Experten des Bundes sprechen von «Epidemie der Ungeimpften»

Patrick Mathys
Patrick Mathys, Leiter Sektion Krisenbewältigung und internationale Zusammenarbeit beim Bundesamt für Gesundheit (BAG). (Screenshot)

Bern – Die Experten des Bundes haben am Dienstag – trotz einer leichten Entschleunigung bei den Fallzahlen – ein eher düsteres Bild der aktuellen Corona-Lage gemalt. Die Situation auf den Intensivstationen sei angespannt. Es gebe auch wieder Verlegungen von Patienten zwischen den Spitälern. Sorgen bereiten die Ferienrückkehrer.

Neun von zehn Covid-19-Patienten in den Spitälern seien nicht geimpft, sagte Patrick Mathys, Leiter Sektion Krisenbewältigung und internationale Zusammenarbeit beim Bundesamt für Gesundheit (BAG), vor den Medien in Bern. Urs Karrer, Vizepräsident der wissenschaftlichen Task Force, sprach von einer «Epidemie der Ungeimpften».

Und von den 40 Prozent der Covid-Patienten in den Spitälern, die ihren Ansteckungsort angeben, seien 80 Prozent Rückkehrende aus Südosteuropa. Hier müssen laut Karrer weitere Anstrengungen gemacht werden, um diese Personen zu erreichen und sie für eine Impfung zu sensibilisieren. Im Contact Tracing liegt der Anteil Reiserückkehrer je nach Kanton zwischen 20 und 50 Prozent, wie der Zuger Kantonsarzt Rudolf Hauri, ausführte.

Es brauche Disziplin und allenfalls zusätzliche Massnahmen, damit Personen nicht infiziert aus dem Ausland in die Schweiz zurückkehrten. «Für die Herbstferienwelle werden wir überlegen müssen, wie ein erneuter Anstieg der Fälle vermieden werden kann», sagte Karrer. Insgesamt sei es aber im Moment ausgesprochen schwierig, Voraussagen zu treffen.

Bedeutendes Risiko für starke Welle
Laut Mathys ist die derzeitige epidemiologische Lage als «ungünstig und besorgniserregend» einzuschätzen. Insgesamt habe das Infektionsgeschehen stark an Fahrt aufgenommen, mit einer weiteren Verschlechterung der Lage sei zu rechnen. Es bestehe ein «bedeutendes Risiko für eine starke Infektionswelle».

Die Situation erinnere ihn stark an diejenige vor einem Jahr – mit zwei Ausnahmen, erklärte Karrer: «Die Welle ist zwei Monate früher da und die Patientinnen und Patienten sind viel jünger». Die zunehmende Belastung der Spitäler mit Covid-Patienten hat in jüngster Zeit wieder zu vermehrten Verlegungen zwischen den Krankenhäusern geführt, ergänzte Hauri.

Die Zahl der täglich positiv auf das Coronavirus getesteten Personen schwankt laut Mathys in jüngster Zeit zwischen 2500 und 3000 pro Tag. Am Dienstag wurden dem BAG innerhalb von 24 Stunden 2993 neue Coronavirus-Ansteckungen gemeldet, 157 weniger als am gleichen Tag der Vorwoche. Zudem wurden sechs neue Todesfälle (+4) und 97 Spitaleinweisungen (+35) verzeichnet.

«Gewisse Frustration» in den Spitälern
Die Auslastung der Intensivstationen in den Spitälern beträgt zurzeit 75,6 Prozent. 25,4 Prozent der verfügbaren Betten werden von Covid-19-Patienten belegt. Dass diese grossmehrheitlich nicht geimpft seien, hinterlasse beim Pflegepersonal «eine gewisse Frustration», sagte Karrer. Die Tatsache sei für die Beschäftigten «schon schwierig zu schlucken» und gehe nicht spurlos an ihnen vorbei.

Zu wünschen übrig lässt aus Expertensicht auch die Einhaltung der einfachen Corona-Massnahmen durch die Bevölkerung und die Rückverfolgung. Diese Angaben sei oft unvollständig, mangelhaft oder falsch. Kantonsärzte-Präsident Hauri rief alle Menschen zur Kooperation auf, auch wenn eine Isolation oder Quarantäne natürlich einschneidende Massnahmen seien. «Aber die Pandemie geht kein bisschen schneller vorbei, wenn wir wegschauen.»

Keine Bedenken hat das BAG, alle Jugendlichen ab 12 Jahren impfen zu lassen. Die Nebenwirkungen seien bei Jugendlichen ähnlich wie bei Erwachsenen – dies zeigten die jüngsten Studien, erklärte Christoph Berger, Präsident der Eidgenössischen Kommission für Impffragen (Ekif). Neu wird auch allen schwangeren Frauen die Impfung empfohlen.

Der Stiftung meineimpfungen, die das elektronische Impfbüchlein führte, drohen nach der Einstellung ihrer Tätigkeit rechtliche und politische Schritte. Der Konsumentenschutz prüft solche, nachdem die Stiftung die Liquidation beantragt hat. Zu Fall gebracht hatten sie Sicherheitslücken. Was mit den gespeicherten Daten geschieht, ist offen. (awp/mc/ps)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.