Die Sicht des Raiffeisen-Chefökonomen: Alles anders

Martin Neff
Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: zvg)

Das Corona-Virus hat die Welt fest im Griff. Europa befindet sich mehr oder weniger im Ausnahmezustand und die USA auf dem besten Weg dahin. Gut möglich, dass es in den nächsten Tagen weltweit zu Stilllegungen der Produktion kommt und nur noch dort gearbeitet wird, wo es um die Versorgung der Bevölkerung geht, also im Gesundheitswesen, einigen Diensten und im Handel. Wenn aber die Produktion heruntergefahren wird, drohen früher oder später Engpässe in der Versorgung. Man kann nur hoffen, dass es nicht so weit kommt, ausschliessen lässt sich dies aber nicht mehr. Wer hätte vor acht Wochen schon gedacht, dass wir bald in einer Welt leben würden, in der alles, aber auch wirklich alles anders ist als zuvor. Der Alltag, wie wir ihn kannten, ist plötzlich nicht mehr da und wir tasten uns im wahrsten Sinne an ein neues Dasein heran.

Menschen nehmen das natürlich alles sehr unterschiedlich wahr, aber ich bin sicher, dass den meisten etwas fehlt. Es fehlt zum Beispiel der soziale Kontakt. Kein kurzes Gespräch mehr mit den Nachbarn in gewohnter Form, sondern höchstens unter Wahrung des gebotenen Sicherheitsabstandes und dabei stets mit dem mulmigen Gefühl, dass Nähe zu unseren Mitmenschen schädlich ist. Gerade für Ältere ist das ein Martyrium, oft waren solche Kontakte ohnehin die einzigen, welche ihnen geblieben waren. Selbst vor dem Besuch Verwandter wird – wohl zu Recht – gewarnt. Social distancing ist eine Art Kontaktverbot, auch wenn es unter Gebot segelt. Beim Weg zum Einkaufen machen die Leute einen weiten Bogen um einen. Alles wirkt irgendwie gelähmt, der Verkehr auf der Strasse ebenso wie die fast menschenleeren Wege, die sonst vor lauter Passanten aus allen Nähten platzen.

Es fehlt die Masse und es fehlt die Geschwindigkeit, Gegebenheiten, die unseren Alltag sonst so stark im Griff haben. Es fehlt die Routine der täglichen Hektik. Die erzwungenermassen neue Langsamkeit und Beschaulichkeit sind wie ein neues Leben, das wir erst erforschen müssen. Wir tun gut daran, dies rasch an die Hand zu nehmen, denn zu glauben, dass es bald wieder so weiter geht wie vor der Pandemie, ist eher unrealistisch. Im besten Fall finden wir ein Impfserum, ansonsten wird das Virus uns noch Monate im Zaum halten und man wird weiterhin die Anstrengungen auf die Verhinderung der Ausbreitung konzentrieren. Social distancing wird folglich 2020 prägen.

Teure Schadensreduktion
Die Politik wird aber auch nicht umhin kommen, die Härten, die nun durch den wirtschaftlichen Stillstand drohen, so gut wie möglich abzufedern. Das wird Unsummen von Geld verschlingen, aber der Politik bleibt gar keine andere Wahl. Die nun anrollenden Fiskalpakete sind je nach Land unterschiedlich gross geschnürt, gekleckert wird jetzt längst nirgends mehr. Corona wird die Staaten Unsummen kosten. Aber werden die tatsächlich genügen, wenn es beispielsweise zu Massenarbeitslosigkeit kommt? Im schlimmsten Fall wahrscheinlich nicht. Um den worst case zu vermeiden, ist jeder einzelne nun gefordert, einen Beitrag zu leisten. Sonst laufen die Folgen der Krise aus dem Ruder. Wenn uns diese Zeit nicht lehrt, dass – so alleine wir momentan auch sein müssen – nicht das Ego regiert, welche dann?

Längst ist das noch nicht überall angekommen. Im nahen Geschäft gab es eine Woche lang kein Toilettenpapier. Auch sonst sahen die Regale so leer aus, wie ich sie nie zuvor gesehen hatte. Aus einem einfachen Grund: die Leute hamstern. Empfehlungen, gerade dies zu unterlassen, fruchteten ebenso wenig, wie diejenige, grössere Menschenansammlungen zu vermeiden. Noch immer – Stand heute – umarmen sich Leute (auch Männer) oder klatschen sich die Hände ab, trotz klarer Warnungen. Diese „mir kann nichts passieren-Haltung“, die schon in Richtung „scheissegal“ geht, war bis zuletzt noch immer anzutreffen und sie schadet(e) der Gemeinschaft. Man denke an die sogenannten Corona-Partys, was für ein Unding. Jetzt gilt es runterzufahren und zwar für jeden von uns und nachzudenken, wie wir unser Leben in Zukunft gestalten.

Fertig Ego
Mit der Länge einer Krise nimmt leider oft auch die Abstumpfung zu. Die gilt es aber zu vermeiden, denn mit ihr wird auch die Prävention vernachlässigt. Die Politik ist daher präsenter denn je. Man kann sich noch so über Frau Merkel ärgern oder meinetwegen auch über unseren Bundesrat, aber es tut offenbar Not, den Menschen ins Gewissen zu reden, sie zu sensibilisieren, was sie zur Linderung beitragen können und wenn dies alles nichts hilft, Verbote zu sprechen. Staatliche Autorität in der Form, wie wir sie zurzeit erleben, war lange Zeit verpönt. Wir waren selbstbewusste Staatsbürger, authentisch, selbstverantwortlich und standen vermeintlich mit beiden Füssen im Leben. Sagen liessen wir uns nichts gross. Die Regeln waren auch nicht sonderlich streng. In unserer globalisierten, multikulturellen Gesellschaft genossen wir Vielfalt, Buntheit, vor allem aber unsere Freiheit(en). Die schränkt nun der Staat ein und dies mit Recht. Denn wenn das Gemeinwohl oberstes Gebot wird, hat individuelle Nutzenmaximierung oder Schadensreduktion keinen Platz mehr. Das müssen jetzt auch die letzten Unbelehrbaren begreifen.

Jede Krise ist auch eine Chance, heisst es und vielleicht ist das ja auch jetzt der Fall, denn wer redet heute noch von Flugscham oder von Overtourism. Das Kontrastprogramm lautet heute gar nicht mehr fliegen und gähnende Leere in Venedig. Der Smog in China, aber nicht nur da, hat abgenommen, der Verkehr ebenso, für die Umwelt ist diese Zwangspause des emsigen globalisierten Treibens eine willkommene Entspannung. Vielleicht geht es ja wirklich auch anders?

Neue Welt?
Mein Junior hat aktuell Online-Schule. Am Montagmorgen gibt es einen Appell des Klassenlehrers, dann werden Aufgaben Online gestellt, die die Schüler bearbeiten müssen. Sie können (müssen!) ihre Aufgaben den Lehrpersonen Online zustellen und es gibt fest definierte Stunden, wann zu arbeiten ist, wann wer erreichbar sein muss und Eingabefristen für die Arbeiten. So schlecht funktioniert das gar nicht, aber natürlich fehlt es dem Jungen auch an etwas. Seine Kollegen trifft er jetzt auch nur noch Online. Die Unterrichtsmethode ist aber gar nicht so schlecht. Der Ökonom wittert da sogar Optimierungspotenzial. Vielleicht ist unser Unterrichtswesen gar nicht so produktiv, wie man uns immer sagt? An den Hochschulen wird ähnlich verfahren, viel – nicht zu sagen alles – läuft übers Internet.

Ich sitze derweil im Homeoffice, ich bin technisch perfekt vernetzt, mein Arbeitsplatz ist eins zu eins eine Kopie desjenigen an der Brandschenkestrasse in Zürich und kann von zu Hause aus faktisch alles machen, was ansteht. Nur der Kundenkontakt, aber auch derjenige mit den Mitarbeitenden ist auf ein Minimum zurückgefahren. Ansonsten kann ich meinen Job aber auch von zu Hause aus erledigen. Wie viele andere auch, nicht alles ist also lahm gelegt derzeit, es wird nur anders erledigt. Und ich kann meinen Sohn noch betreuen. Ein Patchwork, das auch seine guten Seiten hat.

Ich bin sicher, dass es ganz vielen Menschen momentan ähnlich geht. Sie lernen ihr Leben neu kennen und vielleicht auch bald anders schätzen. Das ist das eigentlich Gute an dieser Krise. Sie regt zum Umdenken an, überall. Sicher sehnt es nur wenige unter uns derzeit nach Urlaub in den Tropen oder nach Früchten von dort. Es wäre einfach nur schön, mal wieder im gewohnten Umfeld und Kreise seiner Lieben einen unbeschwerten Abend zu verbringen, nicht? Vielleicht braucht es auch gar nicht mehr.

Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen

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