Bosco Gurin: Die vergessene Walserinsel im Maggiatal

Bosco Gurin: Die vergessene Walserinsel im Maggiatal
Bosco Gurin (Bild: Helmuth Fuchs)

Bosco Gurin – Das Walserdorf, eine deutsche Sprachinsel im Tessin, bietet, was viele zur Zeit suchen: Distanz, Ruhe, Abgeschiedenheit. Die etwas mehr als 50 EinwohnerInnen halten (noch) an der Sprache und dem eigenen Lebensrhythmus fest. Geborgte Zeit, mit einer Prise Hoffnung auf Zukunft.

Von Helmuth Fuchs

In Cevio schmunzeln einige Bewohner, als sie unseren Steyr sehen, wohl in der Vorstellung, dass wir in den engen Kehren hinauf nach Bosco Gurin in jeder Kurve mehrmals ansetzen müssen. Doch der kurze Radstand mit dem rekordverdächtig kleinen Wendekreis erlaubt mit einer Ausnahme, die der Fahrer verschuldet, das problemlose Durchfahren der Serpentinen in einem Zug. Wer auf den sehr engen Strassen ein Zurücksetzen verhindern will, wirft vorsichtshalber noch einen Blick in den Fahrplan der Busbetriebe.

In Bosco Gurin stellen wir den Steyr auf den grossen Parkplatz vor dem Dorf, direkt am kleinen Fluss Rovana di Bosco/Gurin.

Das 1253 von Walser Siedlern gegründete Dorf hat viel von seiner Ursprünglichkeit bewahrt. Nebst dem intakten Dorfbild haben die BewohnerInnen auch ihre eigene Sprache, das „Ggurijnartitsch“ (Gurinerdeutsch), ein dem Walliser Dialekt ähnelndes Idiom, über die Jahrhunderte beibehalten. Im Ahnen, dass die Tage ihrer Sprache gezählt sind, setzen sich dennoch auch junge GurinerInnen für deren Rettung ein. Eine Schule gibt es zwar seit 2002 nicht mehr im Dorf, doch im Gegensatz zu vielen anderen Dörfern mit einer ähnlichen Ausgangslage herrscht hier noch einiges an Optimismus und Leben. Es gibt einen Coop, eine Bäckerei, eine Post, ein Hotel („Walser“) und die Osteria delle Alpi, in der man ausgezeichnete einheimische Gerichte geniesst. Wer Eintauchen will in die Geschichte der Walser und des Dorfes, besucht das Walsermuseum.

Die Lage auf 1500 Metern über Meer sorgt für kühle Sommertemperaturen und schneereiche Wintermonate. Mit der Sesselbahnen Ritzberg und Sonnenberg kommt man bequem auf 2400 Meter.

Die Beine nach Italien baumeln lassen
Wegen Corona sind die Bahnen jedoch geschlossen und wir verlassen uns auf die eigenen Beine, um zuerst zur Guriner Furka und von dort auf dem Grat in Richtung Monte Rizo (Ritzberg) zu wandern. Eine Felskante, die wir wegen Ortsunkenntnis nicht durchklettern wollen, beendet die Wanderung auf 2500 Metern. Zeit, das beeindruckende Bergpanorama zu geniessen und die Beine nach Italien baumeln zu lassen (die Grenze verläuft direkt auf dem Grat). Weit unter uns liegt ein kleiner Bergsee als schwarzes Loch im weiss-blauen Schnee- und Eisfeld. Gegenüber der Pizzo Stello (Martschenspitz).

Ebenso eindrücklich wie die Bergwelt im Grossen ist die Flora im Kleinen. Der Farben- und Formenreichtum zieht den Blick immer wieder nach unten, zwingt zum Verweilen. Bergbäche formen wandelnde Strukturen über steinernen Stufen. All dies am Ende des Tales, zwar mit den sichtbaren Eingriffen der Menschen, aber ohne deren häufige Präsenz. Hier gibt es kein Weiterkommen, nur den langen Weg zurück. Das verhindert offenbar erfolgreich die Art Übertourismus, an dem vermehrt Orte mit Insta-Charakter (die Möglichkeit für fantastische Bilder in authentischer Umgebung) leiden. In Bosco Gurin hat man viel Platz, Zeit und Ruhe.

Ein wenig der Zeit nutzen wir, um Ordnung in unseren Steyr zu bringen. Da er unser temporäres Zuhause auf Rädern ist, können wir uns einiges an Aufregung ersparen, wenn wir wissen, wo was zu finden ist. Schnell sammeln sich auch hier viele Gegenstände an, die man hoffentlich nur selten benötigt (Bergungs- und Ersatzmaterial) und solche, die man täglich verwendet (Fahrräder). Reisen bildet, auch hier.

So gerüstet und bereichert mit Bildern und Erinnerungen verlassen wir diesen einzigartigen Ort und machen uns auf den Weg nach Italien. Die Beine waren ja schon kurz dort, nun folgt der Rest. Vom Gebirge in die Ebene, von der Sprachinsel in ein Meer voller Italianità.

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