Die Pest aus Ägypten: Mehr Topos als historische Tatsache?

Die Pest aus Ägypten: Mehr Topos als historische Tatsache?
Von Alexandria (im Bild) und Pelusium aus gelangten Waren und Menschen von Ägypten in den gesamten Mittelmeerraum. Verbreiteten sich auf diesem Weg auch Seuchen? (Foto: Adobe Stock / Unibas)

Basel – In vielen antiken Berichten über die Pestepidemien der damaligen Zeit ist von Ägypten als Einfallstor für Krankheitserreger in den Mittelmeerraum die Rede. Stimmt das tatsächlich? Forschende der Universität Basel unterziehen antike Literatur und Dokumente einer kritischen Analyse und ergänzen sie mit archäogenetischen Erkenntnissen. Dies relativiert die tradierte Meinung.

Gerötete und entzündete Augen, übelriechender Atem, Fieber, heftige Krämpfe, Blasen und Geschwüre am ganzen Körper: Diese und andere Symptome nennt der Geschichtsschreiber Thukydides im Zusammenhang mit der «Pest von Athen» 430 bis 426 v. Chr. Die Herkunft der Seuche vermutet er in Aithiopia. «Das ist allerdings nicht mit dem heutigen Äthiopien gleichzusetzen, sondern bezeichnete damals generell die Regionen südlich von Ägypten», sagt Prof. Dr. Sabine Huebner. Sie ist Professorin für Alte Geschichte an der Universität Basel.

Zeitgenössische Schilderungen legen nahe, dass auch spätere Seuchen im Mittelmeerraum ihren Anfang in Ägypten und Aithiopia nahmen. So etwa die Antoninische Pest, die Cyprianische Pest und die Justinianische Pest, die zwischen dem zweiten und sechsten Jahrhundert die antike Welt heimsuchten.

Papyri liefern neue Informationen
War Ägypten tatsächlich Einfallstor für Krankheitserreger in den Mittelmeerraum? Sabine Huebner und Postdoc Dr. Brandon McDonald wollten es genauer wissen. In einem vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützten Projekt suchten sie deshalb gemeinsam in allen zur Verfügung stehenden antiken Quellen – insbesondere in Papyri – nach Hinweisen auf Krankheitswellen, die mit Ägypten in Verbindung gebracht wurden. Ihre Erkenntnisse veröffentlichten sie kürzlich im «Journal of Interdisciplinary History».

Im Falle der Justinianischen Pest (541 bis 544 n. Chr.) fanden sie denn auch verschiedene Hinweise, die darauf hindeuten, dass die Epidemie zuerst Ägypten erfasste, bevor sie sich im Mittelmeerraum ausbreitete. Anders sieht es bei der Antoninischen Pest (165 bis mind. 180 n. Chr.) und der Cyprianischen Pest (251 bis 270 nach Chr.) aus. «Es gibt keine eindeutigen Belege dafür, dass diese beiden Seuchen sich von Nordafrika her ausbreiteten», sagt Sabine Huebner.

Verkehrsknotenpunkt als Katalysator
Obschon sich der Verdacht auf Ägypten nicht in allen Fällen erhärten lässt, nahmen manche Seuchen ihren Anfang tatsächlich dort. Sabine Huebner: «Es gibt glaubhafte Berichte von medizinischen Schriftstellern aus römischer Zeit, die höchstwahrscheinlich Ausbrüche der Beulenpest im frühen römischen Libyen, Ägypten und Syrien beschreiben.» Mehrere Faktoren begünstigten sowohl die Entstehung von Krankheitserregern als auch deren Verbreitung.

Ein Treiber für die schnelle und grossräumige Verbreitung von Krankheiten war der Handel. Über Jahrhunderte war Ägypten der «Brotkorb Roms», baute also Getreide im Übermass an und exportierte dieses. Über den Nil und das Rote Meer gelangten Waren aus Zentralafrika und Südasien ins Mittelmeer und wurden in den Häfen von Alexandria und Pelusium verschifft. So trafen auch Menschen aus verschiedenen Regionen zusammen.

«Klimaveränderungen begünstigten die Entstehung und Verbreitung von Epidemien.»

Brandon McDonald

Entlang des Nils entwickelten sich Krankheitserreger zudem eher als im heissen, trockenen Wüstenklima, wo es weniger Wirte für Viren und Bakterien gab. «Klimaveränderungen begünstigten die Entstehung und Verbreitung von Epidemien», sagt Mitautor Brandon McDonald. Die Studie zeigt, dass ausbleibende oder schwächere Nilfluten zu Missernten und Nahrungsmittelknappheit geführt haben können und die Bevölkerung durch Unterernährung geschwächt war. Dies begünstigte den Ausbruch von Krankheiten. «Klimaveränderungen selbst können zudem die Überträger von Krankheitserregern wie Flöhe oder Mücken beeinflussen», so McDonald. Klimawandel und der Ausbruch von Epidemien in der Antike könnten also zusammenhängen, die genauen Wechselwirkungen müssen aber noch genauer untersucht werden.

Weitere archäogenetische Untersuchungen, die derzeit im Rahmen des Projekts stattfinden, werden neue Informationen über antike Krankheitserreger und die von ihnen betroffenen Gesellschaften liefern. Sie könnten auch zu unserem Verständnis der Evolution von Krankheitserregern und der Epidemiologie in Zeit und Raum beitragen.

Nach Vorbild des Thukydides
Weshalb aber bezeichnen griechisch-römische Schilderungen Ägypten und Aithiopia auch dann als Ausgangspunkt von Pestepidemien, wenn dies gar nicht der Fall war?

Sabine Huebner erklärt: «Zum einen ist die Vorstellung von Ägypten als Wiege von Krankheitswellen althergebracht; das alte Ägypten galt benachbarten Gesellschaften wie den Hethitern, Israeliten und Griechen als von Krankheiten durchsetzt. Beschreibungen dieser Epidemien in hethitischen oder ägyptischen Quellen oder im Alten Testament lassen an Pocken oder Beulenpest denken.»

Thukydides schuf seinerseits die Voraussetzungen dafür, dass diese Vorstellung fortgeschrieben wurde. «Seine Schilderungen entwickelten sich gewissermassen zu einem literarischen Topos», so Huebner. «Thukydides setzte als Historiker des peloponnesischen Krieges neue Massstäbe in Sachen Stil und in der Art, wie Historiographie zu betreiben war. Damit galt er vielen späteren Geschichtsschreibern als Vorbild.» Sie lehnten sich an seine berühmte Darstellung der Pest von Athen an, um die von ihnen selbst erlebten Seuchen zu beschreiben, und übernahmen auch den von ihm erwähnten Ausgangspunkt. (Universität Basel/mc/ps)

Originalpublikation
Sabine R. Huebner und Brandon T. McDonald
Egypt as a Gateway for the Passage of Pathogens into the Ancient Mediterranean
Journal of Interdisciplinary History (2023), Volume 54. doi: 10.1162/jinh_a_01977
Universität Basel

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