Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: Schatten über Zürich
In meinen frühen Jahren als Immobilienökonom war ich involviert in das Bauvorhaben Stadion Zürich. Damals vor mehr als 20 Jahren wollte die Betreiberin des Hardturms das alte Stadion durch einen Neubau mit Mantelnutzung ersetzen. Ein Kredit der Stadt für die Infrastruktur des Fussballstadions wurde in einer städtischen Volksabstimmung gutgeheissen. Doch gegen das Projekt formierte sich Widerstand, der sich unter anderem am Schattenwurf entzündete. Es folgte ein jahrelanger Rechtsstreit bis vor Bundesgericht, der das Projekt de facto zum Erliegen brachte. Als der Bau schliesslich als rechtskonform bestätigt wurde, war so viel Zeit vergangen, dass das Projekt als überholt galt.
von Fredy Hasenmaile, Chefökonom Raiffeisen
Mit Schattenwurf gegen Hochhäuser
Seit den 1950er-Jahren kennt der Kanton Zürich die Bestimmung, wonach Hochhäuser nur zulässig sind, wenn die Umgebung nicht wesentlich benachteiligt wird. Mit dem Schattenwurf liess sich dieser unbestimmte Nachbarschaftsschutz geometrisch exakt bestimmen und überprüfen. Daher wurde dieser im Laufe der Zeit zu einer expliziten Regel. Die Allgemeine Bauverordnung von 1977 führte erstmals die Zweistundenschwelle ein. Demnach durfte ein Gebäude mit einer Höhe von mehr als 25 Metern ein benachbartes Wohngebäude tagsüber von 8 bis 16 Uhr nicht länger als zwei Stunden beschatten. Im Kern handelte es sich um eine flexible Abstandsvorschrift. Sie schreibt keinen festen Grenzabstand in Metern vor; die zulässige Nähe ergibt sich aus Höhe und Volumetrie des geplanten Hochhauses. In der politischen Praxis mutierte diese Regel jedoch zu einem wirkungsvollen Instrument zur Verhinderung unliebsamer Hochhäuser. Gemessen wird im Winter, wenn die Schatten am längsten sind.
Die bemerkenswerte Karriere des Schattens
Seit dem Scheitern des ersten Stadion-Zürich-Projektes ist viel Zeit vergangen. Ein neues Stadion gibt es in Zürich noch immer nicht, weil auch das aktuelle Projekt von den Stadiongegnern bis vor Bundesgericht bekämpft wird und der Schattenwurf weiterhin für das Schüren von Ängsten missbraucht wird. Inzwischen ist allerdings weniger der Schatten als vielmehr das Übermass an Sonne und Hitze zum städtischen Problem geworden. Städte haben sich in Hitzehotspots verwandelt und damit zu einem wachsenden Gesundheitsrisiko für die Bevölkerung. Seit 2020 arbeitet die Stadt Zürich mit einer Fachplanung Hitzeminderung. Deren Rezeptur klingt vernünftig: mehr Begrünung, mehr Entsiegelung, bessere Durchlüftung, mehr Wasser und – man höre und staune – mehr Beschattung. Nachdem der Schatten von Hochhäusern jahrzehntelang nur als Nachteil galt, entdeckt die Stadtklimadebatte plötzlich seine Vorzüge. Seit 2021 ist Zürich daher um eine Stunde grosszügiger geworden. Hochhäuser dürfen bewohnte Nachbargebäude heute bis zu drei Stunden beschatten.
Höhere Gebäude schaffen Raum für Grün
Laut Messungen in Stadtgebieten sind die Temperaturen dort, wo Schatten den Boden bedeckt, im Durchschnitt bis zu zehn Grad tiefer als in zubetonierten Zonen. Die Beschattung durch Bäume ist besonders wertvoll, weil durch die Blätter Wasser verdunstet. Darum gelten Städte mit hohem Grünanteil als besonders lebenswert. Doch auch Schatten von Gebäuden haben Vorteile. Simulationen für Mailand und Genua kamen bereits 2014 zum Ergebnis, dass höhere Bauten die Temperaturen auf Fussgängerniveau wegen der Beschattung senken können. Eine 2023 publizierte Untersuchung aus Philadelphia kombinierte Messungen mit Mikrosimulationen. Sie kam zum Schluss, dass Bäume die Aussenlufttemperatur, die mittlere Strahlungstemperatur und den thermischen Komfort am meisten verbesserten. Doch auch grössere Gebäudehöhen konnten durch stärkere Beschattung günstigere Bedingungen erzeugen. Denn entscheidend für das menschliche Hitzeempfinden ist nicht nur die Lufttemperatur, sondern auch die direkte Sonnenbestrahlung des Körpers. Eine empirische Untersuchung in Singapur konkludierte ebenfalls, dass Beschattung durch hohe Gebäude ein kühlender Tagesfaktor sei.
Hochhäuser werden weiterhin bekämpft
Hierin liegt ein Vorteil von Hochhäusern. Wenn dieselbe Nutzfläche auf weniger Grundfläche gestapelt wird, bleibt mehr Boden frei. Auf diesem Boden können Bäume wachsen, Grün- und Freiräume entstehen, Regen versickern und Kaltluft zirkulieren. Leider hat sich diese Erkenntnis politisch noch nicht flächendeckend durchgesetzt. Eine Mehrheit aus Grünen, SP und SVP im Zürcher Stadtparlament will die Gebiete für Hochhäuser bis 40 Meter massiv reduzieren. Dabei schaffen Hochhausgebiete in Zürich keine zusätzliche Nutzfläche. Mit einem Hochhaus kann nur die erlaubte Geschossfläche anders verteilt, aber nicht vermehrt werden. Aus dem Blickwinkel der Hitzeminderung wäre diese vertikale Neuverteilung der Nutzfläche jedoch wichtig, um auf Bodenniveau mehr Raum für Grün zu ermöglichen. Gegen die Parlamentsmehrheit haben die Mitteparteien daher das Referendum ergriffen. Die Stimmbevölkerung wird im September das letzte Wort dazu haben.
Wer die Ratsdebatte über die neue Hochhausrichtlinie nachliest, merkt unzweideutig: Zürich hat nicht ein Problem mit Schatten, sondern eines mit Hochhäusern. Das zeigt eine bemerkenswerte Lücke im Schutzkonzept. Die Schattenwurfregel gilt für bewohnte Gebäude, nicht aber für Bürohäuser – obwohl dort ein grosser Teil der Bevölkerung tagsüber arbeitet. (Raiffeisen/mc/pg)