Die Sicht des Raiffeisen-Chefökonomen: 100 Tage

Martin Neff
von Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: Raiffeisen)

Erstmals tauchte der Begriff der „100 Tage“ in der französischen Geschichte auf und umfasste die Periode von der Rückkehr Napoléons aus dem Exil auf Elba bis zu seiner letzten Schlacht von Waterloo. Nach der Niederlage Napoléons bei Waterloo wurde Ludwig der XVIII erneut als Monarch Frankreichs eingesetzt, doch war dieses Königsamt höchstens formeller Natur, denn das Volk hatte der Monarchie längst abgeschworen. Heute taucht der Begriff der 100 Tage im Zusammenhang mit der ersten Phase der Amtsdauer eines neuen Präsidenten auf und geht in dieser Version auf Franklin D. Roosevelt zurück, dem die Medien seinerzeit so lange Zeit liessen, um eine erste Bilanz seiner Errungenschaften zu ziehen.

Diese vornehme Zurückhaltung, wenn man dies so nennen möchte, war auch auf den Zeitpunkt des Amtsantritts Roosevelts mitten in der Weltwirtschaftskrise zurückzuführen. Roosevelt bekam sozusagen eine Art Schonfrist eingeräumt und so die nötige Ruhe um den «new deal», sein umfangreiches wirtschaftliches, soziales und politisches Reformprogram umzusetzen.

Kein Vorschuss für Trump…
Vorschuss wie Roosevelt bekam Trump keinen und von medialer Zurückhaltung kann während Donald Trumps ersten 100 Tagen nicht die Rede sein. Schon im Vorfeld schlug ihm viel Skepsis entgegen und die meisten Medien ziehen nun ein allerhöchstens durchzogenes Fazit dieser ersten Amtsphase. Wobei es wohl nicht ganz fair ist, ihn an Roosevelt zu messen, der zweifellos zu den wirkungsvollsten Amtsinhabern in der Geschichte der Vereinigten Staaten gehört. Das wohl aber auch deshalb, da es bei dessen Amtsübernahme kaum vorstellbar schien, dass es den USA noch schlechter gehen könnte. Trump hingegen übernahm das Amt in einer Phase, in welcher der Wirtschaftsmotor brummte und Vollbeschäftigung herrschte.

… ausser von den Finanzmärkten
Vorschuss gaben ihm lediglich die Aktienmärkte, die schon direkt nach seiner Wahl gegen neue Höchststände zusteuerten und die steigenden Zinsen vor allem am langen Ende der Zinskurve. Die jüngsten Seitwärtsbewegungen der Märkte – auch dem hierzulande – deuten aber darauf hin, dass sich wieder etwas mehr Skepsis breit macht und natürlich schielen die Märkte auch stets auf Janet Yellen. Trump jedenfalls ist den Märkten einiges schuldig geblieben. Nicht dass die zwingend mit der Abschaffung von Obamacare geliebäugelt hätten, aber die Niederlage Trumps in einem seiner wichtigsten Politdossiers hatte den schalen Beigeschmack an den Märkten, dass Trump wohl nicht alle Erwartungen erfüllen wird, die man in ihn setzte.

Die Steuersenkungen sind ins Stocken geraten. Trump stellte seinen eigenen Plan zurück und zeigt sich gegenüber dem Kongress diskussionsbereit. Die Republikaner scheinen sich aber ähnlich uneinig wie bei Obamacare. Auch mit den Infrastrukturausgaben geht es nicht so und vor allem so rasch voran, wie die Märkte das gern sähen, ebenso beim Budget und den Militärausgaben, vom Grenzzaun zu Mexiko ganz zu schweigen. Trumps erste Erfahrung mit checks and balances.

Unberechenbarer Kurswechsel
Ein Mann wie Trump scheint Niederlagen schlecht zu verkraften, die Bombardierung eines syrischen Luftwaffenstützpunktes ist am wahrscheinlichsten damit zu erklären, während die Welt, aber auch Amerika über die wahren Motive sinniert. Will er die rote Linie ostentativ schärfer stellen als seine Vorgänger, plant er mit oder ohne Assad oder deutet die unmittelbar danach folgende Präsenzmarkierung gegenüber Nordkorea nicht doch eher darauf hin, dass er hauptsächlich von seinen innenpolitischen Schlappen ablenken möchte? Einem Mann wie Trump tut es dazu sicherlich gut, wenn er zum ersten Mal überhaupt von den Europäern einstimmig gelobt wird. Gut möglich, dass er hier ein Betätigungsfeld gefunden hat, auf dem er für die eine oder andere Überraschung gut ist. Ein Kurswechsel ist das aber keineswegs, es ist wohl eher die Unberechenbarkeit des Präsidenten, vor der so viele gewarnt haben.

On hold wie Trump und Yellen
Die Aktienmärkte sind derzeit «on hold», etliche hoch bewertet und die übertriebenen Erwartungen vor allem in den USA haben sich kaum bis nicht erfüllt. So fehlt die Fantasie für einen Ausbruch nach oben, denn die globale Konjunktur ist zwar wieder etwas ausgewogener aber keineswegs berauschend unterwegs. Dazu kommen die latenten Unberechenbarkeiten in der Geopolitik. Die amerikanischen Zinserwartungen sind indessen recht volatil, auch da keine Richtung in Sicht ist, ausser der zaghaften Straffung durch Yellen. Kann Trump allein da was richten? Wohl kaum, so die jüngste Stimmung an der Wallstreet. Mal sehen, vielleicht sind ja die Finanzmärkte der Politik nur etwas davongaloppiert und lassen die nun aufholen? Die Gangart Trumps wird in naher Zukunft sicherlich gemächlicher, seine Unberechenbarkeit wohl kaum.

Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen

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