US-Notenbank legt Zinspause ein
Washington – Nach der ersten Zinserhöhung seit Jahren Mitte September behält die US-Notenbank den Leitzins bei. Die Zinsspanne bleibt damit bei 3,75 bis 4,00 Prozent, wie der Zentralbankrat der Federal Reserve (Fed) in Washington mitteilte. Bereits zuvor hatte eine grosse Mehrheit von Volkswirten eine Zinspause erwartet. Spannend wird nun, ob es beim letzten Entscheid in diesem Jahr im Dezember tatsächlich wie an den Märkten vorausgesagt zu einer weiteren Straffung der Geldpolitik kommt.
Innerhalb der Fed hatte eine überwältigende Mehrheit Bereitschaft für eine weitere Zinsanhebung in diesem Jahr signalisiert: Angesichts der aktuellen Inflation erwarteten 16 der 18 befragten Fed-Mitglieder mindestens eine Erhöhung um einen Schritt (25 Basispunkte). Unter diesen können sich vier eine noch weitreichendere Straffung vorstellen.
Ein ähnliches Bild zeichnet sich für 2027 ab: 14 Mitglieder erwarteten mit Stand September für das Jahr mindestens einen Leitzins von 4,00 bis 4,25 Prozent, eine knappe Mehrheit davon rechnet mit 4,25 bis 4,5 Prozent. Neue Projektionen werden mit der Dezember-Sitzung veröffentlicht.
Auch die Europäische Zentralbank dürfte am Donnerstag bei ihrer Sitzung in Frankfurt trotz der gestiegenen Inflation die Zinsen nicht anheben. Volkswirte rechnen damit, dass die EZB den für Banken und Sparer wichtigen Einlagenzins bei 2,5 Prozent belassen wird.
Warum eine Zinspause derzeit plausibel erscheint
Mitte September hatte die Fed erstmals seit Juli 2023 wieder den Leitzins um einen Schritt, also 0,25 Prozentpunkte, angehoben. Fed-Chef Kevin Warsh argumentierte, dass die Entscheidung eine schnellere Rückkehr zum Zwei-Prozent-Inflationsziel der Fed unterstützen werde.
Die Teuerungsrate lag zuletzt allerdings fast doppelt so hoch wie gewünscht: Die Verbraucherpreise hatten im September im Jahresvergleich um 3,7 Prozent zugelegt und sich damit dem höchsten Stand seit über drei Jahren angenähert. Angetrieben wurde die Preisentwicklung in der weltgrössten Volkswirtschaft vor allem durch Kosten für Energie, nachdem sich wichtige Rohstoffe wie Erdöl in den vergangenen Wochen infolge des Iran-Kriegs deutlich verteuert hatten. Auch der Boom rund um Künstliche Intelligenz und solide Konsumausgaben heizen die Inflation weiter an.
Zugleich verlangsamte sich das Beschäftigungswachstum deutlich. «Weder Inflation noch Beschäftigung liefern den Notenbankern ein klares Signal», sagte DWS-Chefvolkswirt für die USA, Christian Scherrmann. Zugleich dürfte Warsh im Zweifel der Preisstabilität eine grössere Priorität einräumen. Ein weiterer Zinsschritt nach oben dürfte beim letzten Entscheid des laufenden Jahres angesichts des hartnäckigen Inflationsdrucks kaum zu umgehen sein, sagte Stephan Bales, US-Experte bei der Förderbank KfW.
Zinssenkung würde keinen Sinn ergeben
Eine Zinssenkung, wie sie US-Präsident Donald Trump seit langem erfolglos verlangt, halten Experten dagegen für unrealistisch. Diese lässt sich nicht mit den aktuellen Wirtschaftsindikatoren begründen. Zuletzt forderte er etwa, der Leitzins solle «bei einem Prozent oder darunter liegen».
Mit ihren Zinsentscheidungen versucht die US-Notenbank, einen Kompromiss zwischen stabilen Preisen und möglichst vielen Vollbeschäftigten zu finden. Bei höheren Zinsen verteuern sich Kredite für Verbraucher und Unternehmen. Menschen und Firmen geben wegen der höheren Kreditkosten zögerlicher Geld aus, das bremst die Wirtschaft. Ein niedrigerer Zins stimuliert zwar Wachstum und den Arbeitsmarkt, kann aber die Inflation anheizen.
Mit der Straffung der Geldpolitik im September hatte Warsh gleich zwei Lager von Kritikern besänftigt. So vermissten einige Experten seit seinem Amtsantritt im Mai tatsächliche Schritte, um der von ihm priorisierten Preisstabilität nachzukommen. Zudem nahm Warsh jenen Skeptikern den Wind aus den Segeln, die ihm eine zu grosse Nähe zu Trump nachgesagt hatten. Mit dem Zinsschritt nach oben sahen Experten die Glaubwürdigkeit der Fed gewahrt, die von Gesetzes wegen unabhängig von der Politik über den Zins entscheiden soll. (awp/mc/ps)