Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: «No Time to Die?»

Martin Neff
Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: zvg)

Wussten Sie, dass James Bond eigentlich Schweizer ist oder genauer gesagt Halbschweizer? In den Originalromanen von Ian Fleming hat der im Ruhrpott geborene James Bond einen schottischen Vater und eine Schweizer Mutter aus dem Kanton Waadt. Der Playboy, Banker, Spion und spätere Romanautor Fleming lernte in seinen jungen Jahren an einem Ball in Genf eine Schweizerin kennen, in die er sich verliebte. Die beiden verlobten sich, aber schlussendlich klappte es dann doch nicht, weil Flemings Mutter die Beziehung sabotierte.

Jahrzehnte später gab dann der Schriftsteller seinem heute weltberühmten Protagonisten eine Schweizer Mutter, die ähnlich heisst, wie seine Ex aus dem Kanton Waadt.

Burger und Pasta für Spione
Ian Fleming lebte von 1929 bis 1931 in der Schweiz. Aber unser Land blieb ihm zeitlebens fremd und kam in seinen Romanen nicht immer gut weg. Dafür hat die Schweiz aber viel von Fleming profitiert oder besser gesagt von den späteren Verfilmungen seiner Romane. Wohl in kaum einem anderen Land hat James Bond so viele Abenteuer erlebt wie bei uns. Und die damaligen Drehorte sind bis heute davon geprägt. Das Drehrestaurant Piz Gloria z.B. auf dem Schilthorn im Berner Oberland wirbt auch nach 50 Jahren mit James Bond. Das Restaurant bietet u.a. Burger an, auf denen das 007-Logo prahlt und sogar «James Bond-Spaghetti» werden angeboten.

Die in den Bond-Filmen dargestellte Bergkulisse mit den schneebedeckten Gipfeln oder grandios gewundenen Passstrassen hat das Bild der Schweiz im Ausland stark mitgeprägt. Viele, vor allem ausserhalb von Europa, assoziieren unser Land auch heute noch ausschliesslich mit Bergen und Schnee. Dabei hat die Schweiz so viel mehr zu bieten. Und die Bergregionen sind schon lange nicht mehr der Wachstumsmotor der vergangenen Tage. Fernreisen sind heute viel billiger, der Skiurlaub für ausländische Gäste aufgrund des starken Frankens jedoch teurer. Für die meisten Touristiker in den Bergen ist es deshalb nur schon ein Erfolg, wenn die Logiernächte stabil bleiben und nicht fallen. Jetzt inmitten einer globalen Pandemie gilt dies sowieso.

Mehr als nur Berge
Zermatt, Davos und St. Moritz sind natürlich weiterhin in den Top-Ten der Schweizer Urlaubsorte. Die Liste wird jedoch von Zürich und Genf angeführt. Zermatt schafft es knapp aufs Podest, dann folgen Basel, Luzern und Lausanne. Allein die fünf grössten Städte machen rund ein Viertel aller Logiernächte aus. Beeindruckend ist aber vor allem das starke Wachstum. In Zürich und Basel beispielsweise nahm die Bettenkapazität zwischen 2013 und 2019 um hohe 20 % resp. 40 % zu, während der Anstieg im Rest des Landes lediglich 0.6 % betrug. Die massive Angebotsausweitung wurde problemlos vom Markt absorbiert, weil sich auch die Nachfrage dynamisch entwickelte. Das wiederum hatten die Städte vor allem dem florierenden Geschäftstourismus zu verdanken, der mehr als die Hälfte aller Logiernächte und noch deutlich mehr des Umsatzes ausmacht. Startschuss für den Boom im Geschäftstourismus waren die bilateralen Verträge mit der EU und die Vernetzung mit Europa. Das starke Wachstum hielt auch nach dem Frankenschock noch an, denn die Nachfrage von Geschäftsreisenden reagiert deutlich weniger sensibel auf den Frankenkurs als diejenige von Privattouristen.

Business not as usual
Das lukrative Geschäft mit in- und ausländischen Geschäftsreisenden ist aufgrund der Pandemie nun aber fast völlig zum Erliegen gekommen. Hoteliers in den Städten befürchten sogar, dass es noch Jahre dauern könnte, bis die Logiernächte wieder das Vorkrisenniveau erreichen, wenn überhaupt. Grund dafür ist, dass die Pandemie den durch die Digitalisierung ausgelösten Strukturwandel im Geschäftstourismus nochmals stark beschleunigt hat. Ein Teil der Meetings, Tagungen und Kongresse, die wegen Corona virtuell organisiert wurden, wird auch in Zukunft nicht mehr vor Ort abgehalten. Der Umsatz mit Geschäftsreisenden wird zwar nicht völlig wegfallen, da der physische Kontakt wichtig bleibt. Das gilt insbesondere für den Austausch mit potenziellen und bestehenden Kunden sowie mit Zulieferern. Bei Reparatur- und Wartungsarbeiten ist eine Dienstreise normalerweise gar unentbehrlich. Die Hoteliers müssen sich aber darauf einstellen, dass ein Teil der bisherigen Übernachtungen künftig wegfallen wird und sich deshalb neu positionieren.

Stadthotels müssen z.B. vermehrt Freizeitreisende und die einheimische Bevölkerung ansprechen. Einige haben damit begonnen, die digitale Infrastruktur auszubauen, um zukünftig hybride Formen von Veranstaltungen anbieten zu können. Wiederum andere denken darüber nach, vermehrt Tagesaufenthalte anzubieten oder einen Teil der ungenutzten Räume für andere Zwecke zu vermieten. So oder so werden die Konkurrenz und der Margendruck aber grösser. Die Stadthotellerie bleibt bis auf weiteres und noch viel länger als die Bergregionen stark von inländischen Gästen abhängig. War das Segment des Geschäftstourismus vor der Pandemie ein grosser Wachstumstreiber der ganzen Schweizer Touristik, entwickelt es sich nun zum Sorgenkind. Im neuen Bond-Streifen, der bald in die Kinos kommt und «No Time to Die» heisst, ist die Schweiz für einmal nicht dabei. Ein James Bond-Film, der zum Beispiel in der Zürcher Altstadt oder am Genfersee gedreht wird, wäre mal was. Der Filmtitel passt hingegen perfekt zur aktuellen Lage der Stadthotellerie: Viele Branchen haben das Vorkrisenniveau wieder erreicht und mit der Wirtschaft geht es grundsätzlich wieder aufwärts. Für die Hoteliers in den Städten, die einer Marktbereinigung entgegensehen, bleibt die Lage aber fragil. Vielleicht doch «Time to die»?

Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen

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