Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: Ölkrise 1973 und heute
Die Gespenster der Vergangenheit holen uns ein. Wir glaubten, Krieg in Europa sei undenkbar geworden. Ebenso hielten wir ausgewachsene Ölkrisen für ein Relikt der 1970er-Jahre. Beides hat uns eingeholt. Die aktuelle Energiekrise erinnert in vielerlei Hinsicht an die beiden Ölkrisen der 1970er-Jahre. Deshalb lohnt sich ein Blick zurück – und die Frage, was sich in den vergangenen fünfzig Jahren verändert hat. Die Ölkrisen der 1970er-Jahre rüttelten die Schweiz unsanft aus ihrer Sorglosigkeit wach. Die Bilder autofreier Sonntage brannten sich damals tief ins kollektive Gedächtnis ein. Heute steht das Satellitenbild der Strasse von Hormuz sinnbildlich für die aktuelle Ölkrise.
Öl auch heute noch eine Waffe
Erneut wird Öl als Waffe eingesetzt. Mit der Blockade der Strasse von Hormuz durch das iranische Regime kommen rund 10% des weltweiten Ölhandels zum Erliegen. Beim Ölembargo der OPEC im Jahr 1973 fehlten der Welt täglich 4,5 Millionen Barrel Öl – damals rund 7% des globalen Verbrauchs. Heute erleben wir damit den grössten Ölangebotsschock der Geschichte. Der bisherige Ölpreisanstieg übertrifft bereits den Preisanstieg, den der russische Überfall auf die Ukraine auslöste. Dennoch haben die Auswirkungen des Iran-Kriegs auf die europäischen Gas- und Strompreise nicht annähernd das Kaliber der Energiekrise von 2022. Zwar sind die Grosshandelspreise für Gas seit Ende Februar ebenfalls kräftig angestiegen, im Vergleich zu 2022 verblasst der Anstieg allerdings und ist um ein Vielfaches kleiner. Entsprechend bleiben auch die Strompreise im Rahmen. Dies gilt ebenso für die stark vom Gaspreis abhängigen Düngerpreise. Ein vergleichbarer Preisdruck auf Lebensmittel ist daher nicht angezeigt. Befürchtungen einer Wiederholung der Energiekrise von 2022 sind deshalb fehl am Platz. Die Welt sieht sich gegenwärtig mehrheitlich «nur» mit einem Ölpreisschock konfrontiert – nicht mit einem umfassenden Angebotsschock.
Folgen der Ölkrise 1973
Anfang der 1970er‑Jahre deckte Erdöl rund 80% des Schweizer Endenergieverbrauchs. Öl galt als nahezu unbegrenzt verfügbar, günstig und problemlos. Der Verbrauch hatte sich hierzulande zwischen 1950 und 1970 verzehnfacht. Der Preisschock von 1973, ausgelöst durch das Ölembargo der arabischen Staaten, führte zu einem massiven wirtschaftlichen Einbruch. Das reale Bruttoinlandprodukt (BIP) schrumpfte 1975 um rund 7%, die Inflation erreichte mit knapp 10% historische Höchstwerte und im Industriesektor gingen zwischen 1970 und 1980 rund 244’000 Arbeitsplätze verloren. Zum Vergleich: Während der Coronakrise, als die Welt zeitweise stillzustehen schien, schrumpfte das Schweizer BIP lediglich um 2,1%. Die Krise der 1970er-Jahre löste einen abrupten Strukturwandel aus und prägte die Schweizer wie auch die internationale Energiepolitik über Jahrzehnte.
Was hat sich in 50 Jahren verändert?
Mehr als fünfzig Jahre später ist die Ausgangslage grundlegend anders. Der Anteil von Öl am Schweizer Energieverbrauch liegt heute noch bei rund 46%. Gleichzeitig hat sich die Energieintensität der Schweizer Wirtschaft seit den 1970er‑Jahren mehr als halbiert. Der Energieverbrauch hat sich damit weitgehend vom Wirtschaftswachstum entkoppelt. Trotz einer Verdoppelung der Bevölkerung und einer Vervierfachung des realen BIP ist der absolute Energieverbrauch rückläufig. Heute zählt die Schweiz zu den energieeffizientesten Volkswirtschaften der Welt. Für einen Franken Wirtschaftsleistung benötigt sie deutlich weniger Energie als der globale oder der europäische Durchschnitt.
Die aktuelle Ölkrise trifft eine robustere Schweiz
Entsprechend reagieren Wirtschaft und Preise heute weniger empfindlich auf steigende Ölpreise, obwohl der durch den Iran-Krieg verursachte Angebotsschock grösser ist als jener der 1970er-Jahre. Ein Ölpreisanstieg von 10% dämpft das BIP-Wachstum der Schweiz heute nur noch um etwa 0,05% und entfaltet damit lediglich noch etwa ein Zehntel der Wirkung von 1973. Auch der Inflationseffekt fällt deutlich geringer aus. Alle unsere wirtschaftlichen Szenarien für 2026 gehen deshalb trotz höherer Energiepreise weiterhin von einem Wachstum der Schweizer Wirtschaft aus – wenn auch mit gedrosseltem Tempo zwischen 0,5% und 1,0%, je nach Konfliktverlauf. Selbst im ungünstigsten Szenario bleibt der Wachstumspfad damit positiv und die Schweizer Wirtschaft deutlich robuster als während der Ölkrise der 1970er-Jahre.
Verwundbarkeiten bleiben bestehen
Dennoch bestehen weiterhin Abhängigkeiten. Die Transformation hin zu einer energieautarkeren Schweiz bleibt noch unvollendet. Die Eidgenossenschaft importiert nach wie vor 68% ihrer genutzten Energie, vor allem Erdöl und Erdgas. Während Wirtschaft und Industrie ihre Ölabhängigkeit durch Effizienzgewinne und strukturelle Verschiebungen markant reduziert haben, bleibt der fossile Energieverbrauch bei Haushalten und insbesondere im Verkehr hoch. Rund drei Viertel des gesamten Ölverbrauchs entfallen heute auf den Verkehr; ein weiterer grosser Teil wird nach wie vor für Ölheizungen verwendet. Gleichzeitig hat sich der Exportanteil am Schweizer BIP seit 1970 nahezu verdoppelt. Damit ist die Schweiz heute wesentlich stärker von der globalen Konjunktur abhängig. Ein weltweiter Wirtschaftsabschwung kann die Schweiz deshalb auch dann empfindlich treffen, wenn die höheren Energiepreise für die heimische Produktion grundsätzlich verkraftbar sind. Ein Teil der Abhängigkeit ist demnach nicht verschwunden – sie hat bloss ihre Gestalt verändert. (Raiffeisen/mc/pg)