Warum die Schweiz das AI-Sprungbrett für globale Scale-ups ist
Künstliche Intelligenz verändert Branchen weltweit, und Scale-ups suchen nach den richtigen Ökosystemen, um ihr Wachstum zu beschleunigen. Unter den vielen globalen Zentren entwickelt sich die Schweiz rasch zu einer Startrampe für KI-Innovationen, da sie erstklassige Forschung, Deep-Tech-Kompetenz und eine starke Nachfrage aus der Industrie vereint. In diesem Interview erklärt Anna Hakobyan, AI Lead bei Kickstart Innovation, warum die Schweiz zu einem Magneten für KI-Scale-ups wird, wie sich das Ökosystem im Vergleich zu anderen europäischen Zentren darstellt und was das Land zu einem idealen Testfeld für Unternehmen macht, die international expandieren wollen.
Von Switzerland Global Enterprise
Könnten Sie sich kurz vorstellen und etwas über Ihren Hintergrund im Bereich der KI erzählen?
Anna Hakobyan: Ich bin AI Lead bei Kickstart Innovation und verfüge über mehr als 20 Jahre internationale Erfahrung in den Bereichen digitale Transformation, Geschäftsentwicklung und strategische Partnerschaften auf dem US-amerikanischen und europäischen Markt. Ich begann meine Karriere in großen Organisationen wie den Vereinten Nationen und der IATA, bevor ich vor etwa 12 Jahren in die Technologiebranche wechselte. Bei Bertelsmann leitete ich einige der ersten E-Commerce-Implementierungen für Marken wie Nike und Levi’s. Dort begann ich, eng mit Ingenieuren zusammenzuarbeiten, und schuf mir ein solides Fundament in den Bereichen Data Engineering, maschinelles Lernen und KI. Ich habe aus erster Hand gelernt, dass jede KI-Fähigkeit auf einem soliden Datenmanagement und einer soliden Cloud-Infrastruktur beruht. Ohne diese funktioniert KI einfach nicht.
In meiner letzten Position bei einem Anbieter digitaler Lösungen haben wir das Potenzial generativer KI frühzeitig erkannt. Ich habe dabei geholfen, Anwendungsfälle für Kunden zu entwickeln, spezielle Teams aufzubauen und generative KI in meiner täglichen Arbeit praktisch anzuwenden. Da ich einen Großteil meiner Karriere in schlanken, matrixartigen Organisationen verbracht habe, war generative KI für mich ein echter Wendepunkt. Sie ermöglichte es mir, quasi ein virtuelles Team „einzustellen“ und meine Kapazitäten auf Kosten eines Abonnements statt durch zusätzliches Personal drastisch zu erweitern.
Was macht die Schweiz aus Ihrer Sicht zu einem attraktiven Standort für KI-Unternehmen und Scale-ups? Wie schneidet die Schweiz im Vergleich zu anderen KI-Zentren wie Berlin, London oder Paris ab?
Die Schweiz bietet ein einzigartig attraktives Umfeld für KI-Unternehmen. Dank erstklassiger Universitäten wie der ETH Zürich und der EPFL gibt es einen ständigen Zustrom an Spitzenkräften aus dem Ingenieurswesen und an Spitzenforschung. Gleichzeitig sind in der Schweiz weltweit führende Unternehmen aus den Bereichen Finanzen, Gesundheitswesen, Fertigung und Einzelhandel ansässig – Branchen, in denen der Einsatz von KI eine strategische Priorität darstellt. Das bedeutet, dass Entscheidungsträger in KI-reifen Branchen direkt vor Ihrer Haustür sitzen.
«Es ist kein Zufall, dass die Technologiegiganten hier massiv investiert haben. Google eröffnete vor 23 Jahren seine Niederlassung in Zürich, die heute mit über 5’000 Mitarbeitern das größte Forschungs- und Entwicklungszentrum des Unternehmens außerhalb der USA ist.»
Neben den Grossunternehmen sind auch Schweizer KMU weltweit führend in den Bereichen Robotik, Mikroelektronik und Feinmechanik – Branchen, die Innovationen der nächsten Generation vorantreiben. Dies zeigt sich im Autonomous Systems Lab der ETH, das Robotik, Computer Vision und KI vereint. Auf der anderen Seite der Stadt hat Microsoft ein neues KI-Labor für Copilot und Computer Vision eröffnet, das von ETH-Professor Marc Pollefeys geleitet wird. Gemeinsam zeigen sie, wie akademische Forschung und Unternehmensinvestitionen in dasselbe Ökosystem einfließen und einen starken Cluster-Effekt erzeugen.
Die geringe Größe der Schweiz ist ein Vorteil. Es ist viel einfacher, Zugang zu Führungskräften zu erhalten und Ideen zügig in Pilotprojekte umzusetzen. Genau das tun wir bei Kickstart Innovation: Wir bringen Start-ups und Scale-ups mit Schweizer Großunternehmen zusammen, damit sie innerhalb weniger Monate gemeinsam Pilotprojekte durchführen können.
Es ist kein Zufall, dass die Tech-Giganten hier massiv investiert haben. Google eröffnete vor 23 Jahren seine Niederlassung in Zürich, und heute ist sie mit über 5.000 Mitarbeitern das größte Forschungs- und Entwicklungszentrum des Unternehmens außerhalb der USA. Wie Eric Schmidt kürzlich bei START Global sagte: „Es hat sich herausgestellt, dass dies die beste Entscheidung war, die wir je getroffen haben.“ Seine Botschaft war klar: Man gewinnt nur, wenn man die klügsten Köpfe an Bord hat, und genau das bietet die Schweiz.
Im Vergleich zu Zentren wie Berlin, London oder Paris liegt die Stärke der Schweiz in den Bereichen Deeptech und angewandte KI, insbesondere in stark regulierten Branchen wie Finanzen, Pharma und fortschrittlicher Fertigung. Da der heimische Markt klein ist, denken Schweizer KI-Unternehmen von Anfang an global und entwickeln Lösungen, die auf internationale Skalierbarkeit ausgelegt sind. Kombiniert man diese globale Denkweise mit einem stabilen Geschäftsumfeld, strengen Datenschutzstandards und einer hohen Lebensqualität, wird klar, warum die Schweiz einer der besten Orte weltweit ist, um KI-Unternehmen aufzubauen und zu entwickeln.
Können Sie uns Beispiele für die Arten von KI-Innovationen nennen, die derzeit in der Schweiz stattfinden (z. B. große Sprachmodelle, Robotik, KI im Gesundheitswesen)?
Eine der spannendsten Entwicklungen der Gegenwart ist ALPS – das offene, mehrsprachige Großsprachenmodell der Schweiz, das auf dem Supercomputer Alps basiert. Was es so einzigartig macht, ist, dass es von Grund auf mit den Kernanforderungen Datenschutz, Datenhoheit und Compliance konzipiert wurde, was es besonders wertvoll für regulierte Branchen wie das Finanzwesen und das Gesundheitswesen macht.
Die Führungsrolle der Schweiz im Bereich der KI geht jedoch weit über große Sprachmodelle (LLMs) hinaus. In der Fertigungsindustrie ermöglicht KI-gestützte Robotik eine präzise und in hohem Maße maßgeschneiderte Produktion. Im Gesundheitswesen verbessern Initiativen wie der AI Health Hub in Genf die Diagnostik in Bereichen wie Epilepsie und Schlaganfall. Zudem kommen autonome Drohnen zur Inspektion von Infrastruktur zum Einsatz, und prädiktive KI optimiert die Effizienz von Anlagen für erneuerbare Energien.
Swiss {ai} Weeks ist ein weiteres hervorragendes Beispiel dafür, wie das Ökosystem Forscher, Start-ups und Unternehmen zusammenbringt, um die Einführung neuer Technologien und die branchenübergreifende Zusammenarbeit zu beschleunigen.
Die hochlohnorientierte Wirtschaft der Schweiz hat seit jeher eine Kultur der Automatisierung und digitaler Lösungen vorangetrieben und so die Wettbewerbsfähigkeit trotz höherer Kosten gesichert. Was das Land jedoch wirklich auszeichnet, ist die Geschwindigkeit des Innovationstransfers. Durchbrüche gelangen innerhalb weniger Monate vom Forschungslabor in Pilotprojekte in der Praxis – ein Tempo, das die Schweiz zu einem der dynamischsten Testfelder für angewandte KI weltweit macht. Wir freuen uns, dass einige der Unternehmen aus unserem Portfolio eine Rolle bei dieser Transformation spielen.
Inwieweit unterstützt das Schweizer Ökosystem AI-Scale-ups in Bezug auf Infrastruktur, Fachkräfte und Forschungskooperationen?
Ich finde es beeindruckend, wie viel die Schweiz in die Förderung von KI-Scale-ups investiert. Von Universitäten getragene Initiativen und branchenspezifische Fördermittel stellen sowohl finanzielle Mittel als auch Fachwissen für KI-Projekte bereit. Da ich aus New York komme – wo das Umfeld extrem wettbewerbsintensiv ist und staatliche Unterstützung minimal ausfällt –, ist der Unterschied auffällig. Hier werden angewandte Forschung und kommerzielle Pilotprojekte aktiv gefördert, was es Scale-ups erheblich erleichtert, Fuß zu fassen, ohne frühzeitig große Kapitalanteile abgeben zu müssen.
In der Schweizer Gesellschaft herrscht breiter Konsens über den Wert von Bildung und Technologie. Dies zeigt sich in den konsequenten Investitionen des Landes in Universitäten und Forschungsinstitute, die sowohl vom Bund als auch von den Kantonen finanziell unterstützt werden. Dieses Engagement treibt Durchbrüche in grundlegenden Technologien voran, die rasch in die angewandte Forschung übertragen und von der lokalen Industrie übernommen werden. In der Schweiz verfolgen Regierung, Wissenschaft und Wirtschaft ein gemeinsames Ziel: die Förderung von Wissenschaft und Technologie als strategische Priorität.
Welche Herausforderungen sollten Scale-ups beim Eintritt in den Schweizer Markt beachten, und wie können sie diese bewältigen?
Die Schweiz ist ein fantastischer Markt für KI, birgt jedoch auch Herausforderungen. Er ist klein und von starkem Wettbewerb geprägt, was bedeutet, dass KI-Unternehmen eine klare, hochwertige Nische definieren müssen, anstatt zu versuchen, alle Kunden anzusprechen. Entscheidungswege – insbesondere in großen Unternehmen – können langwierig sein, und der Aufbau von Vertrauen ist unerlässlich. Schweizer Unternehmen legen weitaus mehr Wert auf nachgewiesene Erfolge und überzeugende Referenzen als auf Hype.
«Die Schweiz bietet ein einzigartig attraktives Umfeld für KI-Unternehmen. Dank erstklassiger Universitäten wie der ETH Zürich und der EPFL gibt es einen ständigen Zustrom an Spitzenkräften aus dem Ingenieurswesen und an Spitzenforschung.»
Das Kapital ist eine weitere Hürde. Die Anschubfinanzierung durch Business Angels ist relativ leicht zu bekommen, doch Wachstumskapital zu beschaffen ist wesentlich schwieriger. Deshalb wenden sich viele Schweizer Start-ups an angelsächsische Investoren, wenn es an der Zeit ist, zu skalieren. Hinzu kommt, dass die regulatorischen Anforderungen je nach Branche erheblich variieren, weshalb es entscheidend ist, frühzeitig lokale Berater hinzuzuziehen. Und auch kulturelle Nuancen spielen hier eine Rolle: Beziehungen brauchen Zeit, und Glaubwürdigkeit entsteht nur durch konsequente Leistung.
Dennoch bietet die Schweiz einzigartige Vorteile. Da hier so viele internationale Unternehmenszentralen angesiedelt sind, sind die Unternehmen offen dafür, KI-Lösungen zu testen. Sobald sich diese Lösungen vor Ort bewährt haben, lassen sie sich oft weltweit skalieren. Eine ähnliche Dynamik haben wir in den Anfängen des E-Commerce beobachtet, als Schweizer Einzelhändler von Anfang an Plattformen entwickeln mussten, die mehrere Sprachen und Währungen unterstützten. Dieselbe globale Denkweise prägt heute die Art und Weise, wie KI-Lösungen in der Schweiz entwickelt und eingesetzt werden.
Wie sehen Sie das KI-Ökosystem der Schweiz in den nächsten 5 bis 10 Jahren? Welche Rolle könnten ausländische KI-Scale-ups bei der Gestaltung dieser Zukunft spielen?
Ich sehe die Schweiz als einen der globalen Knotenpunkte für ethische, robuste und zuverlässige KI. Mit ihren Stärken in den Bereichen Finanzen, Gesundheitswesen, Fertigung und Forschung wird der Schwerpunkt auf KI liegen, die vertrauenswürdig und nachvollziehbar ist und strenge Vorschriften vollständig erfüllt – also auf einer KI, auf die man sich in geschäftskritischen Umgebungen verlassen kann.
Zudem wird es zu einer engeren Zusammenarbeit zwischen Universitäten, Unternehmen und Start-ups kommen, wobei Pilotprojekte und angewandte Forschung schneller denn je vom Labor auf den Markt gelangen werden. Die Lage der Schweiz am Schnittpunkt Europas in Verbindung mit ihrer politischen Stabilität macht das Land zu einem idealen Testfeld für die weltweit besten KI-Lösungen.
Ausländische KI-Scale-ups werden dabei eine wichtige Rolle spielen. Sie bringen neue Technologien und globale Erfahrung mit, doch echter Erfolg entsteht erst durch die gemeinsame Entwicklung mit Schweizer Partnern – und nicht nur durch den Verkauf auf dem Markt. Genau das ermöglichen wir bei Kickstart: Wir bringen globale KI-Innovatoren mit Schweizer Unternehmen zusammen, um Lösungen zu entwickeln, die vor Ort funktionieren – und sich dann international skalieren lassen.
Gleichzeitig entwickelt sich die digitale Souveränität zu einem entscheidenden Unterscheidungsmerkmal. In der heutigen geopolitischen Lage können es sich Länder nicht leisten, sich blind auf Technologieanbieter zu verlassen, die letztlich ausländischen Regierungen unterstehen. Die Schweiz treibt bereits die Datengesetzgebung voran, um Souveränität, Datenschutz und Sicherheit zu stärken – Grundlagen, die ihr in den kommenden Jahren einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil verschaffen werden.
Was wäre für Scale-ups, die mehr erfahren möchten, ein guter erster Schritt?
Der erste Schritt besteht darin, sich intensiv mit dem Ökosystem auseinanderzusetzen – nicht nur darüber zu lesen, sondern tatsächlich mit den Menschen vor Ort ins Gespräch zu kommen. Besuchen Sie wichtige Veranstaltungen wie die Swiss AI Week, den Zurich Hackathon oder die Startup Nights in Winterthur, wo Unternehmen, Investoren und Forscher zusammenkommen. Diese Treffen vermitteln Ihnen ein authentisches Bild vom Markt, seinen Akteuren und den Chancen.
Der zweite Schritt besteht darin, die regionalen Stärken der Schweiz zu erkunden, da das Ökosystem sehr dezentralisiert ist. Basel ist Sitz von Pharmagiganten und verfügt über wachsende Supercomputing-Kapazitäten. Der Arc Lémanique rund um die EPFL – auch bekannt als „Trust Valley“ – konzentriert sich auf Cybersicherheit und digitales Vertrauen. Genf ist stark in den Bereichen Biotechnologie und globale Gesundheit, Neuenburg ist auf Mikroelektronik und Feinmechanik spezialisiert, während Zürich und Zug Akteure aus den Bereichen Finanzen, Deeptech und globale Technologie zusammenbringen. Jeder Cluster bietet einen anderen Einstiegspunkt in die angewandte KI.
Schließlich ist es wichtig, mit Partnern aus dem Ökosystem zusammenzuarbeiten, die Ihren Markteintritt beschleunigen können. Bei Kickstart helfen wir beispielsweise Start-ups und Scale-ups dabei, sich in der Landschaft zurechtzufinden, stellen die richtigen Kontakte her und richten Proof-of-Concept-Projekte mit Schweizer Großunternehmen ein. Auf diese Weise knüpfen Sie nicht nur Kontakte – Sie bauen vom ersten Tag an Beziehungen und Glaubwürdigkeit auf.