Meret Schneider: What about fish?
Wenn man mit Bäuerinnen und Bauern oder auch mit den Landwirtschaftsvertretern im Bundeshaus über Agrar- und Ernährungspolitik spricht, wird sehr schnell der Selbstversorgungsgrad als Zielgrösse ins Feld geführt. Es gilt, den Selbstversorgungsgrad von Netto ca. 50% beizubehalten oder im Idealfall zu erhöhen – das ist nicht nur erklärtes Ziel der Bundes und der Agrarpolitik 2030, sondern auch des Schweizer Bauernverbandes und diverser Akteure, die sich im Ernährungssektor engagieren.
Argumente dafür sind die Unabhängigkeit vom Ausland, die Wertschöpfung im Inland und nicht zuletzt auch der Berufsstolz der Bäuerinnen und Bauern, die die Schweizer Bevölkerung ernähren wollen. Ein Blick auf die landwirtschaftliche Produktion zeigt denn auch: Mit Netto 68% liegt der Selbstversorgungsgrad bei den tierischen Produkten deutlich höher als bei der pflanzlichen Produktion, wo er bei nur 31% liegt.
Dies ist primär darauf zurückzuführen, dass in der tierischen Produktion stärker mit wirtschaftlichen Rahmenbedingungen wie Grenzschutz und Direktzahlungen gearbeitet wird, die die Inlandsproduktion wirtschaftlich attraktiver gestalten. So sind beispielsweise Fleisch und tierische Erzeugnisse durch Grenzschutz und teilweise Kontingente vor allzu viel Billigimporten geschützt, während dies für Hülsenfrüchte und Leguminosen nicht gilt. Diese müssen sich am Markt gegenüber den billigen Konkurrenten aus der Türkei und anderen Ländern behaupten, was zur Folge hat, dass nur ein geringer Anteil der konsumierten Körnerleguminosen aus der Schweiz stammt.
Aber auch bei den tierischen Nahrungsmitteln finden sich signifikante Unterschiede: Während der Selbstversorgungsgrad bei Milchprodukten bei über 100%, bei Schweinefleisch bei 92% und bei Geflügel bei 58% liegt, liegt er bei Fischen und Erzeugnissen aus Aquakultur bei absurden 3%. Wir importieren also 97% der konsumierten Fische und Krustentiere, ohne dass dies öffentlich diskutiert oder problematisiert würde. Stossend ist dies vor allem deshalb, weil alle Argumente, die für einen hohen Selbstversorgungsgrad bei landwirtschaftlichen Erzeugnissen ins Feld geführt werden, auch für Fische und Krustentiere gelten. Warum also ist dem so?
Ein Blick auf die Gesetzesgrundlage und die Rahmenbedingungen macht deutlich: Während für landwirtschaftliche Interessen lobbyiert wird, dass sich die Bundeshausbalken biegen, fehlt für Produzierende der Aquakultur, die nicht dem Landwirtschaftsgesetz unterstellt ist, komplett die Interessensvertretung im Parlament. So ist die Aquakultur von der Diskussion um den Selbstversorgungsgrad und die Abhängigkeit vom Ausland weitestgehend ausgenommen und wir importieren sorglos 97% des Fischbedarfs aus teilweise ökologisch und tierethisch fragwürdigen Produktionssystemen. Der Konsum von Fisch ist dabei leicht ansteigend und auch die Sensibilisierung der Bevölkerung für Antibiotikaeinsatz in der Lachszucht und die Beifangproblematik steigt – eigentlich ideale Voraussetzungen, um mehr Fisch und Erzeugnisse aus Aquakultur in nachhaltigen und möglichst tierfreundlichen Systemen in der Schweiz zu produzieren. Das Potenzial für Aquakultur wäre in der Schweiz nämlich gross, kaum ausgeschöpft und auch innovative Produzierende stünden bereit, wie ich am Aquakulturtag, an dem ich als Speakerin teilnehmen durfte, erfahren konnte. Doch machen interessierte Produzierende mit spannenden Ideen die Rechnung ohne die Schweizer Bürokratie und entsprechende bauliche Hindernisse im Raumplanungsgesetz: In der Landwirtschaftszone darf beispielsweise keine Aquakulturanlage gebaut werden, sondern nur in der Gewerbezone, was das Finden eines Standortes massiv erschwert. Ausserdem erschweren fehlender Grenzschutz und wenig attraktive wirtschaftliche Rahmenbedingungen motivierten Produzierenden den Einstieg. Während Deutschland mit dem Nationalen Strategieplan Aquakultur das Potenzial bereits erkannt hat und Umwelt- und Gemeinwohlleistungen der Aquakultur honoriert, Investitionen fördert und raumplanerische Hindernisse abbaut, ist dies in der Schweiz noch kaum Thema. Ich habe in einem Vorstoss in der vergangenen Frühlingssession den Bundesrat daher eingeladen zu prüfen, wie auch die Schweiz das Potenzial nachhaltiger, tiergerechter Aquakultur besser ausgeschöpft und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen dafür geschaffen werden könnten – ich bin gespannt auf die Antwort!
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