Büroflächen umnutzen und Städte verdichten: So will die Schweiz wachsen

Büroflächen umnutzen und Städte verdichten: So will die Schweiz wachsen
(pd)

Zürich – Die Debatte rund um das Wohnen ist in der Schweiz derzeit negativ geprägt, etwa von Dichtestress und Wohnungsnot. Verstärkt wird diese Wahrnehmung durch die Diskussionen um eine 10-Millionen-Schweiz. Eine neue repräsentative Bevölkerungsumfrage, die der Migros-Pionierfonds beim Gottlieb Duttweiler Institut (GDI) in Auftrag gegeben hat, zeichnet jedoch ein differenzierteres Bild: Die Schweizer Bevölkerung ist mehrheitlich mit der Wohnsituation zufrieden und durchaus bereit, sich auf Wachstum mit Verdichtung einzulassen.

Drei von vier Menschen in der Schweiz sind mit ihrer aktuellen Wohnsituation zufrieden. Diese Zufriedenheit beruht vor allem auf ausreichend Platz zu Hause, sympathischen Nachbar*innen und der Möglichkeit, langfristig zu bleiben. Kurz: Die Menschen wünschen sich Stabilität, soziale Einbettung und genügend Raum in den eigenen vier Wänden. Faktoren wie ÖV-Anbindung, Steuerattraktivität oder die Organisationsform des Wohnens (z. B. Genossenschaften) spielen für die subjektive Wohnzufriedenheit hingegen eine deutlich geringere Rolle.

Trotz der hohen Zufriedenheit sind rund 40 Prozent der Meinung, dass sich die Art und Weise, wie wir wohnen und zusammenleben, aufgrund des Bevölkerungswachstums ändern muss. Weitere fast 40 Prozent sind teilweise dieser Meinung. «Der Grossteil der Befragten fühlt sich mit der Wohnsituation wohl, erkennt aber gleichzeitig die Notwendigkeit von Veränderungen. Das ist eine entscheidende Grundlage für Wandel», sagt Britta Friedrich, Leiterin des Migros-Pionierfonds. «Die Umfrage zeigt zudem, wie solche Veränderungen konkret gestaltet werden können und unter welchen Bedingungen sie für die Befragten akzeptabel sind: Verdichtung ja, aber qualitativ, zum Beispiel durch grüne Aufwertung oder Umnutzungen.»

Überraschend hohe Zustimmung zu Verdichtung in Städten
Rund 80 Prozent der Bevölkerung sehen in der Verdichtung eine gute oder zumindest teilweise gute Massnahme gegen Wohnungsknappheit. Entscheidend ist dabei der Ort. Ob Städter oder Dorfbewohnerin, alle Befragten sind sich einig: Städte sollen den Hauptteil des Bevölkerungswachstums aufnehmen, gefolgt von Agglomerationen. Ländliche Räume sollen möglichst geschont werden.

Auch Verdichtungsmassnahmen in der eigenen Nachbarschaft finden breite Akzeptanz. Ein Drittel kann sich vorstellen, dass das eigene Gebäude aufgestockt wird oder in unmittelbarer Nähe ein höheres Haus entsteht. Deutlich wird, dass die städtische Bevölkerung eine höhere Bereitschaft zeigt, Verdichtung tatsächlich auch im eigenen Umfeld zu akzeptieren, als Befragte aus ländlichen Regionen. «Verdichtung wird vor allem dort akzeptiert, wo sie ohnehin schon vorhanden ist und wenn sie einen Mehrwert bietet», so Dr. Jakub Samochowiec, Senior Researcher am GDI.

Grünräume als Schlüssel zur Akzeptanz
Deutlich ist der Befund bei der Frage, unter welchen Bedingungen Verdichtung akzeptiert wird. Für rund die Hälfte der Befragten steigt die Zustimmung, wenn bauliche Dichte mit mehr Grünflächen, aufgewerteten Natur- und Freiräumen, besserer ÖV-Anbindung und nachhaltigem Bauen kombiniert wird. Grün und Natur sind klar die stärksten Akzeptanzfaktoren – stärker auch als finanzielle Anreize. Die Akzeptanz von Verdichtungsmassnahmen lässt sich nicht kaufen, etwa durch tiefere Mieten.

Gleichzeitig sind die Vorbehalte klar: Zwei Drittel befürchten bei Verdichtung den Verlust von Grünflächen, mehr Lärm, mehr Abfall und steigende Mieten. Verdichtung braucht somit einen sichtbaren Gegenwert. Ohne Qualitätsgewinn sinkt die Akzeptanz.

Veränderung wird akzeptiert, wenn sie nicht den privaten Raum betrifft
Die Bereitschaft, dichter zu wohnen, endet dort, wo der private Raum zur Disposition steht. Nur rund 15 Prozent der Befragten wären bereit, ihre eigene Wohnfläche zugunsten gemeinschaftlicher Nutzung zu verkleinern, also beispielsweise Büros oder Gästezimmer zu teilen. Immerhin 20 Prozent können sich vorstellen, den eigenen Wohnraum zu teilen. Die Grenze der Akzeptanz verläuft somit nicht bei baulicher Dichte, sondern bei der Intimität des privaten Lebensraums. Man steht Veränderungen offen gegenüber, solange sie nicht den persönlichen Raum betreffen.

Umnutzung von Büroflächen als Chance
Am grössten ist die Zustimmung zur Umnutzung bestehender Gebäude: Zwei Drittel der Befragten befürworten es, Büro- oder Industrieflächen in Wohnraum umzuwandeln. Nur etwa 10 Prozent sind dagegen. Der Bau von Wohnraum auf bisher landwirtschaftlich genutztem Land findet nur bei rund einem Viertel Unterstützung. Die Haltung ist klar: Wachstum soll innerhalb des bestehenden Siedlungsraums stattfinden, nicht zulasten von Landschaft und Natur.

«Der Migros-Pionierfonds unterstützt Startups, die mit innovativen Lösungen zur Lebensqualität in der Schweiz beitragen. Ob diese Lösungen wirken, hängt auch davon ab, wie gut sie in der Gesellschaft auf Akzeptanz stossen», erläutert Britta Friedrich. «Dank der Umfrage wissen wir nun, was die Bedürfnisse der Bevölkerung sind, und können unsere Förderung im Bereich Bauen und Wohnen darauf ausrichten: Konkret werden wir die Offenheit für qualitative Verdichtung nutzen und gezielt Projekte in diesem Bereich suchen.» (pd/hzi/pg)

Methode: In der Befragung wurden mehr als 2000 Menschen aus der deutschen, französischen und italienischen Schweiz online befragt, repräsentativ für die Landesteile, Altersgruppen und Geschlechter.

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