Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: NINJA Warriors

Martin Neff
Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: zvg)

Ich hatte 2008 das Privileg einen von meinem seinerzeitigen Arbeitgeber gesponserten Auslandsaufenthalt zu geniessen. Ich war in New York. Ich wohnte mitten in der City, einen Steinwurf vom berühmten Times Square entfernt und konnte von meinem Fenster aus auf den Hauptsitz von Lehman Brothers blicken. Die hatten an der Fassade eine Leuchtschrift, welche die aktuellen Börsenkurse abspulte. Im zweiten Stockwerk konnten die Mitarbeitenden der Bank ihr Workout im bankeigenen Fitnesscenter geniessen.

von Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen

Stets war ein Kommen und Gehen grosser Limousinen zu beobachten. «Leider» war ich schon wieder in Zürich, als die Magier des Finanzmarktes ihre Koffer packen mussten, weil die Bank pleite war. Lehman Brothers – und nicht nur die, wie sich später herausstellte – hatten es übertrieben mit ihren Spekulationen auf den amerikanischen Immobilienmarkt. Ich hatte nie verstanden, wie man schlechte Kredite mittels Gütesiegel der Ratingagenturen besser machen konnte. Wenn ich fragte, wie das gehe, wurde mir bescheinigt, ich sei halt ein Laie.

NINJA steht heute für «no income, no job, no asset». Das waren die Kunden der Investmentbanken, denen Hypotheken angedreht wurden und der Irrglauben vermitteltet wurde, damit reich werden zu können. Nur allein mit der Wertsteigerung, einem bombensicheren Geschäft, wie sich im wahrsten Sinne bald einmal herausstellen sollte. Die Spekulation auf dem Immobilienmarkt machte manchen Wallstreet-Banker reich und viele Hausbeisitzer arm, so arm, dass manche von ihnen sogar in Zelten hausen mussten, am Stadtrand von San Francisco zum Beispiel. Damals war der Wert der gehandelten Immobilienpapiere hundertmal grösser, als alle Immobilien tatsächlich wert waren.

Alle Finanzkrisen laufen nach demselben Muster ab. Haben die Haie der Wallstreet erst einmal etwas gefunden, mit dem sich Profit machen lässt, sind sie nicht mehr zu bremsen. Vermögenswerte, Immobilien, Firmen, Rohstoffe, Gold und was auch immer werden von Spekulanten in Scheibchen geschnitten und verwürfelt, um sie dann am Markt irrational in unglaubliche Höhen zu katapultieren. Bis das Ganze platzt, wie damals im September 2008.

Wir sind aktuell wieder so weit. Ukraine-Krise sei Dank. Haben Sie die Preisentwicklung von Gas oder Öl beobachtet, oder Weizen? Wieso schiessen die Preise durch die Decke? Brauchen wir plötzlich so viel mehr davon und gibt es kaum mehr etwas davon? Leiden die Menschen Hunger und horten Korn oder Sojabohnen? Das ist natürlich Blödsinn, aber gehandelt wird ein Preis, der Panik widerspiegelt, die von den Börsen in Chicago und London noch gehypt wird, und nicht ein Preis, der sich aus der Konstellation von Angebot und Nachfrage ergibt. Die Preisfindung an den Finanzmärkten ist irrational und völlig spekulativ. Und je mehr Bewegung im Markt herrscht, desto mehr lässt sich damit verdienen. Der arabische Frühling war ein Resultat von Lebensmittelspekulation. Spekulanten generierten somit soziale Instabilität. Es gab auch damals keine Knappheit an Lebensmitteln, die die exorbitanten Preisanstiege hätten rechtfertigen können, aber an den Rohstoffbörsen explodierte der Spread, die Differenz zwischen Angebots- und Nachfragepreisen.

Seit den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts waren Rohstoffmärkte streng reglementiert. Im Jahr 2000 liberalisierten die Wallstreet-Getreuen US-Präsident Clinton und der Fed-Chef Greenspan die Märkte und seitdem herrscht Chaos, sprich Volatilität hoch zehn, denn nun darf jeder auf die Preise von Getreide, Öl oder Metallen wetten. Es ist daher nur eine Frage der Zeit, bis der Krieg in der Ukraine in der dritten Welt zu Unruhen führen wird. Die Spekulationsmaschine läuft bereits wieder auf Hochtouren und die Schweiz dreht eifrig mit, denn hierzulande sind die grössten Spekulanten am Werk. Der undurchsichtige Rohstoffhandel ist in der Schweiz eine Paradebranche mit hohem Wertschöpfungsanteil.

Doch ob da tatsächlich Werte geschaffen werden? Ganz und gar nicht, gerade mal 10’000 Beschäftigte bringen es auf fast so viel Gewinn, wie die gesamte Bautätigkeit eines ganzen Jahres kostet. Die Trader verdienen schwindlig viel Geld auf Kosten der dritten Welt. Wollen wir das wirklich? Wenn die EU endlich beginnt, sich ihrer Sucht nach russischem Öl zu entziehen, wird es Zeit in der Schweiz, den undurchsichtigen Rohstoffhandel an die Kandare zu nehmen. Wir können nicht humanitär und neutral sein auf Kosten der Armen in der Welt. Wenn es irgendwo Regulierung braucht, dann da. (Raiffeisen/mc/pg)

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