Meret Schneider: Tierschutzpolitik ohne Jööh-Faktor

Meret Schneider: Tierschutzpolitik ohne Jööh-Faktor
Meret Schneider, Nationalrätin, Grüne Schweiz. (Bild: parlament.ch)

Als Politikerin werde ich oft gefragt, was meine Schwerpunktthemen sind. Ich antworte dann jeweils: Tierschutz, Landwirtschaft und Netzpolitik/ Big Tech. Darauf gibt es dann eine Vielzahl an Reaktionen, die sich in zwei Archetypen unterteilen lassen, ich nenne sie die Verniedlicher und die selbsternannten Philanthropen.

Erstere reagieren mit “Tierschutz, das ist lieb, mochtest du als Kind schon gerne Tiere?” Sie erwarten dann irgendeine Kindheitsgeschichte, vielleicht von einem Hund, der mich vor dem Ertrinken gerettet hat oder einem Wolf, den ich mit dem Schoppen aufgezogen habe, etwas aus der Reihe “Free Willi”, “Lassie” oder “Ein Hund Namens Beethoven”. Ich kann diese Geschichte natürlich nicht bieten und fühle mich in meiner politischen Arbeit etwa so ernst genommen wie ein Kind, das ein selbstgebasteltes Etwas nach Hause bringt und dem man lobend über den Kopf streichelt.

Die zweite Sorte, die selbsternannten Philanthropen, sind schon weniger freundlich. “Setz dich besser für die Menschen in diesem Land ein, dafür bist du gewählt.”, ist der Standardsatz, dem ich jeweils mit meiner genauso standardisierten Replik «Das Eine tun, das Andere nicht lassen”, begegne. Es ist ja nicht so, dass man nicht gleichzeitig Politik für Menschen *und* Tiere machen könnte und in Anbetracht dessen, dass im Nationalrat noch 199 andere Personen sitzen, die fast ausschliesslich Politik für Menschen machen, scheint mir die Tierpolitik nicht übervertreten zu sein.

Beiden Reaktionen liegt zu Grunde, dass Politik für Tiere als Bagatelle, als nettes Hobby, oder vielleicht Ausdruck überbordender Empathie gewertet wird, nicht aber als ernstzunehmender Politikbereich. Das ist tatsächlich einer der ganz wenigen Sachverhalte in der Politik, der mich richtig “hässig” macht. Weder Lohnungleichheit noch Mietskandale vermögen mich so zu empören wie die Tatsache, dass wir so viel über die Empfindungsfähigkeit und Komplexität von Tieren wissen und beides vorsätzlich ignorieren. Ich konstatiere das mit aller Rationalität – ich bin die Letzte, die Katzenvideos schaut oder bei jedem Fellknäuel dahinschmilzt (meine Windhündin einmal ausgenommen 🙂).

Um Politik auch für Tiere zu machen, muss man Tiere nämlich nicht einmal besonders mögen. Es reicht völlig, die wissenschaftlichen Evidenzen anzuerkennen, dass sie Schmerz und Leid in einem vergleichbaren Ausmass wie wir Menschen empfinden. Die Frage, wen wir in die Politik einbeziehen und wen nicht, darf sich nicht daran bemessen, ob wir das betreffende Lebewesen süss oder den Menschen sympathisch finden. Wir müssen uns fragen, welche Konsequenzen unsere Politik hat: Führt sie zu Leid und Schmerz auf Seiten empfindungsfähiger Lebewesen, den wir verhindern könnten? Wenn dem so ist, so sollten wir ihn verhindern. Diese Überlegung ist so banal wie bahnbrechend: Wenn wir die Chance haben, unkompliziert Schmerz und Leid zu verhindern, sollten wir sie nutzen. Im Bereich der Tiere bieten sich hier überproportional viele ungenutzte Chancen, sei es in der Tierhaltung, den Tiertransporten oder der Tierzucht – mit wenig Aufwand kann oft viel bewirkt werden. Das bedeutet nicht, sich deswegen weniger um Menschen zu kümmern, aber es bedeutet, auch das Leid anderer Lebewesen anzuerkennen und zu verhindern, wo es in unserer Macht steht. 


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