Coronakrise für die Wirtschaft grösser und länger als Finanzkrise

Konjunktur
(Bild: Pixelia)

Zürich – Die Coronakrise ist für die Schweizer Wirtschaft viel schlimmer als die Finanzkrise. Der Einbruch sei viel schärfer und die Überwindung brauche viel mehr Zeit, sagte der Direktor der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF), Jan-Egbert Sturm, am Mittwoch in einer Video-Medienkonferenz.

In der Finanzkrise vor einem Jahrzehnt habe das Bruttoinlandprodukt (BIP) nach 7 Quartalen wieder auf dem Stand von vor der Krise gelegen. In der jetzigen Pandemie dürfte dagegen das BIP auch Ende nächsten Jahres, das heisst nach 8 Quartalen, noch nicht das Vorkrisenniveau von 175 Milliarden Franken pro Quartal erreichen, sagte Sturm. Dieser Stand dürfte erst im Laufe von 2022 wieder erlangt werden. Bei einer zweiten Infektionswelle dauere es noch länger.

Zudem sei der Fall viel tiefer. In der Finanzkrise habe der grösste Einbruch in einem Quartal 1,9 Prozent betragen. Jetzt dürfte die Schweizer Wirtschaft im zweiten Quartal 2020 schätzungsweise um 8,4 Prozent abgestürzt sein, sagte Sturm.

Allerdings sei auch die Erholung steiler, wenn man tief gefallen sei. Für das dritte Quartal 2020 geht die KOF von einem Wachstum von 6,3 Prozent aus. In der Finanzkrise war das BIP dagegen nach dem Taucher um 1,0 Prozent gewachsen.

Milliardenverluste durch Corona
Die Pandemie dürfte der Schweizer Wirtschaft im laufenden Jahr einen Verlust von 45 Milliarden Franken bescheren und im nächsten Jahr für einen Verlust von 26 Milliarden Franken im Vergleich zu einer Entwicklung ohne Corona sorgen. Bei einer zweiten Welle würde es noch schlimmer: Dann dürften die Einbussen gar 53 Milliarden Franken im laufenden Jahr und 43 Milliarden Franken im 2021 betragen, sagte Sturm.

Dennoch sei die Schweiz weniger stark getroffen worden als andere Länder. In den USA und der EU dürfte der BIP-Verlust im Vergleich zu einer Entwicklung ohne Corona deutlich grösser ausfallen als hierzulande, erklärte Sturm. Die Schweiz sei ein relativ wohlhabendes Land und könne mehr verkraften.

Leichte Entspannung
Immerhin hat sich die Lage wieder etwas aufgehellt. „Die aktuellen Indikatoren deuten für die Monate Mai und Juni auf einen etwas weniger starken Rückgang der Wertschöpfung hin, als noch im Juni prognostiziert wurde“, schrieb die KOF in ihrer aufdatierten Prognose.

Neu rechnet die Konjunkturforschungsstelle mit einem Taucher des Bruttoinlandproduktes im laufenden Jahr um 4,9 Prozent. Damit ist sie etwas optimistischer geworden. Bei der letzten Schätzung im Juni hatten die KOF-Ökonomen noch einen Rückgang von 5,1 Prozent vorhergesagt.

Bei der Geschäftslage der Unternehmen zeichne sich eine Entspannung ab, auch wenn die Situation weiterhin sehr schwierig bleibe. Im Detailhandel habe sich die Geschäftslage sogar bereits wieder normalisiert und sei wieder ähnlich günstig wie Ende vergangenen Jahres vor Ausbruch der Coronapandemie.

Weg aus dem Coronatal
„Insgesamt hat die Schweizer Konjunktur den mühsamen Weg aus dem tiefen Coronatal in Angriff genommen“, schrieb die KOF. Trotz des grössten Einbruchs seit über vier Jahrzehnten komme die Schweizer Wirtschaft im europäischen Vergleich somit relativ gut durch die Krise.

Im nächsten Jahr dürfte sich die Schweizer Wirtschaft dann um 4,1 Prozent erholen, erklärte die KOF. Bisher hatten die Konjunkturauguren für 2021 ein Wachstum von 4,3 Prozent prognostiziert.

Durchschnittliche Arbeitslosenquote von 3,3%
Die etwas aufgehelltere Lage werde sich auch im Arbeitsmarkt niederschlagen. Die durchschnittliche Arbeitslosenquote dürfte dieses Jahr 3,3 Prozent erreichen. Im nächsten Jahr werde die Quote dann auf 4,1 Prozent klettern, hiess es. Im Juni hatte die KOF noch eine höhere Quote befürchtet.

Bei einer zweiten Infektionswelle werde das BIP indes um 6 Prozent im laufenden Jahr abstürzen und im nächsten Jahr nur um 2,9 Prozent wachsen. Dann dürfte die Arbeitslosigkeit heuer auf 3,7 Prozent hochschnellen und auf 4,7 Prozent im nächsten Jahr.

Die KOF stützt sich bei ihrer Prognose unter anderem auf eine Befragung von über 4’500 Unternehmen. In den meisten Sektoren sei im April der Tiefpunkt der Geschäftslage in der Coronakrise erreicht worden. „Im Gastgewerbe ist die Talsohle dagegen noch nicht durchschritten. Die Geschäftslage ist hier derzeit erheblich schlechter als noch zu Jahresbeginn 2020“, schrieb die KOF. (awp/mc/pg)

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