel.

Welche Rolle spielt die Politik für eine erfolgreiche Marktwirtschaft im Zusammenhang mit der klimabedingt geforderten Entkarbonisierung?

Unabhängig davon wie sich die neue US-Regierung in dieser Frage verhält, die CO2-neutrale Wirtschaft muss und wird mittelfristig unser Ziel bleiben. Das lässt sich nur im Schulterschluss von Europa, Amerika, Asien/Pazifik und zunehmend auch Afrika bewältigen. Auch Politik und Unternehmen sollten dafür zusammenwirken. Jeder Staat – die Schweiz und die EU-Länder gern als der Vorreiter – kann durch Forschungsförderung und intelligente Regulierung seine Unternehmen dabei unterstützen. Denn nur mit innovativen und verantwortungsvollen Unternehmen und mit nachhaltigen Loesungen fuer unsere Herausforderungen werden wir das gemeinsame Ziel einer „gruenen“ Zukunft unserer Erde fuer die nachfolgenden Generationen erreichen. (Europa Forum Luzern/mc/ps)

Veranstaltungsinformationen
Frühjahr 2017 – The New Global Race
32. internationales Europa Forum Luzern
15. Mai 2017 | KKL Luzern

Lunch Cruise: Mobility 4.0: 11.15 bis 12.45 Uhr
Symposium der Wirtschaft: 13.00 bis 17.30 Uhr
Öffentliche Veranstaltung: 18.45 bis 20.30 Uhr (Eintritt frei)
VIP Networking Dinner: 20.30 bis 22.00 Uhr

Information und Anmeldung: www.europaforum.ch
Kontakt: [email protected]
Teilnehmerzahl beschränkt

Barbara Kux setzt sich als Verwaltungsrätin für nachhaltige Unternehmensführung in internationalen Unternehmen wie Firmenich und Henkel ein. Sie berät die Europäische Kommission zum Klimaschutz durch Dekarbonisierung und lehrt Management und Strategie an der Universität St. Gallen. Bis 2013 war sie Mitglied des Vorstands von Siemens, zuvor Top- Managerin bei anderen europäischen Weltmarktführern. Nach dem MBA mit Auszeichnung am INSEAD begann sie 1984 ihre Laufbahn bei McKinsey.

Das Europa Forum Luzern ist die führende nationale Veranstaltung zur Zukunft der Schweiz in Europa. Namhafte Persönlichkeiten aus dem In- und Ausland tauschen im KKL Luzern ihre Strategien und Standpunkte aus. Das Europa Forum Luzern informiert unabhängig und neutral über die neusten wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen. Im Mittelpunkt steht die Zukunft der Schweiz in Europa. Die Veranstaltungen stehen unter dem Motto Wirtschaft, Wissenschaft und Politik im Dialog und finden jährlich zweimal im Frühjahr und Herbst statt. Dem Europa Forum Luzern unter dem Vorsitz des Stadtpräsidenten von Luzern gehören Kanton und Stadt Luzern sowie private Körperschaften an.

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