Zweite Corona-Welle lastet auf dem Arbeitsmarkt

Zweite Corona-Welle lastet auf dem Arbeitsmarkt
(Bild: Kai Kalhh / Pixabay)

Zürich – Die KOF erwartet in diesem Jahr einen Rückgang des BIP um 3.5% (Basisszenario). In den Jahren 2021 und 2022 rechnet sie mit einem Plus von 3.2% respektive 2.6%. Die zweite Pandemiewelle belastet den Arbeitsmarkt. Die Beschäftigung dürfte im Winterhalbjahr stagnieren und für die nächsten beiden Jahre sind historisch tiefe Lohnanstiege zu erwarten. Die Zahl der Unternehmen, die ihre Existenz als bedroht betrachten, ist wieder angestiegen.

Die COVID-​19-Pandemie ist im Herbst mit Wucht zurückgekehrt. Die wirtschaftlichen Auswirkungen sind bislang allerdings geringer als während der ersten Welle. Für das ganze Jahr 2020 rechnet die KOF in ihrem Basisszenario mit einem Rückgang des Bruttoinlandprodukts (BIP) um 3.5% (vorherige Prognose: -3.6%). Dieser im internationalen Vergleich eher milde Einbruch ist auch auf die positive Entwicklung des Transithandels (Handel unter anderem mit Rohstoffen und Pharmaerzeugnissen) zurückzuführen. Ohne den Wachstumsbeitrag des Transithandels würde in diesem Jahr ein Minus von 5% resultieren. 2021 dürfte das BIP dann wieder um 3.2% wachsen, 2022 um 2.6%.

Dem Basisszenario liegt die Annahme zugrunde, dass die Pandemie in den ersten Monaten des neuen Jahres leicht abebbt, ohne dass längerfristige und sehr einschneidende zusätzliche Massnahmen nötig sind. In diesem Szenario wird die Wertschöpfung das Vorkrisenniveau Ende 2021 wieder erreichen.

Allerdings sind auch andere Verläufe möglich und leider nicht unwahrscheinlich. Im negativen Szenario könnte die Pandemie zu Beginn des nächsten Jahres weiter an Kraft gewinnen und noch drastischere Schutzmassnahmen nötig werden. Die Lage würde sich deutlich später verbessern als im Basisszenario angenommen. Im negativen Szenario rechnet die KOF auch im 1. Quartal 2021 mit einem Rückgang des BIP und einer nur zögerlichen Erholung im weiteren Jahresverlauf. Für das ganze Jahr 2021 wäre eine Zunahme von lediglich 0.6% zu erwarten. Das Vorkrisenniveau würde erst ein Jahr später als im Basisszenario erreicht, zum Jahreswechsel 2022/2023.

Historisch tiefe Lohnanstiege erwartet
Die zweite Welle lastet auch auf dem Arbeitsmarkt. Das zeigt sich am deutlichsten in den Voranmeldungen für Kurzarbeit: Im November bewilligten die kantonalen Arbeitsämter Kurzarbeit für rund 626 000 Beschäftigte, die Zahlen sind gegenüber dem Spätsommer wieder gestiegen. Zentral wird sein, inwiefern Firmen jene Stellen erhalten, die gegenwärtig in Kurzarbeit sind. Im Winterhalbjahr dürfte die Beschäftigung stagnieren, bevor sie ab dem 2. Quartal 2021 wieder ansteigt. Insgesamt rechnet die KOF für 2021 mit einem Zuwachs der vollzeitäquivalenten Beschäftigung um 0.4%. Die Arbeitslosenquote dürfte erst in der zweiten Jahreshälfte wieder zurückgehen. Die Quote gemäss International Labour Organization (ILO) wird nächstes Jahr im Durchschnitt bei vergleichsweise hohen 5.2% liegen. Die Quote gemäss Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) dürfte im 1. Quartal 2021 ihren Höhepunkt erreichen und über das gesamte Jahr betrachtet bei 3.3% liegen.

Das nominale Lohnwachstum liegt dieses Jahr laut ersten Schätzungen des Bundesamtes für Statistik bei 1.3% – bei grosser Unsicherheit wegen der Datenlage. Das ist der höchste Wert seit mehr als zehn Jahren. Damit widerspiegelt die Lohnentwicklung nicht die Folgen der aktuellen Krise, sondern der Entwicklung davor. Die KOF erwartet für dieses Jahr eine Zunahme um 1% und für die nächsten beiden Jahre historisch tiefe Lohnanstiege gemäss Schweizerischem Lohnindex (SLI) von jeweils 0.3%.

Jedes zehnte Unternehmen fürchtet um seine Existenz
Seit Mai werden die regulär durchgeführten Konjunkturumfragen der KOF mit Sonderfragen zur Corona-​Krise ergänzt. Nachdem sich die Lage im Sommer beruhigt hatte, gaben bei der November-​Umfrage wieder mehr Firmen an, dass die Pandemie die Nachfrage der Kundinnen und Kunden beeinflusst. Auch die Zahl der Unternehmen, die ihre Existenz als bedroht betrachten, ist gestiegen: von 8% im Oktober auf 11% im November. Besonders im Baugewerbe, im Detailhandel, bei den übrigen Dienstleistungen und im Verarbeitenden Gewerbe hat die Furcht vor einem Konkurs zugenommen.

Im Verarbeitenden Gewerbe ist die Erholung im aktuellen Quartal leicht ins Stocken geraten. Anfang 2021 dürfte sich die Lage wieder bessern. Die Wertschöpfung erreicht das Vorkrisenniveau allerdings erst 2022 wieder. Der Detailhandel hat sich von der Krise zwar rasch erholt, aber die Zuversicht nahm im November leicht ab. Die privaten Konsumausgaben dürften dieses Jahr um 4.8% zurückgehen. Dies unter anderem wegen der steigenden Arbeitslosenquote und der Unsicherheit über das zukünftige Haushaltseinkommen. Die Sparquote erreicht mit 27% einen historischen Höchstwert. Nächstes Jahr dürfte der private Konsum dann wieder um 4% wachsen.

Ausrüstungsinvestitionen reagieren sehr empfindlich
Im ersten Halbjahr kürzten die Unternehmen ihre Investitionen in Ausrüstungen stark. Die KOF rechnet dieses Jahr mit einem Rückgang um 5.4%. Nächstes Jahr dürften die Unternehmen aufgeschobene und neue Projekte in Angriff nehmen. Gerade die Ausrüstungsinvestitionen reagieren jedoch sehr empfindlich auf den Pandemieverlauf. Dauert die zweite Welle länger als im Basisszenario angenommen, wird das die Investitionstätigkeit dämpfen.

Die Lage im Aussenhandel hat sich im 3. Quartal verbessert, das Vorkrisenniveau konnte aber noch nicht wieder erreicht werden. Vor allem die konjunktursensitiven Ausfuhren der Maschinen-​, Elektro-​ und Metallindustrie erholen sich nur langsam. Insgesamt dürften die Exporte 2021 wieder um 5.7% steigen. Weiter leiden werden die Dienstleistungsexporte: Vor allem der Tourismus hat noch länger mit Einschränkungen zu kämpfen und dürfte sich frühestens im Frühling 2021 allmählich zu erholen beginnen.

Im internationalen Vergleich schlug sich die Krise bis jetzt nur geringfügig in den öffentlichen Finanzen der Schweiz nieder. Die bisher getätigten Ausgaben des Bundes flossen grösstenteils in die Arbeitslosenversicherung: Hier betragen die zusätzlichen Ausgaben dieses Jahr gegen 11 Mrd. Franken, wovon 9 Mrd. Franken auf die Kurzarbeitsentschädigung entfallen. Nächstes Jahr dürften die Kurzarbeitsentschädigungen wesentlich geringer sein, die Ausgaben für Arbeitslosengelder aber ansteigen. Ausserdem werden die Einkommens-​ und Gewinnsteuereinnahmen in den kommenden Jahren erheblich einbrechen.

Lage in Europa verschlechtert sich
Die Weltwirtschaft dürfte aus Schweizer Sicht im 4. Quartal 2020 rückläufig sein, und auch für das 1. Quartal 2021 ist keine rasche Besserung zu erwarten. Vor allem im für die Schweizer Exportwirtschaft wichtigen europäischen Umfeld hat sich die epidemiologische Lage zuletzt wieder deutlich verschlechtert. Trotz der anlaufenden Impfkampagnen werden die Schutzmassnahmen vielerorts bestehen bleiben und Auslastung sowie Produktivität weiterhin negativ beeinflussen. Ausserdem dürften die Nachwehen der Krise noch lange zu spüren sein. Die gestiegene Arbeitslosigkeit und niedrigeren Erwerbsquoten könnten in vielen Ländern zu einer tieferen Konsum-​ und Investitionsbereitschaft führen.

Prognoserisiken
Der weitere Verlauf der Pandemie wird auch die Wirtschaftsentwicklung im nächsten Jahr bestimmen. Es besteht das Risiko, dass es in den kommenden Monaten zu einer grossen Insolvenzwelle kommt. Bezüglich des Brexits geht die KOF von einer formal eher deutlichen Trennung aus. In der Praxis dürfte der Übergang aber pragmatisch gehandhabt werden, sodass kaum Verwerfungen zu erwarten sind. Diese Annahme ist jedoch mit grosser Unsicherheit behaftet. (KOF/mc/ps)

KOF

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