Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: Hauptsache mehr?

Martin Neff
von Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: zvg)

Gute Neuigkeiten aus der Schweiz. Vor einigen Tagen dürften wir wieder das Vorkrisenniveau des Bruttoinlandproduktes erreicht haben. Wir sind also wieder genauso wohlhabend, wie vor dem pandemiebedingten Einbruch, gemessen am Bruttoinlandprodukt (BIP), dem gängigen Mass zur Messung einer nationalen Wirtschaftsleistung. Doch Hand aufs Herz: Ist es nicht ein wenig so wie in der Meteorologie? Dort ist bekanntlich oft von gefühlter Temperatur die Rede und die kann manchmal erheblich von der gemessenen Temperatur abweichen.

Ich persönlich war einer der Glücklichen, der vom Wirtschaftseinbruch nicht betroffen war. Mein Arbeitgeber zahlte mir den Lohn fort, meine Arbeitsinhalte waren in jeder Phase der Pandemie dieselben wie zuvor, ich musste nicht in Kurzarbeit, weder musste ich die Türen meines Restaurants oder Hotels schliessen noch Notkredite ordern, um das Überleben meines Betriebes sicherzustellen. Pure Glücksache könnte man sagen und obwohl es mir messbar genauso gut geht wie vor dem Ausbruch Coronas, ist das Gefühl heute ein anderes als davor. Ich sehe meine Freunde viel weniger als früher, ebenso meine Verwandten, konnte ein gutes halbes Jahr nicht mehr ins Fitnessstudio und auch meine Stammkneipe nicht besuchen, wenn mir danach der Sinn stand. Und auch heute ist das Leben nicht mehr so unbelastet wie vor Corona. Das hat irgendwie doch seine Spuren hinterlassen. Gefühlt bin ich ein bisschen ärmer geworden. Aber das ist natürlich Klagen auf hohem Niveau, und irgendwann – das wünschen wir uns wohl alle sehnlichst – ist der ganze Spuk ja hoffentlich vorbei. Und dann?

Dann «wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt». Manche von Ihnen kennen sicher noch diese Textsequenz aus dem Pop-Hit der Band «Geier Sturzflug», welche im Jahr 1983 ziemlich populär war. Hauptsache Wachstum, egal zu welchem Preis, so lautet die Devise in dem Lied, was aber eher zynisch gemeint ist. Leider erfassen wir im Bruttosozialprodukt «nur», was wir messen können. Eine Massenkarambolage auf der Autobahn mit hohem Schaden steigert die Wirtschaftsleistung genauso wie ein Hagelunwetter oder eine Beinfraktur. Allesamt Ereignisse, die man eigentlich nicht haben möchte und doch schafft deren Beseitigung quantitatives Wachstum. Genauso wie Umweltschäden, die man beseitigen muss. Schlechte Luft oder Verkehrslärm indes lassen sich so lange nicht messen, wie sie keine Schäden verursachen. Erst wenn jemand deswegen krank wird werden die Schäden messbar, da buchbar, und steigern so das Bruttosozialprodukt. Dass die nationale Buchhaltung so ihre Lücken hat, wird natürlich schon lange diskutiert. Gemeinnützige Arbeit etwa wird nirgend verbucht, obwohl sie mit Sicherheit Nutzen für die Gesellschaft stiftet. Für die nationale Buchhaltung gilt das Prinzip der Messbarkeit zu Marktpreisen und da gemeinnützige Arbeit oder auch Freiwilligenarbeit keinen Marktpreis haben, können sie auch nicht auf Konten verbucht werden.

Nur Messbares zählt
Das ist sicher nicht sehr befriedigend, andererseits muss man aber auch anerkennen, dass die gefühlte Temperatur, von der oben die Rede war, nun mal nicht messbar ist und von Mensch zu Mensch unterschiedlich empfunden wird. Genauso verhält es sich mit Dingen, die Freude bereiten und somit genaugenommen auch Nutzen stiften, nur hat eben der eine mehr oder weniger Spass auf der Skipiste. Und so misst man, was man messen kann, etwa die entstandenen Kosten auf dem Weg ins Skigebiet, die Tickets für die Bergbahnen, die Konsumation in den Bergrestaurants oder ein Picknick neben der Piste. Auch die Zuteilung auf eigentliche Branchen ist nicht immer eindeutig. Das Tourismusland Schweiz kann zum Beispiel nicht messen, welche Wertschöpfung der Tourismus tatsächlich generiert. Wenn ein ausländischer Gast eine Uhr erwirbt, so wird dieser Kauf dem Detailhandel zugerechnet und wenn er im Restaurant speist, wird seine Zeche genau gleich erfasst wie unsere Konsumation im Restaurant. Immerhin berechnet das Bundesamt für Statistik seit geraumer Zeit sogenannte Satellitenkonten, welche die Bereiche Tourismus, Umwelt, Landwirtschaft und unbezahlte Arbeit quantitativ ausleuchtet.

Während der Tourismus in diesen Berechnungen auf 2.8 % des BIP kommt, belief sich die Wertschöpfung der unbezahlten Arbeit (im Jahr 2016) auf 400 Milliarden Schweizer Franken; das waren also fast zwei Drittel der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung. Allein in diesen Zahlen wird deutlich, dass die Volkswirtschaft mehr Werte schafft, als die, die wir messen. Andererseits muss man aber auch konstatieren, dass sie auch diverse negative externe Effekte schafft, welche das BIP rein rechnerisch nicht schmälern, obwohl sie unserem Wohlbefinden schaden. Im UmweltSatellitenkonto wird zum Beispiel versucht, den jährlichen Materialverbrauch oder den Treibhausgasfussabdruck der Schweiz zu messen. Das sind alles sehr zu begrüssende Bemühungen und es wäre sicherlich sinnvoll, sich dies bei der Definition von Wirtschaftswachstum stets vor Augen zu führen.

Überhaupt scheint der reine Begriff quantitativen Wachstums gerade in hoch entwickelten Volkswirtschaften zusehends abgegriffen. Wer morgen glücklicher ist als gestern, trägt nichts zum Wirtschaftswachstum bei, sondern nur wer mehr verdient als gestern. Die Glücksforschung misst immerhin Dinge (mittels Befragung), welche sich nur schwer errechnen und schon gar nicht quantifizieren lassen und schafft so ein gewisses Gegengewicht zur quantitativen Buchhaltung, doch werden Politikerfolg und Wohlstand fast ausschliesslich am traditionellen Wirtschaftswachstumsbegriff festgemacht. Nur mehr zählt dabei. Dass mehr nicht immer besser ist, sollte indes jedem von uns einleuchten. Wenn wir uns ein grösseres Auto kaufen, verbraucht dies mehr Benzin als unser altes. Und schon wächst die Wirtschaft. Würde man Wirtschaftswachstum generell als Mehrverbrauch bezeichnen, wie dies dem Soziologen Harald Welzer vorschwebt, bekommt das Wachstum einen schalen Beigeschmack, oder nicht?

Stellen Sie sich vor, unsere Regierungen versprächen uns, für erhöhten Verbrauch zu sorgen, wenn wir Ihnen unsere Stimme geben. Würden Sie diese tatsächlich wählen? Wir haben in der Tat keine Wahl zwischen Wachstum oder Mehrverbrauch. Wer wachsen will, will mehr verbrauchen. Aber brauchen wir noch mehr Verbrauch, den wir uns gar nicht mehr leisten können?

Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen

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