Ökonomen-Stimmen zur Eskalation im Grönland-Streit mit Zoll-Drohungen der USA
Frankfurt – Nach den Zoll-Drohungen des US-Präsidenten Donald Trump im Streit um Grönland befindet sich Europa auf Kollisionskurs mit den Vereinigten Staaten. Bei einem Sondergipfel der europäischen Staats- und Regierungschefs Ende der Woche dürfte es auch um milliardenschwere Gegenmassnahmen gehen, die der EU als Option zur Verfügung stehen.
«Wir werden stets unsere strategischen wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Interessen schützen», schrieb EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am Sonntagabend auf X.
Einschätzung von Ökonomen zu den Folgen der Zuspitzung:
Thomas Gitzel, Chefvolkswirt bei der VP Bank:
«Der Grönland-Streit zeigt: Handelsstreitigkeiten sind bei weitem noch nicht beigelegt und dürften vermutlich unter einer Trump-Administration auch zum Dauer-Störfeuer gehören. Zuletzt gab es Anzeichen, dass die weltwirtschaftliche Entwicklung in eine Erholungsphase eintritt. Die bislang verhängten Zölle schadeten der US-Wirtschaft kaum und in Europa gab es in Deutschland positive Konjunkturüberraschungen. Doch der Grönland-Konflikt mahnt zur Vorsicht: Die weltwirtschaftliche Entwicklung steht auf tönernen Füssen.»
Thu Lan Nguyen, Analystin bei der Commerzbank:
«Die Alarmglocken für den Dollar läuten. (…) Zahlreiche Handelspartner haben sich auf deutliche Konzessionen eingelassen, darunter auch die EU. Doch genau dieser Erfolg könnte der US-Regierung zum Verhängnis werden, sollte sie hierdurch ermutigt werden, das Zollinstrument bis zum Äussersten auszunutzen. Die Gefahr steigt, dass sie irgendwann eine Grenze überschreitet, an der die Handelspartner sich nicht mehr erpressen lassen und beigeben, sondern mit Gegenmassnahmen zurückschlagen. Und es steht zu befürchten, dass diese Grenze mit dem Fall Grönland bei der EU erreicht wurde.»
Analysten der Dekabank:
«Mit den von US-Präsident Trump angekündigten Strafzöllen von 10 Prozent für acht europäische Staaten ab dem 1. Februar und Europas geplanten Gegenzöllen im Wert von 93 Milliarden Euro ab dem 6. Februar scheint der Streit um Grönland zu eskalieren (…). Die zwei Wochen bis zum 1. Februar dürfte verhandelt und die Frist gegebenenfalls verlängert werden, und am Ende findet sich eine Lösung.»
Frank Sohlleder, Analyst bei Activtrades:
«Anleger und Investoren werden sich schmerzlich an den Anfang April erinnern, als Trump seine ersten Zollpläne vorstellte und der deutsche Leitindex innerhalb kürzester Zeit um sage und schreibe mehr als 18 Prozent in die Tiefe rauschte. Das aktuelle Szenario wirkt wie ein gefährliches Déjà-vu. Verstärkt wird die Unsicherheit durch den Polit-Thriller um Grönland. Da die diplomatischen Fronten hier verhärtet bleiben, ist davon auszugehen, dass die Volatilität an den europäischen Aktienmärkten in der kommenden Woche massiv ansteigen wird.»
Uwe Hohmann, Analyst beim Bankhaus Metzler:
«Mit Blick auf 2026 hatten wir für US-orientierte Exportunternehmen eine überwiegend skeptische Position bezogen, da wir von keiner Erholung ausgegangen sind. Die erneute Verschärfung in den Handelsbeziehungen und der vollständig unzuverlässige Charakter von Übereinkünften mit der US-Administration bestätigt uns in dieser Grundannahme. Das Umsatzvolumen deutscher und europäischer Unternehmen mit den USA könnte zusätzlich leiden, sollten die US-Ankündigungen Realität werden und zugleich haftet Gewinnen aus den USA ein Unsicherheitsfaktor an, der in eine implizit tiefere Bewertung für diese Gewinnanteile münden könnte.» (awp/mc/ps)