NTT DATA: Der digitale Euro als Modernisierungsimpuls für Banken
München – Der digitale Euro gilt in der Finanzbranche vielfach noch als unangenehme Regulatorik. Tatsächlich kann er sich zu einem der größten Modernisierungsimpulse entwickeln, mit denen Europas Banken seit Jahrzehnten konfrontiert sind. NTT DATA nennt sieben Gründe, warum Finanzinstitute den digitalen Euro nicht nur als Pflicht verstehen sollten, sondern als strategische Chance, IT, Geschäftsmodell und Kundenschnittstelle grundlegend neu zu denken.
„Als rein europäische digitale Zahlungsalternative würde der digitale Euro Abhängigkeiten verringern und Europas Handlungsfähigkeit stärken“, sagte Bundesbankpräsident Prof. Dr. Joachim Nagel bei einer Rede im „House of the Euro“ in Brüssel. Anlass war eine Veranstaltung zum digitalen Euro und seiner Bedeutung für die strategische Autonomie Europas. Bankenverbände weisen zu Recht auf hohe Anforderungen, erhebliche Komplexität und mögliche Auswirkungen auf Finanzstabilität und Geschäftsmodelle hin. Gerade deshalb lohnt sich ein zweiter Blick. In der Debatte über Aufwand, Risiken und Regulierung geraten die strategischen Chancen des digitalen Zentralbankgelds oft in den Hintergrund. NTT DATA nennt sieben konkrete Potenziale, die sich für die Bankenbranche mit der Einführung des digitalen Euro ergeben.
1. Hohe strategische Investitionssicherheit
Der digitale Euro ist ein europäisch getriebenes Infrastrukturvorhaben mit hoher politischer Relevanz und deutlich größerer regulatorischer Wahrscheinlichkeit als private Payment-Initiativen. Für Finanzinstitute bedeutet das: Sie investieren nicht in ein Modell mit unklarer Marktdurchdringung, sondern in ein Vorhaben, das auf europaweite Skalierung angelegt ist und politisch wie regulatorisch ernsthaft verfolgt wird. Damit sinkt das Risiko, Ressourcen in ein Zahlverfahren zu binden, dessen Reichweite und Akzeptanz unklar bleiben.
2. Modernisierungsschub für Legacy-IT
Die Einführung des digitalen Zentralbankgelds erhöht den Druck auf Banken, ihre IT gezielt zu modernisieren. Viele Institute arbeiten noch mit gewachsenen Kernbankensystemen, historisch verknüpften Plattformen und Speziallösungen, bei denen jede Anpassung teuer und aufwendig ist. Gerade hier zeigt der digitale Euro, wo bestehende Strukturen an Grenzen stoßen. Mit dem digitalen Euro entstehen neue Architekturanforderungen, etwa API-fähige Zahlungsplattformen, eine höhere Modularisierung und eine stärkere Ausrichtung auf die Echtzeitverarbeitung. Kurzfristig ist der Aufwand hoch. Langfristig können so Betriebskosten, Risiken und Komplexität sinken.
3. Grundlage für neue Produktlogiken
Die Infrastruktur für den digitalen Euro ist mehr als ein regulatorisches Zusatzmodul. Sie kann zur Grundlage neuer Produktlogiken und nutzerorientierterer Kontomodelle werden. Während Neobanken bereits mit flexiblen Kontomodellen, Echtzeitfunktionen und intelligenter Liquiditätssteuerung arbeiten, sind viele klassische Institute noch von starren Produktgrenzen geprägt. Neben dem Girokonto und dem Tagesgeld bestehen oft weitere isolierte Konten und Zahlungsfunktionen. Der digitale Euro steigert die Wichtigkeit, diese Strukturen neu zu ordnen. Künftig können Banken stärker in vernetzten Kontomodellen denken, in denen klassische Konten, digitale Euro-Bestände, wiederkehrende Zahlungen und automatisierte Steuerungslogiken in einer einheitlichen Nutzererfahrung zusammenlaufen. Hinzu kommt die Offline-Fähigkeit des digitalen Zentralbankgelds. Sie eröffnet als digitales Bargeld-Pendant neue Anwendungsfälle und ermöglicht insbesondere im Offline-Modus ein hohes Maß an Privatsphäre. Die dafür nötigen Sicherheits- und Prozesskomponenten, etwa starke Authentifizierung, Gerätebindung, Echtzeit-Risikoprüfung und automatisierte Liquiditätssteuerung, lassen sich auch für Mehrwertservices, Embedded-Finance-Angebote oder zielgruppenspezifische Lösungen nutzen, etwa für Familienkonten mit Freigaberegeln, digitale Budgets oder integrierte Bezahlfunktionen in digitalen Service- und Vertriebskanälen.
4. Differenzierung über Kundenerlebnis
Wer den digitalen Euro intelligent in die eigene App integriert, macht aus einem Pflichtprodukt ein Differenzierungsmerkmal. Einige Institute werden zunächst auf eine möglichst schlanke Umsetzung setzen. Andere nutzen die Gelegenheit, um ihre Rolle in der Kundenschnittstelle neu zu definieren. Wenn digitale Euro-Bestände, wiederkehrende Zahlungen und zentrale Steuerungsfunktionen transparent dargestellt und mit einem modernen UX-Design verbunden werden, entsteht eine attraktive Lösung statt eines bloßen Zusatzangebots. Gerade in einem Markt, in dem viele Bankprodukte austauschbar wirken, entsteht so ein neues Differenzierungsfeld. Kundinnen und Kunden organisieren ihren Zahlungsalltag dann nicht mehr über mehrere Apps, sondern bleiben in einer Umgebung, die sie kennen und in der Zahlungsfunktionen, Kontenlogik und zusätzliche Services zusammenlaufen. Dadurch können Banken die Kundenbindung erhöhen und die Wechselbereitschaft reduzieren.
5. Mehr strategischer Spielraum im europäischen Zahlungsverkehr
Der digitale Euro kann Europas Zahlungsverkehr strategisch neu ausbalancieren. Bislang fließt ein relevanter Teil der Zahlungsverkehrsmargen an internationale Karten-Schemes und große Plattformanbieter. Mit dem von der EZB getragenen, europaweit angelegten Zahlungsinstrument entsteht eine zusätzliche europäische Zahlungsoption. Der Gesetzesentwurf sieht kein klassisches Scheme-Fee-Modell der EZB vor, sondern ein reguliertes Gebührenmodell mit gedeckelten Händler- und Inter-PSP-Gebühren. Vieles spricht dafür, dass die Händlerkosten wettbewerbsfähig ausfallen und unter denen internationaler Card Schemes liegen könnten, auch wenn über die endgültige Ausgestaltung noch diskutiert wird. Gerade kleinere und mittlere Institute, die heute nur eine begrenzte Verhandlungsmacht gegenüber globalen Schemes haben, könnten dadurch zusätzliche europäische Handlungsoptionen gewinnen.
6. Modernisierung im Wettbewerb mit Neobanken
Neobanken haben in den vergangenen Jahren neue Erwartungen an digitale Nutzungserlebnisse, Echtzeitfähigkeit und einfache Steuerungslogiken geprägt. Der digitale Euro gibt klassischen Instituten die Chance, ihre bestehenden Stärken gezielt mit moderner Nutzerführung und technischer Weiterentwicklung zu verbinden. Wenn Banken im Zuge einer möglichen Einführung moderne Kontologiken, transparente Echtzeitzahlungen und einfache Steuerungs- und Freigabemechanismen etablieren, kann sich ihre digitale Wettbewerbsposition deutlich stärken. So entsteht ein neues Gleichgewicht im Wettbewerb. Es beruht nicht auf der Verteidigung des Status quo oder alter Strukturen, sondern auf gezielter Modernisierung.
7. Die Banking-App wird zur zentralen Steuerungsinstanz
Der digitale Euro ist für Banken nicht nur ein neues Zahlungsmittel, sondern auch die Chance, ihre Banking-App strategisch weiterzuentwickeln. Sie kann damit über die reine Anzeige von Guthaben und Transaktionen hinaus zur zentralen Steuerungsinstanz für den finanziellen Alltag werden. Das Wallet für den digitalen Euro ist dabei vor allem technischer Zugangspunkt. Der eigentliche Mehrwert entsteht, wenn Banken digitale Euro-Funktionen, Kontenübersicht, Authentifizierung und weitere Services in einer vertrauten Oberfläche bündeln. So kann die Banking-App stärker zur zentralen Steuerungsinstanz werden, statt dass Kundinnen und Kunden auf immer mehr Einzelanwendungen ausweichen. Für Institute eröffnet das die Möglichkeit, ihre Kundenschnittstelle zu stärken und zusätzliche Services künftig enger an die eigene App zu binden.
„Der digitale Euro ist keine lästige Pflicht, sondern ein seltener Moment, in dem regulatorischer Druck, technologische Notwendigkeit und strategische Chancen zusammenfallen. Banken, die diese Dynamik nutzen, können aus einem vermeintlichen Kostenblock einen echten Modernisierungsschub machen und ihre Position im europäischen Zahlungsverkehr stärken. Gerade weil die Umsetzung aufwendig ist und zentrale Fragen der endgültigen Ausgestaltung noch offen sind, sollte die Branche das Thema frühzeitig angehen“, erklärt Dr. Ernst Stahl, Head of Payments bei NTT DATA DACH. (NTT/mc/hfu)
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