Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: Laubbläser

Martin Neff
von Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: zvg)

Herbst ist überhaupt nicht mein Ding. Ich bin am Bodensee aufgewachsen und manchmal kam es mir so vor, als würde zwischen Anfang November und Ende Januar gefühlt maximal dreimal die Sonne scheinen und dann auch nur kurz. Ansonsten keine Sicht vor lauter Nebel, schlecht fürs Gemüt. Mittlerweile ist es aber offenbar nicht mehr so schlimm mit dem Deckel auf dem Kopf. Globaler Erwärmung sei Dank.

Freunde von mir leben in Tägerwilen und da ich regelmässig mit ihnen in Kontakt stehe und man ab einem gewissen Alter gern oder nur noch über das Wetter redet, bin ich stets auf dem Laufenden, wie die Sicht auf den See ist. Mittlerweile lebe ich im Kanton Zug und auch da gibt es nicht wenige Nebeltage, allerdings ist man schneller in der Höhe und dann ist der Herbst – Entschuldigung – einfach nur geil. Über dem Nebelmeer hat man das Gefühl, dem trüben Elend wenigstens vorübergehend entkommen zu sein, einfach nur toll.

In meiner Kindheit hatte der Herbst vornehmlich zwei Ausprägungen. Es wurde erstens kälter und man musste sich überlegen, ob man am Morgen für den Schulweg auf dem Fahrrad nicht besser Handschuhe anzieht und zweitens lagen überall Blätter auf der Strasse, sodass eine allzu sportliche Kurvenlage mit dem Rad durchaus zu einem Sturz führen konnte, so schlüpfrig war es manchmal. Ja und dann waren da noch die spiessig langweiligen Spaziergänge mit den Eltern, an denen mir nichts Besseres in den Sinn kam, als das gefallene Laub vor mir her zu kicken, bis es zu einem beachtlichen Haufen angeschwollen war. Laub war einfach überall. Man kickte es vor sich her, man bewarf damit Artgenossen oder baute auch mal einen veritablen Haufen damit.

Heute gibt es kein Laub mehr. Dafür gibt es überall Laubbläser – des Hauswarts liebstes Spielzeug. Früh am Morgen legen die Typen mit ihren Maschinen los und verbreiten einen ohrenbetäubenden Lärm. Egal ob viele oder wenige Blätter, es wird geblasen, was das Zeug hält. Einen Besen können die modernen Hauswarte wahrscheinlich gar nicht mehr bedienen. Und natürlich ist der Bläser mit Benzin angetrieben, es gäbe zwar elektrische, aber die seien nicht sehr kräftig, wie mir gesagt wurde. Nun denn, der Herbst heute ist sozusagen laublos. Man muss das Zeugs ums Verrecken wegblasen, sonst könnte sich ja noch ein Igel da einnisten. Bei mir blasen sie auch, wenn fast kein Laub liegt. Die Maschine ist einfach so schön laut und der, der sie braucht, hat ja im Gegenteil zu allen anderen fetten Gehörschutz gegen den brutalen Lärm. Der technische Fortschritt ist einfach toll. Heute kann ich mich selbst bei Nässe mit dem Rad voll in die Kurve legen. Laubbläser sind für mich der Inbegriff technokratischen Schwachsinns.

Mal sehen, ob sie die Dinger am Klimagipfel in Glasgow endlich verbieten und den Leuten mal wieder den Besen in Erinnerung rufen. Aber da mache ich mir ehrlich gesagt wenig Hoffnung. Immerhin haben sich mehr als 80 Staaten einer Initiative der USA und der EU angeschlossen und sie wollen den klimaschädlichen Ausstoss von Methan reduzieren, um 30 Prozent bis 2030. US-Präsident Biden schwingt besonders auffällig die Klimakeule. Er will die staatlichen Mittel zu Förderung innovativer Umwelttechnologien massiv ausbauen. Gemäss seiner vertieften Analyse reichen die derzeitigen Technologien nicht aus, um die weltweiten Klimaschutzziele zu erreichen. Im Silicon Valley werden sie sich über die Gelder freuen, fragt sich nur, was sie dann damit machen. Lieber 10’000 Handys bauen oder einen Tesla? Mit dem Lithium, das für eine Tesla-Batterie gebraucht wird, liessen sich tatsächlich 10’000 Smartphones bauen. Was also Mr. Biden wollen wir fördern? Elektromobilität?

Ein Elektrofahrzeug benötigt viel mehr mineralische Rohstoffe als Verbrenner. Wenn wir die Verbrenner effizienter machen wollen, müssen wir ihr Gewicht reduzieren. Dafür bietet sich Aluminium an. Nur, das Bauxit, aus dem Aluminium gewonnen wird, wird auch schon knapp. In einem «sauberen» Audi E-Tron werden heute 804 Kilogramm Aluminium verbaut. Eine Windkraftanlage braucht Zement, Sand, Stahl, Zink und ebenso Aluminium und dazu noch tonnenweise Kupfer für kilometerlange Kabelstränge, die Umspannstation, den Generator und das Getriebe. Kupfer ist nicht eben mal so da, es muss aus der Erde geschreddert, zermahlen, gewässert und gelaugt werden. Das ist ein wahrlich schmutziger Produktionsprozess. Und wie die Halden danach aussehen, kann man sich gern vor Augen führen. Los Pelambres im Norden Chiles ist eine der grössten weltweiten Kupferminen und macht den Anschein einer riesigen Mülldeponie.

Es ist fast schon paradox, doch um den Klimawandel zu stoppen, müssen wir noch härteren Raubbau am Planeten tätigen als bislang. Ist das die Lösung? Wir wissen es im Grunde alle, nein! Herbscht heisst ein Mundartgedicht, das mein Junior einmal in der Schule lernen musste; es war von Blatt für Blatt die Rede und dass es eine lange Zeit ist, eine Jahreszeit eben. Wir leben längst nicht mehr in Jahreszeiten; den Sommer können wir uns locker auch im Winter leisten, und im Sommer können wir Skilaufen, wenn es uns danach ist, auch in Dubai. Ein paar Tonnen CO2 und schon sind wir am anderen Ende der Welt, wo die Blätter eben gerade frisch spriessen. Müssen wirklich die Politiker das Klima retten? Wenn wir uns auf die verlassen, dann geht die Übung schief, das ist sicher. Sollen die ruhig in Glasgow schwafeln, wir bleiben dafür zu Haus und geniessen den Herbst. Ägypten, Türkei oder Thailand mögen ja nett sein, aber wir haben unsere Laubbläser. Es gibt wie erwähnt auch elektrische…

Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen

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