Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: Bier macht impotent

Martin Neff
von Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: Raiffeisen)

St. Gallen – Leider verbrachte unsere Familie in meiner Kindheit den Sommerurlaub nicht ausschliesslich am Meer, was für mich als kleiner Junge natürlich das Allerschönste war. Zum Leidwesen meiner Geschwister und mir gab es wiederholt Unterbrüche des Spiels und des dolce far niente am Strand. Dann nämlich, wenn uns mein Vater zu einer Sehenswürdigkeit schleppte und inbrünstig über Kultur, Baukunst und Geschichte belehrte. Schon mit sechs Jahren waren mir Franz von Assisi oder die Medici Familie nicht nur namentlich bekannt.

Jahreszahlen gerieten indes schnell in Vergangenheit, einige Geschichten blieben aber in meinem Gedächtnis hängen – bis heute. Als jüngster Spross der Familie und Nachzügler ereilte mich das Schicksal, dass ich bald der einzige war, der dies über sich ergehen lassen musste. Meine älteren Geschwister hatten sich längst abgeseilt und genossen die sturmfreie Bude zuhause oder verbrachten Ferien ganz nach ihrem Gusto.

Landkarte statt iPod
Als Teenager wurden Kultururlaube für klein Martin leider immer mehr zur Regel. Immerhin hatte ich ein Mitspracherecht bei der Auswahl der Campingplätze oder Hotels und war dabei natürlich stets bedacht, dass diese über einen Pool oder Spielplatz verfügten. Ein bisschen Spass wenigstens aus damaliger Warte betrachtet. Doch die Tage waren lang. Drei Schlösser am Tag, römische Tempel oder Ruinen und viele Kilometer unterwegs. Immerhin wurde ich tagsüber mit dem verantwortungsvollen Job des Kartenlesens betraut und durfte aus den Reiseführern vorlesen, was uns am Ziel genau erwartete. Ob Loire Schlösser oder romanische Kirchen in der Bourgogne, es gab Erstaunliches darüber zu lesen. Nicht dass es mich damals besonders fasziniert hätte, aber ich hatte ja auch keinen iPod, der mir die Langeweile vertrieb.

So blieb das eine oder andere in meinem Gedächtnis hängen. Namen zum Beispiel, Grössenordnungen und auch etliche Episoden. Etwa, dass die sterblichen Reste des berühmten Leonardo da Vinci in Amboise beigesetzt wurden. Und die Kuppel des Domes Santa Maria del Fiore in Florenz die höchste der Welt ist, höher noch als die des Petersdoms oder – für einen Jungen in meinem Alter damals faszinierend wie gruselig zugleich – die Käfige Ludwigs des XI. von Frankreich, in denen er Menschen lebendigen Leibes verfaulen liess. Die Kartenleserei weckte darüber hinaus mein Interesse an Geographie. Diese Michelin-Karten hatten es mir bald angetan. Schnell verstand ich, sie zu lesen und sie waren grossmassstäbig. Jede Kleinigkeit war zu erkennen, Bäche, Bahnlinien, Brücken, Unterführungen usw. und ich navigierte uns immer souveräner durch entlegene Landschaften. Ich war sozusagen das Navi meiner Eltern.

Navi macht dumm…
Warum ich das alles erzähle? In der jüngsten Ausgabe der NZZ am Sonntag hiess es, Forscher befürchteten, dass unser Gehirn wegen des ständigen Gebrauchs digitaler Navigationssysteme verkümmere. Der Titel des lesenswerten Beitrags: „Macht das Navi dumm?“ Ganz so abwegig scheint mir das ganz und gar nicht, nur ist dafür überhaupt Forschung nötig? Wo wir doch wissen, dass heute geforscht wird auf Teufel komm raus und manchmal die abstrusesten Ergebnisse resultieren. Bier, so hatten Forscher einmal herausgefunden, mache impotent. Wäre dem tatsächlich so, wäre die Menschheit wahrscheinlich schon ausgestorben. Gewisse Forschungen scheinen eher auf das Boulevard abzuzielen, anstatt der seriösen Wissenschaft zu dienen.

Googeln sie mal „Forscher haben herausgefunden“ und Sie werden verstehen, was ich meine. Das reicht aber allemal für eine Schlagzeile in «Blick» oder «20 Minuten». Das mit den Navigationssystemen klingt für mich auch ohne Beweis durch Forschung plausibel. Man verliert die Orientierung, das Gefühl für Distanzen oder Himmelsrichtungen und verlässt sich blindlings auf ein System. Heute navigiert man mit dem Handy durch die Städte. Sie werden’s nicht glauben, aber neulich habe ich mich so in Bern fast verirrt. Ich lief doch tatsächlich in die falsche Richtung und da die Internetverbindung so schlecht war, merkte ich das erst nach gut dreihundert Metern. Prompt kam ich zu spät. Wenn‘s doch nur das wäre.

… und die Apps erst recht
Digitalisierung ist ja schon toll, aber ist der Nutzen wirklich überall gegeben? Wieso muss mir das Auto mitteilen, dass ich eine Pause machen soll, weil ich übermüdet bin (Algorithmus) und Apps auf meinem Handy, dass mein Puls zu hoch dreht (Algorithmus), wenn ich jogge oder dass die Raumtemperatur zu hoch liegt (Algorithmus). Merke ich das eigentlich nicht (mehr) selbst? Was ist erst in hundert Jahren, wenn ich das gar nie gelernt habe, wenn uns also sukzessive nicht nur das Denken abgenommen wird, sondern auch das Fühlen, Instinkte digital gesteuert werden? Wenn mich mein Ältester nur noch anruft, weil er sein Handy entsprechend programmiert hat und nicht, weil ihm danach ist? Wofür brauchen wir dann noch Sinn und Seele?

Darauf habe ich noch keine Antwort erhalten von den Anhängern der exponentiellen Entwicklung im Silicon Valley. Die Digitalisierungspäpste neigen noch immer dazu, den Nutzen zu verklären und die Kosten auszublenden. Sollen sie doch mal eine Nutzen-Kosten-Analyse vorlegen. Auch ohne Forschungsergebnisse denke ich, dass – unterwegs mit dem Auto – die Meldung, man solle eine Pause einlegen, kaum Unfälle (infolge Sekundenschlaf) verhindert. Am Steuer telefonieren, SMS versenden oder E-Mails abrufen führt aber garantiert zu mehr Unfällen – Saldo negativ. Woher ich das weiss? Nachgedacht, statt gegoogelt, gesunder Menschenverstand, kein Algorithmus. (Raiffeisen/mc/ps)

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