Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: Jetzt geht’s los

Martin Neff
Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: zvg)

Nachdem wir nun wochenlang akribisch Fallzahlen, Todesraten und Neuansteckungen beobachtet und täglich kommentiert haben, verlagert sich mit den ersten Lockerungen des Ausnahmezustands in einigen Ländern die Diskussion vom Virus selbst zu dessen wirtschaftlichen, politischen und auch gesellschaftlichen Konsequenzen. Dabei hat der Wind gedreht und es mehren sich auch hierzulande kritische Stimmen aus den sogenannt wirtschaftsfreundlichen Kreisen, die der Meinung sind, der Lockdown schiesse über das Ziel hinaus und richte wirtschaftlich grösseren Schaden an, als gesundheitlichen Nutzen zu stiften.

Kein Wunder, denn die wirtschaftlichen Folgen werden von Tag zu Tag konkreter und sie liegen am unteren Rand der bisherigen Prognosebandbreite, wie erste Daten belegen. Die chinesische Wirtschaft etwa ist im ersten Quartal massiv um -9.8% gegenüber dem Vorquartal geschrumpft, das Jahreswachstum in China brach von +6.0% auf -6.8% ein. Das erste offizielle Minus seit 1976. Die Zahlen für den letzten Monat des Quartals zeigen dabei mit dem allmählichen Wiederhochfahren der Wirtschaft zwar für die Industrie eine Erholung vom vorangegangenen Absturz. Die Industrieproduktion und die Exporte lagen im März gar nicht mehr so weit hinter den Vorjahreswerten zurück.

Ein weiterer Aufholschub im April erscheint jedoch angesichts der weggebrochenen globalen Nachfrage unwahrscheinlich. Während China mit ersten Lockerungen ab Mitte März begonnen hat, wurde in vielen anderen Ländern die Wirtschaft erst ab der zweiten Märzhälfte so richtig heruntergefahren. Dies reichte jedoch bereits für ein starkes BIP-Minus im ersten Quartal aus. In den USA ist die Produktion im Verarbeitenden Gewerbe im März gegenüber Vormonat um -6.3% so stark gefallen, wie seit dem 2. Weltkrieg nicht mehr, obwohl das Geschäft zu Beginn des Monats noch nahezu normal verlief. Den stärksten Rückgang verzeichnete dabei die Autoproduktion mit -35%.

Ähnlich war bei den Detailhandelsumsätzen ein Einbruch der Autoverkäufe einer der Haupttreiber für den drastischen Monatsrückgang um -8.7%. Daneben kollabierten aber auch die Umsätze der Tankstellen, der Möbel- und Bekleidungsgeschäfte sowie natürlich der Gaststätten. In Europa ist ein ähnliches Blutbad der Wirtschaftsleistung zu erwarten. Auch wenn dort im Vergleich zu den USA die Folgen am Arbeitsmarkt nicht unmittelbar sichtbar werden dürften, wird der wirtschaftliche Rückschlag dem Lager Auftrieb verleihen, das sich seit geraumer Zeit für eine raschere Rückkehr zur Normalität stark macht. Dies gilt wie erwähnt auch in der Schweiz.

Erst der Anfang, nicht das Ende
Rein ökonomisch betrachtet ist die Rechnung einfach. Je mehr Wirtschaftsbranchen in den kommenden Tagen, Wochen bzw. Monaten wieder auf Normalmodus schalten, sprich Volllast fahren können, desto eher lässt sich der wirtschaftliche Schaden einigermassen abfangen. Irreversibel sind heute schon die Schneisen, welche das Virus in die Umsatzzahlen geschlagen hat. Bergbahnen, Hotels, Reisebüros, Airlines, Schuhgeschäfte, Coiffeure und die Gastronomie insgesamt sowie die Unterhaltungs- oder Fitnessbranche haben seit Mitte März Umsatzeinbussen zwischen 65% und 95% erlitten. In diesen Branchen würde auch eine sofortige Rückkehr zum „Normalzustand“ das Jahr nicht mehr retten, selbst wenn Nachholeffekte einsetzen und der Rest des Jahres sogar überdurchschnittlich dynamisch verlaufen sollte. Grob überschlagen hat der bisherige Lockdown die Schweizer Wirtschaft schon mindestens 30 Milliarden Franken gekostet. Das sind bald 5% des Bruttoinlandproduktes.

Täglich melden sich gut 1‘500 Menschen bei den Regionalen Arbeitsvermittlungen als arbeitslos. Schon im März stieg die Arbeitslosenquote von 2,5% auf 2,9%, ein Plus von über 23‘000 Personen und das obschon der Shutdown in der Schweiz erst am 16. März angeordnet wurde. Über 1,5 Millionen Erwerbstätige haben Kurzarbeit beantragt, gut ein Drittel aller Beschäftigten in der Schweiz. Im besonders betroffenen Kanton Tessin sind es fast 50% aller Beschäftigten. Das sind in der Tat verheerende Zahlen. Es ist daher nachvollziehbar, dass Forderungen lauter werden, diesen Absturz so schnell wie möglich zu stoppen, aber utopisch, zu glauben, dass wir im laufenden und wohl auch im kommenden Jahr auch nur annähernd wieder den „Normalzustand“ erreichen werden. Der Mensch mag ja schnell vergessen, aber diesen Zustand der Lähmung und Ohnmacht, diese Mischung aus Langeweile und Angst und die neue Langsamkeit wird er kaum über Nacht ablegen.

Nicht auszuschliessen, dass wir am Ende der Corona Krise, wann auch immer das sein wird, mehr als nur angeschlagen zurückbleiben, sondern auch im gewissen Sinne geläutert. Sinnfragen dürften dann viele erst richtig beschäftigen. Nicht nur Ausgehen oder (Fern)Reisen, unser gesamtes Konsumverhalten steht derzeit auf dem Prüfstand und ich glaube immer weniger an die von so vielen herbeigesehnte oder vehement eingeforderte Wiederherstellung des Normalzustands. Denn die letzten Wochen und wohl auch noch etliche, die vor uns liegen, werden uns vor Augen führen, dass es auch anders geht als „normal“ und vieles, was wir gewohnt waren und uns selbstverständlich erschien, eigentlich gar nicht unbedingt notwendig ist. Der Verzicht auf den einen oder anderen materiellen Wert könnte ein Resultat dieser neuen Erfahrungen sein – und die Wiederentdeckung immaterieller Werte, wie soziale Nähe, familiäre Bande, Vertiefung von bestehenden Beziehungen statt Anhäufung von oberflächlichen Kontakten. Das Ende des Ausnahmezustandes könnte vielleicht auch den Anfang einer neue Ära einläuten – wer weiss das schon?

Normal?
Apropos Normalzustand – wie sieht der eigentlich aus? Ist es normal, dass die Zentralbanken ihre Bilanzen aufblähen, grosse Teile der Finanzmärkte aufkaufen, an den Devisenmärkten intervenieren und ein Null- oder Negativzinsregime eingeführt haben, das einen riesigen Umverteilungsprozess nach sich zieht? Ist es normal, dass die Staatsschulden komplett aus dem Ruder laufen? Ist es normal, dass hochentwickelte, wohlhabende aber überalterte Volkswirtschaften mit allen Mitteln auf Wachstumskurs gehalten werden, obwohl viele schon mehr als genug haben? Ist es wirklich dieser Zustand, den wir alle rasch wieder herbeisehnen? Oder bewirkt dieser exogene Schock, wie wir Volkswirte Corona definieren würden, einen Paradigmenwechsel?

In der volkswirtschaftlichen Theorie sind es ebensolche exogenen Schocks, die ein eingefahrenes Wirtschaftssystem ins Wanken bringen oder sogar umstossen können. Lernen wir vielleicht gerade, das Notwendige zu schätzen und das Überflüssige als solches wahrzunehmen, da der Verzicht darauf gar nicht so schlimm ist? Es gibt auch ein Leben ohne Urlaub auf Bali, selbst eines ohne Urlaubspläne für den Herbst. Langsamkeit muss nicht zu wenig Dynamik heissen, sondern kann vielleicht auch mehr Nachhaltigkeit bedeuten, von der wir alle so gern reden. Overtourism, Fluglärm, Verkehrskollaps auf den Strassen, Umweltverschmutzung gehören ebenso zum herbeigesehnten „Normal“. Wollen wir all das wirklich wieder genauso haben oder vielleicht doch besser weniger, dafür aber Wesentliches? Ich bin gespannt auf unsere Antwort auf die Krise. Bis dahin schlafe ich morgens etwas länger als sonst, denn ich pendle nicht mehr und werde auch nicht mehr durch den Fluglärm geweckt.

Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen

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