Schweizer Wirtschaft: Erholung büsst nach Zwischenspurt an Schwung ein

Konjunktur
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Zürich – Auf den bisher beispiellosen Wirtschaftseinbruch im ersten Halbjahr 2020 folgt derzeit eine rasche Erholung. Dementsprechend halten die Ökonomen der Credit Suisse an ihrer vergleichsweise optimistischen Prognose eines Rückgangs des Bruttoinlandprodukts (BIP) um 4,0 % in diesem Jahr fest. Der weitere Verlauf des Aufschwungs dürfte aber eher zögerlich erfolgen, mit einem Konjunkturprofil, das einem «schiefen V» ähnelt. Das BIP-Niveau von Ende 2019 wird erst Ende 2021 wieder erreicht.

Aufgrund der verhaltenen Wirtschaftsdynamik dürfte die Nettozuwanderung in die Schweiz im kommenden Jahr auf den tiefsten Stand seit Einführung der vollen Personenfreizügigkeit im Juni 2007 sinken. In 2020 wird der Wanderungssaldo vorerst nur marginal tiefer ausfallen als 2019, dies unter anderem infolge weniger Auswanderungen.

Verschiedene Konsumanreize
Der Ausstieg aus dem Lockdown hat die Wirtschaft in der Schweiz und anderswo rasch wieder anspringen lassen. Die Schweizer Privathaushalte geben derzeit rund zwei Drittel der Gelder, die sie während dem Lockdown angespart hatten, wieder aus. Sinkende Preise sowie der Bedarf, Verpasstes nachzuholen, verschaffen zusätzliche Konsumanreize. Die Grundlage für diese Erholung haben die dezidierten geld- und finanzpolitischen Massnahmen geschaffen, die zu Beginn der Krise ergriffen wurden – namentlich die ausgeweitete Möglichkeit zum Bezug von Kurzarbeitsgeld und die mit Staatsgarantien versehenen COVID-19-Überbrückungskredite, die von den Banken vergeben wurden.

Erholung verliert nach Zwischenspurt an Dynamik
Die Nachholeffekte schwächen sich indessen zusehends ab, sodass die Erholung in den kommenden Monaten an Schwung verlieren dürfte. Die wichtigste Determinante des privaten Konsums, die Arbeitsmarktlage, dürfte gemäss den Ökonomen der Credit Suisse bis in das kommende Jahr hinein angespannt bleiben. Trotz Kurzarbeit wird die Arbeitslosenquote in den kommenden Monaten steigen. Konkret rechnen die Ökonomen der Credit Suisse mit einem Anstieg von heute 3,3 % auf rund 4,0 % bis Mitte 2021 (Durchschnitt 2020: 3,2 %; 2021: 3,9 %). Ein solcher Anstieg wird das Konsumwachstum erfahrungsgemäss bremsen, wenn auch nicht abwürgen.

Zudem lässt der Gewinneinbruch der Unternehmen – der Anteil der Unternehmensgewinne am BIP ist auf ein Rekordtief gesunken – eine magere Lohnrunde erwarten. Weil gleichzeitig das Preisniveau nicht weiter sinken sollte (Inflation 2021: +0,3 %; nach –0,7 % im Jahr 2020), wird die Kaufkraft der Löhne im nächsten Jahr sogar leicht abnehmen.

Die Erholung dämpfen dürfte darüber hinaus der Umstand, dass das Coronavirus die Weltwirtschaft noch länger belasten wird. Die Credit Suisse-Ökonomen gehen nicht von einem weiteren flächendeckenden Lockdown aus. Sie halten jedoch fest, dass auch temporäre sowie geographische Einschränkungen der Mobilität die Konjunktur weiterhin belasten werden.

Industrie hat Talsohle durchschritten
Auch das Investitionsklima dürfte angesichts der schwierigen Gewinnsituation der Unternehmen noch eine Weile verhalten bleiben. Die Nachfrage nach Investitionen in Ausrüstungen und Maschinen sollte aber dank der Erholung der Industriekonjunktur zumindest wieder etwas anziehen. Bis dato wirken Investitionen der Pharma- und Chemieindustrie sowie in die IT-Infrastruktur dem anderswo beobachteten Einbruch des Investitionsvolumens etwas entgegen. Auch der Rückgang der Warenexporte ist bislang durch das hohe Gewicht des Pharma- und Chemiesektors (50 % der Exporte) und dessen geringe kurzfristige Konjunktursensitivität gedämpft worden.

Vieles spricht dafür, dass dieser Sektor auch in Zukunft eine verlässliche Stütze der Aussenhandelsentwicklung bleiben wird. Derweil haben die zyklischen Branchen, wie etwa die Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM-Industrie) oder die Uhrenindustrie, die Talsohle wohl durchschritten. Der Weg zur Normalität ist aber im internationalen Handel besonders weit, bleiben doch die Transportkapazitäten und die interkontinentale Mobilität wohl noch länger eingeschränkt.

Schweiz kommt vergleichsweise glimpflich davon
Dank dem vergleichsweise vorteilhaften Branchenmix mit einem hohen Wertschöpfungsanteil des Pharma- und Chemiesektors und weiterer Branchen (wie etwa Rohstoffhandel sowie Banken und Versicherungen), die nicht direkt von den Einschränkungen betroffen waren, der massvollen Ausgestaltung der Corona-Eindämmungsmassnahmen und den raschen sowie effizienten geld- und fiskalpolitischen Massnahmen dürfte die Schweiz vergleichsweise glimpflich davonkommen. Die Ökonomen der Credit Suisse bleiben folglich bei ihrer im Vergleich zu anderen Instituten optimistischen Einschätzung für dieses Jahr, wonach das BIP um im internationalen Vergleich geringe 4,0 % einbrechen wird. Die Erholung dürfte aber nicht kräftig genug sein wird, um das BIP vor dem Jahresende 2021 wieder auf das Vorkrisenniveau steigen zu lassen (Prognose 2021: +3,5 %).

COVID-19 bremst Zuwanderung über den Lockdown hinaus
Obwohl die Grenzen vom 25. März bis 8. Juni 2020 teilweise geschlossen waren, rechnen die Ökonomen der Credit Suisse mit einem Wanderungssaldo (Einwanderung minus Auswanderung) der ständigen Wohnbevölkerung von rund 50’000 für das aktuelle Jahr und damit mit einem nur leicht tieferen Wert als noch im Vorjahr (53’000). Dass diese Abnahme trotz Corona-Krise nicht stärker ausfallen dürfte, hat drei Gründe: Erstens war die Zuwanderung im ersten Quartal noch äusserst dynamisch. Zweitens hat die Pandemie nicht nur zu einem Rückgang der Zuwanderung geführt, sondern auch die Wegzüge markant reduziert. Die Stellensuche im Ausland, aber auch etwa die Wohnungssuche und der Wohnungswechsel, wurden stark erschwert. Insgesamt haben im zweiten Quartal dieses Jahres 20 % weniger ausländische Staatsangehörige die Schweiz verlassen als noch in der Vorjahresperiode. Drittens schlägt sich ein Teil des effektiven Rückgangs der Zuwanderung erst verzögert in den Zuwanderungszahlen der ständigen ausländischen Wohnbevölkerung nieder. Namentlich tangiert dies neu zugewanderte Kurzaufenthalter und Asylsuchende, deren Zahl zurzeit stark rückläufig ist.

Ohne Erholung des Arbeitsmarktes dürfte Zuwanderung gedämpft bleiben
Die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie werden sich somit teilweise erst mit einiger Verzögerung in den Zuwanderungszahlen niederschlagen. Trotzdem dürften bereits heute die wirtschaftlichen Folgen spürbar sein, etwa in Form einer tieferen Nachfrage auf dem Immobilienmarkt. Hinzu kommt, dass sich der Arbeitsmarkt, selbst bei günstigem weiterem Pandemieverlauf, nur sehr zögerlich von der Krise erholen dürfte. Entsprechend erwarten die Ökonomen der Credit Suisse für 2021 einen weiteren Rückgang der Nettozuwanderung auf ein Niveau von rund 45’000. Damit würde der Wanderungssaldo erstmals seit Einführung der vollen Personenfreizügigkeit im Juni 2007 auf unter 50’000 Personen sinken.

Langfristig dürfte sich der Zuwanderungssaldo um 50’000 einpendeln
Die Zuwanderung im Jahr 2021 dürfte nicht nur durch die wirtschaftliche Entwicklung, sondern auch durch die Demographie geprägt werden: Die anrollende Pensionierungswelle bei der geburtenstarken Babyboomer-Generation wird eine grosse Lücke im Arbeitsmarkt hinterlassen. Diese dürfte zumindest teilweise über Rekrutierungen im Ausland kompensiert werden können. Bei einer wirtschaftlichen Entwicklung im Bereich des Potenzialwachstums erachten die Ökonomen der Credit Suisse für die nächsten Jahre einen mittleren Wanderungssaldo von etwas über 50’000 als wahrscheinlichstes Szenario. (CS/mc/pg)

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