Robert Jakobs Wirtschaftslupe: Sternstunden der Wissenschaft

Robert Jakobs Wirtschaftslupe: Sternstunden der Wissenschaft
Das von Isaac Newton (1642–1727) entwickelte Teleskop ist eine frühe Form des Spiegelteleskops.

Wissenschaftsgeschichte ist immer spannend. Besonders wenn man nicht Jahrzehnte, sondern Jahrhunderte oder Jahrtausende zurückblickt, denn dann erschliessen sich die ganz grossen Zusammenhänge.

Ich habe mich immer gefragt, warum einige Länder nur in ganz bestimmten Zeitepochen technische Glanzleistungen erbringen. Im finsteren Mittelalter lief beispielsweise in unseren Breiten nicht viel. Schuld daran war die wissenschaftsfeindliche Einstellung der Kirche, welche Zentraleuropa in eine Art Dämmerschlaf versetzte. Erst Ende des 12. Jahrhunderts erweckte uns der bretonische Gelehrte Peter Abaelard. Er brachte die dialektische Methode, die von den Griechen einst gepflegte logische Auseinandersetzung, wieder in Mode.
Fortan durften alle Dinge wieder hinterfragt werden, was neue Erkenntnisse zu Tage förderte und damit den Fortschritt befeuerte, von dem wir heute alle profitieren.

Lars Jaeger, ein promovierter Physiker in den Disziplinen Quantenfeld- und Chaostheorie, hat nach einer ganzen Reihe vielschichtiger wissenschaftstheoretischer Bücher nun als neuestes eine Gesamtschau der Erfolgsgeschichte des Denkens verfasst. Ähnlich wie bei Bertrand Russells „Philosophie des Abendlandes“ werden bei Jaeger die grossen (Natur)wissenschaftler in ihrem persönlichen und sozialen Umfeld dargestellt, was das Buch ungemein unterhaltend macht. Abgehandelt werden auf 336 Seiten natürlich die grossen Klassiker von Aristoteles bis Watt, aber auch viele Geheimtipps: Geistesgrössen, von denen man in der Schule oder im Studium nie gehört hat, deren Bedeutung aber vom Autor in den gebührenden weltpolitischen Zusammenhang gestellt werden. So bricht er eine Lanze für die arabischen Gelehrten zwischen 800 und 1250 n. Christus, deren Arbeiten in Chemie, Biologie, Astronomie, Physik, Mathematik und Medizin die Menschheit vieles verdankt. Möglich wurde dieser Kickstart durch eine im Verhältnis zu heute weit weniger dogmatische Haltung.

Früher waren Christen die Taliban des Mittelalters, wie Jaeger suffisant anmerkt. Religion ist eine Kultur des Glaubens, Wissenschaft eine des methodischen Zweifels, und gerade der von den Religionen verachtete oder gar unter Todesstrafe gestellte Zweifel ist es, der den Fortschritt erzwingt. Denn dadurch leiten sich Arbeitshypothesen und deren unvoreingenommene Prüfung ab.

Buchdruck, die Nummer eins der Ranking Show
Als Buchautor mag Jaeger nicht neutral sein, aber für ihn ist Johannes Gensfleisch die Lichtgestalt. Mit der Adaptation des ursprünglich von den Chinesen erfundenen Buchdrucks für den europäischen Markt, hat Johannes Gutenberg, so sein besser bekannter Name, die Wissenschaft revolutioniert. Jetzt waren Information und Wissen leicht zugänglich und nicht mehr durch dogmatische Autoritäten unterdrückbar. Gutenberg war nicht nur ein kreativer Tüftler, er hatte auch Glück und Gespür bei der Geldbeschaffung. Da Lars Jaeger ein Kapitalmarktexperte ist, finden sich in seinem Buch oft Hinweise auf die Erfolgsfaktoren Risiko und Finanzierung, ein Feld, auf dem wir vor allem den Engländern ab Beginn des 18. Jahrhunderts den entscheidenden Anstoss verdanken. Aus Kapitalgesellschaften wurden Aktiengesellschaften und aus Banknoten Papiergeld. So fand eine breite Kapitalbildung bei vielen statt, ganz im Gegensatz zur iberischen Halbinsel, wo das viele Gold (und Silber) aus Südamerika die feudalen Strukturen bis ins 20. Jahrhundert stützte.

Feudale Strukturen als Fortschrittshemmnis
Die Früchte der Wissenschaft werden offensichtlich dann geerntet, wenn möglichst viele mitmachen können. Genau hier liegt die Schwäche dogmatischer Kulturen, wie Tausende Jahre Menschheitsgeschichte immer wieder aufzeigen. Ein Muster, das man auch im arabischen Kulturraum erkennt (wobei es in einigen Ländern Zeichen der Lockerung gibt) oder im Wahrheitsbegriff der Populisten, denen es nicht um Wissensvermehrung für alle, sondern um Glaubensbestätigung geht. Für Lars Jaeger ist die von den Wissenschaften angestossene Kultur des Zweifelns der grösste Segen. Das erfordert zwar Selbstdisziplin, bringt aber grosse Früchte. Ganz im Gegensatz zu den verlockenden Vereinfachungen gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Zusammenhänge, die von unzähligen Verschwörungstheoretikern und Politikern propagiert werden. Jaeger findet darum auch auf der letzten Seite seines spannenden Werkes: „die wachsende Skepsis gegenüber Wissenschaftlern und wissenschaftlichen Einsichten ist brandgefährlich.“ Lars Jaeger hat drei Töchter mit amerikanischem Pass. Ohne dass der Autor bestimmte Personen explizit nennen muss, entgeht dem aufmerksamen Leser nicht, wen er für eine besonders wüste Fortschrittsbremse hält.

Erschienen ist das Buch (Hardcover) im Südverlag für 20 Euro: www.suedverlag.de
ISBN/GTIN: 978-3-87800-140-9

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