Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: Mission impossible

Martin Neff
Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: zvg)

Schon wieder hat’s einen (meiner Bekannten) erwischt. Diskushernie oder deutsch Bandscheibenvorfall ist eine klassische Volkskrankheit, die natürlich von Fall zu Fall unterschiedlich ausfällt, aber in den meisten Fällen liegt das Problem beim Patienten selbst. Ich weiss das aus eigener Erfahrung, laboriere ich doch selbst schon seit gut vierzig Jahren an meinem Rücken herum. Dabei habe ich schon alles Mögliche versucht.

von Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen

Ich war Dauergast bei vielen Chiropraktikern, habe es mit «dry needling» versucht, war bei verschiedenen Koryphäen der Physiotherapie Stammgast und hatte bereits einen chirurgischen Eingriff, ging zuletzt zum Osteopathen und doch plagt mich das Kreuz noch immer. Und dies nicht etwa, weil alle Anlaufstationen gegen mein Leiden einen schlechten Job gemacht hätten, sondern weil ich selbst einfach zu bequem war meinen eigenen Beitrag zur Linderung zu leisten. Ich will jetzt nicht den Mediziner raushängen, aber in meinen Fall steht fest, dass alle Stationen, die ich jeweils anlief, letztlich auf Symptombekämpfung getrimmt waren. Hatte mich der Chiropraktiker sauber gelöst, war ich oft beschwerdefrei, aber oft nur für eine Weile, denn das Problem lag woanders. Haltung, generell zu viel Sitzen und vor allem keine eiserne Disziplin, wenn es um die Stärkung der Rückenmuskulatur ging. Mittlerweile bin ich etwas fleissiger und siehe da, es hilft. Mehr noch als jede Behandlung zuvor. Man muss nur am Ball bleiben.

Mit der Disziplin ist es in der Wirtschaft auch nicht weit her. Auch da dominiert spätestens seit der Finanzkrise die Symptombekämpfung. Obwohl die Ursachen vieler Verwerfungen bekannt sind, setzt die Politik nicht dort an, sondern löscht vor allem die unmittelbaren Folgen. Sozusagen Cortison für die Wirtschaft, statt einer nachhaltigen Therapie. So ist der Finanzsektor nach wie vor der grösste Unruheherd für das wirtschaftliche Gleichgewicht und gegen die unmittelbaren Schocks, die wir gerade erleben (Ukraine) oder hoffentlich eben hinter uns gelassen haben (Corona), hatte die Politik erneut «nur» die vermeintlich bewährten Mittel zur Hand, die da lauten, Unmengen von Geld «drucken» und Schulden machen.

Selbstverständlich müssen Nutzen und Kosten stets abgewogen werden und im Falle Coronas gab es wahrscheinlich kaum Alternativen, als dort Geld rein zu pumpen, wo es am ärgsten brannte. Doch habe ich den Eindruck, dass die Sicherung des unmittelbaren Wohlstandes in der Politik absolut höchste Priorität geniesst und die Langfristperspektive immer mehr vernachlässigt wird. Primär liegt das natürlich daran, dass die Legislaturperioden zu kurz sind, um wirklich nachhaltig und weitsichtig zu «regieren», sekundär aber auch daran, dass die eher unangenehmen Entscheidungen nur sehr ungern gefällt werden. Man möchte dem Volk, oder besser gesagt den Wählern, ungern etwas zumuten.

Dabei tut die Politik nichts anderes, wenn sie Schuldenberge anhäuft, die irgendwann ja doch vom Volk zurückbezahlt werden müssen. Das ist die eigentliche Zumutung, aber es sind ja nicht wir, sondern zukünftige Generationen, welche für unsere heutigen Fehler einmal geradestehen müssen; was umso tragischer ist, untergräbt dies doch das Vertrauen zukünftiger Wähler in das gesamte System. Dass ein gewisses Unwohlsein schon heute da ist, kann man daran ablesen, dass die traditionellen und lange staatstragenden Parteien immer mehr an Gewicht verlieren, viele Menschen sich von der Politik abwenden und vor den eigentlich gar nicht so komplexen wirtschaftlichen Zusammenhängen kapitulieren. «Man kann sowieso nichts machen», «die machen sowieso, was sie wollen» oder «das versteht sowieso niemand» heisst es dann.

Dabei ist alles sehr einfach. Nachhaltigkeit lautet das Schlüsselwort – in aller Munde zwar, aber dies ohne viel Wirkung. Es bedeutet nichts anderes, als heute so zu leben, dass auch zukünftige Generationen über ausreichend Ressourcen verfügen. Und zwar über mindestens so viele, wie wir heute haben. Dass dies nicht der Fall ist, wissen wir nicht erst seit Fridays for Future. Nachhaltigkeit ist für mich so etwas wie die Mission impossible der Gegenwart. Corona hat uns gezwungen, etliche Gewohnheiten anzupassen, manche gar aufzugeben. Doch das Gewohnheitstier Mensch ist bereits wieder zurück im alten Fahrwasser, nach dem Motto: die Umwelt kann warten. Und der Ukrainekrieg hat zwar die Empathie in uns geweckt, mehr weh tut uns aber, dass wir an den Zapfsäulen deutlich mehr Geld liegen lassen als auch schon.

Und schon grätscht die Politik rein, indem sie die Allokationsfunktion des Preises ausschaltet und Benzin verbilligt – mit mehr Schulden. Dabei herrscht auch bei den heutigen Preisen im Energiemarkt noch krasses Marktversagen, da die negativen externen Effekte fossiler Brennstoffe nur ungenügend eingepreist werden. Und es geht weiter, denn schon bald könnten Atomkraftwerke sozusagen durch die Hintertüre wieder salonfähig werden. Sparen? Fehlanzeige, es muss doch anders gehen, sprich genauso weiter wie bisher! Wieso nicht (mindestens) ein autofreier Pflichttag pro Woche? Wieso nicht auf 20 statt 22 Grad geheizt im Winter? Wieso nicht, wieso nicht, wieso nicht…?

Es gäbe genug Ansätze in Richtung «wahrer» Nachhaltigkeit, doch wären diese mit Verzicht verbunden oder zumindest Änderung von Gewohnheiten. Das will uns aber niemand zumuten, zumindest nicht die Politik und wir selbst schon gar nicht. Nachhaltigkeit funktioniert nur, wenn wir das Übel an der Wurzel packen, also die Ursachen und nicht die Symptome bekämpfen. Doch dafür ist der Mensch offenbar nicht bereit – eine Mission impossible eben. (Raiffeisen/mc)

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