Andreas Jiménez, Geschäftsleiter Max Havelaar-Stiftung (Schweiz), im Interview

Von patrick.gunti - 16:02

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Andreas Jiménez

Andreas Jiménez, Geschäftsleiter der Max Havelaar-Stiftung (Schweiz). (Foto: Max Havelaar)

Von Patrick Gunti

Moneycab: Herr Jiménez, Sie stehen seit etwas über einem Jahr an der Spitze der Max Havelaar-Stiftung. In welchen Bereichen haben Sie im ersten Jahr Prioritäten gesetzt?

Andreas Jiménez: Die meisten Fairtrade-Kleinbauern können nur einen Teil ihrer Ernte zu Fairtrade-Bedingungen verkaufen. Mir ist es ein grosses Anliegen, diesen Anteil zu erhöhen. Nur so können sie ihr Leben nachhaltig verbessern. Im vergangenen Jahr haben wir dazu eine wichtige Voraussetzung geschaffen: Neu können fast alle Fairtrade-Zutaten einzeln verarbeitet und auf der Verpackung ausgelobt werden. Unsere Fairtrade-Kleinbauern und -Arbeiterinnen erhalten somit eine weitere, wichtige Möglichkeit, ihre Produkte zu den vorteilhaften Fairtrade-Konditionen zu verkaufen. Das ist ein wichtiger Meilenstein, der nun Stück für Stück in die Praxis umgesetzt wird.

Der Erfolg von Fairtrade-Produkten in der Schweiz hält unvermindert an. Im vergangenen Jahr stieg der Umsatz um 11,6% auf 700 Mio Franken. Wie hoch sind die Prämien, die neben fairen Preisen an die Kleinproduzenten gehen und nach welchem Schlüssel erfolgt die Vergabe?

Allein aus der Schweiz haben Kleinbauern und Arbeiterinnen in Entwicklungsländern 2017 über 10.5 Millionen Dollar an Prämien erhalten. Die Fairtrade-Prämie wird den Produzentenorganisationen zusätzlich zum Fairtrade-Mindestpreis ausbezahlt. Über die Verwendung entscheiden einzig und allein die Kleinbauern und Arbeiterinnen. Sie können für ein besseres Einkommen verwendet werden, zur Finanzierung von Gemeinschaftsprojekten wie Bau von Brunnen oder Schulen oder auch zur Verbesserung der Qualität und Produktivität.

„Wer auf einer Fairtrade-Plantage arbeitet, hat einen Vertrag – das ist beim Bananenanbau leider keine Selbstverständlichkeit.“
Andreas Jiménez, Geschäftsleiter Max Havelaar-Stiftung (Schweiz)

Wo Fairtrade drauf steht, greifen Schweizerinnen und Schweizer gerne zu. Aber wofür Fairtrade in den konkreten Fällen – mittlerweile sind es über 2800 Fairtrade-Produkte – steht, ist nicht immer ganz klar. Können Sie uns am Beispiel des mit Abstand beliebtesten Produkts – der Banane – kurz erläutern, wovon die Beschäftigten in den zertifizierten Kleinbauernkooperativen und Plantagen konkret profitieren?

Bananen sind ein ausgezeichnetes Beispiel: Wer auf einer Fairtrade-Plantage arbeitet, hat einen Vertrag – das ist beim Bananenanbau leider keine Selbstverständlichkeit. Die Angestellten einer Fairtrade-Plantage profitieren von geregelten Arbeitsbedingungen wie bezahlter Überzeit und Gesundheitsschutz. Zudem verlangt Fairtrade, dass sich die Angestellten einer Plantage arbeitsrechtlich organisieren. Dies stärkt ihre Position gegenüber den Plantagen-Besitzern.

Der Grossteil aller Produzenten bei Fairtrade sind aber Kleinbauernfamilien. Sie sind in Kooperationen organisiert, erhalten so besseren Marktzugang und können mit ihren Käufern auf Augenhöhe verhandeln. Wichtig sind für sie der Mindestpreis und die zusätzliche Fairtrade-Prämie, die geben ihnen finanzielle Sicherheit und Stabilität. Liegt der Mindestpreis über dem Marktpreis, schützt er die Kleinbauern vor den existenzbedrohenden Marktschwankungen.

Peru war im vergangenen Jahr von starken Überschwemmungen betroffen. Blieben Kooperativen, mit denen Max Havelaar arbeitet, davon verschont?

Während einige nichts gemerkt haben, waren andere Kooperativen stark betroffen: Ganze Felder und Ernten gingen verloren. Oder weil die einzige Zufahrtstrasse oder Brücke zerstört war, konnte die Ernte nicht wegtransportiert werden. Dabei zeigte sich, in welch marginalisierten Gegenden die Fairtrade-Kooperativen tätig sind: Wenn da eine Brücke fehlt, gibt es kaum eine Alternative für den Transport von A nach B. Umladen und Tragen durch Flüsse wirken sich auf die Qualität der Produkte aus. Gerade für einige Produzentenorganisationen war es während mehreren Wochen unmöglich, ihre Produkte auszuführen. Sie hatten erhebliche Verluste zu verkraften.

Werden Kooperativen im Falle von grösseren Ernteausfällen unterstützt oder müssen sie dafür die ausbezahlten Prämien einsetzen?

Gerade das Beispiel der Überschwemmungen in Peru zeigt, wie nachhaltig das Fairtrade-System handelt: Das Sicherheitsnetz sind die Kooperativen selber. Die Mitglieder helfen sich gegenseitig. Und zudem werden in solchen Situationen auch Reserven aus dem Prämientopf genutzt, um Ernteausfälle zu kompensieren.
Zudem verfolgt Fairtrade aktuell in Kolumbien ein erstes Projekt, bei dem Kaffeebauern sich gegen Ernteausfälle versichern können, die durch die Folgen des Klimawandels zunehmen. Langfristig erhoffen wir uns davon mehr finanzielle Sicherheit für die Kleinbauern.

Über ein Siebtel des Umsatzes wird mit Bananen erzielt, die mittlerweile einen Marktanteil von 54% haben. Der bedeutendste Treiber des Wachstums ist aber der Kakao. Worauf ist die markante Steigerung zurückzuführen?

Kakao war vor vier Jahren einer der ersten Rohstoffe, der als Einzelzutat mit Label ausgelobt werden konnte. Hersteller haben damit die Möglichkeit, in einem Produkt Fairtrade-Kakao und Schweizer Zucker zu mischen. Diese ist eine attraktive Variante für viele Hersteller, sich im fairen Handel zu engagieren und hat beim fairen Kakao zu einem Wachstum von 88% in den letzten Jahren geführt.

„Ziel ist es, dass die Kleinbauern in den Entwicklungsländern mehr Fairtrade-Produkte tatsächlich zu Fairtrade-Bedingungen verkaufen können.“

Im April hat die Max Havelaar-Stiftung Schweiz ihre Fairtrade-Labels überarbeitet und ergänzt. Was sollen die neuen Labels bringen – einerseits den Kleinproduzenten, andererseits den Konsumenten?

Ziel ist es, dass die Kleinbauern in den Entwicklungsländern mehr Fairtrade-Produkte tatsächlich zu Fairtrade-Bedingungen verkaufen können. Dass sie eben den Mindestpreis und die Prämie dafür erhalten und dass sie ihre Ernte nicht zum Dumping-Preis verkaufen müssen. Die Erfahrung beim Kakao hat uns gezeigt, welches Potential es für den fairen Handel gibt. Deshalb haben wir diese Möglichkeit auf fast alle Produkte ausgeweitet. In der Hoffnung, dass die zertifizierten Kleinbauern grössere Mengen zu den vorteilhaften Fairtrade-Bedingungen verkaufen können.

Und auch die Konsumentin und der Konsument in der Schweiz profitiert: Das neue Label ist so gestaltet, dass der Konsument schnell zusätzliche Informationen erhält, was dem steigenden Bedürfnis nach Transparenz entspricht. Das Label ist immer mit dem Zusatz der Fairtrade-Zutat gekennzeichnet. Wenn ich auf dem Blumenstrauss das weisse Fairtrade-Label mit dem Zusatz «Roses» sehe, weiss ich, dass hier einzig die Rosen aus fairem Handel stammen. Und ein Pfeil verweist darauf, dass ich auf der Rückseite der Verpackung weitere Informationen erhalte. Etwa wenn es sich um ein Mischprodukt handelt.

Haben Sie keine Angst, dass in der Fülle von Labels die Übersicht verloren geht?

Das neue Zutaten-Label löst das bisherige Programm-Label ab. Und mit seinem weissen Hintergrund unterscheidet es sich deutlich vom klassischen schwarzen Label. Grundsätzlich sollen Label ja eine Orientierung bieten und über Mehrwerte informieren. Das sollte bei Fairtrade mit der Label-Erweiterung noch besser gelingen.

Nicht überall sind die Marktanteile von Fairtrade-Produkten so hoch wie bei den Bananen. Wie wollen Sie die Marktanteile weiter erhöhen?

Das neue Label ist eine der Massnahmen. Beim Kakao hat sich der positive Effekt bereits gezeigt. Darüber hilft Fairtrade Max Havelaar seinen Marktpartnern bei der Entwicklung von professionellen Lieferketten. Die Anforderungen an Qualität und Verfügbarkeit der Fairtrade-Produkte ist heute nicht anders als bei konventionellen Produkten. Und schliesslich tragen unsere Kommunikationsmassnahmen dazu bei, dass in der breiten Öffentlichkeit das Verständnis für die Bedürfnisse der Kleinbauern in Entwicklungsländern wächst. Wesentlich sind natürlich unsere Partnerschaften mit dem Detailhandel und den Herstellern. Für viele unserer Partner ist der Ausbau ihres Fairtrade-Engagements ein erklärtes strategisches Ziel.

Sie stehen im ständigen Kontakt mit den Kleinproduzenten vor Ort. Was sind deren grösste Herausforderungen?

Die Herausforderungen sind vielfältig und an manchen Orten überwältigend: Am vordringlichsten ist die Frage, wie durch harte Arbeit existenzsichernde Einkommen bzw. Löhne erreicht werden können. Meist liegt es daran, dass nur ein kleiner Teil ihrer Ernte zu den vorteilhaften Fairtrade-Konditionen verkauft werden kann oder es fehlt der Zugang zu fairen Krediten, um in Produktivitätsverbesserung zu investieren. Erschwert werden diese Bestrebungen durch die Folgen des Klimawandels.

„Fairtrade hat unter anderem erreicht, dass der Organisationsgrad der Kleinbauern im Süden gestiegen ist.“

Die Stiftung Max Havelaar wurde 1992 von HEKS, Brot für alle, Caritas, Fastenopfer, Helvetas und Swissaid gegründet. Heute ist die Stiftung Teil eines weltweiten Fairtrade-Systems und blickt auf ein erfolgreiches Vierteljahrhundert zurück. Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen in den nächsten Jahren?

Ich sehe vor allem die Chancen: Fairtrade hat unter anderem erreicht, dass der Organisationsgrad der Kleinbauern im Süden gestiegen ist. Initiativen werden zunehmend in Lateinamerika, Afrika und Asien lanciert und koordiniert. Daraus entsteht eine neue Dynamik direkt aus dem Süden, die die nächsten 25 Jahre prägen wird. Ein Beispiel dafür sind die Projekte, mit denen mehr Wertschöpfung im Süden entstehen soll, wie die Entwicklung von Kaffee-Marken für die Märkte im globalen Süden.

Sie sind zwar erst ein Jahr bei Max Havelaar, waren aber schon vorher im Fairtrade-Bereich tätig. Mit einem Blick zurück auf 25 Jahre Max Havelaar: Wie hat sich der faire Handel in dieser Zeit entwickelt?

Fairtrade ist heute im Mainstream angekommen. Während das Engagement vor 25 Jahren von wenigen Pionieren getragen wurde, so fragen sich heute viele Konsumenten: Woher kommen die Produkte? Wie und unter welchen Arbeitsbedingungen wurden sie hergestellt? Was und wen unterstütze ich durch meinen Einkauf? Fairtrade hat also schon Vieles erreicht, das Ziel aber ist immer noch dasselbe: Kleinbauern und Arbeiterinnen durch fairen Handel bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen zu verschaffen.

Zur Person:
Andreas Jiménez (53) ist seit 1. Mai 2017 Geschäftsleiter der Max Havelaar-Stiftung (Schweiz). Von 2011 bis zu seinem Wechsel zu Max Havelaar amtete Jiménez als CEO von Bio Partner, der Marktführerin im Grosshandel von Bio- und Fairtrade-Lebensmitteln. In dieser Funktion war Jiménez bereits ein Partner von Fairtrade Max Havelaar. Zuvor war der Betriebsökonom und gebürtige Deutsche über elf Jahre in führenden Positionen der Lekkerland-Gruppe tätig.

Zu Max Havelaar:
Mit dem Kauf von Produkten, die mit dem Label von Fairtrade Max Havelaar gekennzeichnet sind, tragen Konsumenten dazu bei, dass Kleinbauernfamilien und Angestellte in Entwicklungsländern ein besseres Einkommen und gute Arbeitsbedingungen erhalten. Fairtrade stärkt die Produzenten durch klare soziale und ökologische Standards, durch stabile Preise und Prämien sowie durch Beratung vor Ort. Einen Teil des Verkaufserlöses investieren die Kleinbauern und Arbeiterinnen in Projekte, die der ganzen Gemeinschaft zu Gute kommen – wie den Bau von Brunnen, Schulen oder Spitälern.

Max Havelaar

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