Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: Riskant, fragt sich nur wie?

Martin Neff
Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: zvg)

St. Gallen – Eben aus dem Urlaub zurück gäbe es natürlich zu erzählen. Zumal wir die diesjährigen Sommerferien im eigenen Land verbrachten und dabei einiges erlebten. Aber ich möchte dies nicht gross vertiefen, sondern lediglich als Aufhänger meiner heutigen Gedanken nehmen und die eine oder andere Beobachtung einstreuen. Unter anderem waren wir auf dem Jungfraujoch, das erste Mal in meinem Leben, wie ich gestehen muss, aber wie ich nach meiner Rückkehr erfuhr, gehörte ich da nicht zu den einzigen Einheimischen, welche dieses Jahr ihre Premiere auf „Top of Europe“ feierten. Schliesslich musste man sich nicht wie all die Jahre davor fürchten, ewig Schlange stehen zu müssen und vor lauter ausländischen Touristen fast keinen Gletscher zu Gesicht zu kriegen.

Corona hat also durchaus seine positiven Seiten, so verheerend die tiefe Auslastung für die vielen Bahnbetreiber, Restaurateure und Läden auch sein mag. In anderen Tourist-Hotspots der Schweiz zeigt(e) sich ein ähnliches Bild. Es gilt des einen Freud, des andern Leid und das fast weltweit. Freude herrscht bei der einheimischen Bevölkerung, die ihre vielbesuchten Schätze für einmal nur für sich hat und sich in Luzern oder Genf so frei bewegen kann, wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Den Bürgern Barcelonas oder Venedigs geht es ähnlich, sie können für einmal aufatmen und mit Recht von „ihrer“ Stadt sprechen.

Keine Rede mehr von „Overtourism“ und Dichtestress, beides Schlagwörter unserer jüngsten Zeit, jedenfalls bis kurz vor Corona. Wer heute nach Barcelona fliegt, wovon auf Grund steigender Fallzahlen wieder abgeraten wird, erlebt diese Stadt wahrscheinlich in einem noch nie gesehenen Licht. Das macht es schon fast wieder reizvoll, ein gewisses Risiko auf sich zu nehmen. Wer hingegen jüngst die Bilder vom Caumasee in Flims oder vom Verzascatal gesehen hat, der fragt sich wahrscheinlich, was die Leute da so alles auf sich nehmen, oft nur um zu posten, dass man auch da war. Gerade jüngere Semester leben ja gern getreu dem Motto „no risk no fun“. Doch von welchem Risiko sprechen wir eigentlich? Ist es heute wirklich riskanter, nach Barcelona zu fliegen als vor zwei, drei oder vier Wochen? Ist Barcelona – wenn überhaupt – gefährlicher als Venedig oder die Warteschlange vor dem Caumasee? Oder ist das alles sowieso nur Humbug, wie mir eine sichtlich entnervte Wirtin auf einer Berghütte im Berner Oberland zu verstehen gab. Sie sagte mir, als ich mit der Kreditkarte anstatt bar bezahlen wollte, Corona sei bei Ihnen absolut kein Thema und ich solle doch gefälligst bar bezahlen, da die anderen Gäste im völlig überfüllten (!) Lokal sonst zu lange warten müssten. Ich hätte der Dame gern noch etwas entgegnet, aber was? Was hätte sie allenfalls Besseren belehrt? Tatsachen! Mir blieb lediglich der Hinweis auf den Bundesrat und dessen Empfehlungen, die aber ohnehin in den Wind geschlagen werden, solange sie nur Gebote und nicht Verbote sind. Wir brauchen dringend Daten, ging mir durch den Kopf.

Schwache Entscheidungsbasis
Leider fehlt es in der grössten Krise der Welt und Wirtschaft nach dem zweiten Weltkrieg genau daran. Wir haben viel zu wenige Fakten, auf deren Basis man einleuchtende und konsistente Kriterien formulieren könnte, wann welche Präventionsmassnahmen eingeführt, verschärft, gelockert oder wieder abgeschafft werden. Wie sonst können aus zwei Metern Abstand ein Meter und Fünfzig Zentimeter werden, Masken mal als nützlich mal als überflüssig bezeichnet oder Risikoländer definiert werden bzw. Länder von einer gleichlautenden Liste genommen werden? Solche Hauruckübungen unterlaufen die Glaubwürdigkeit der Exekutiven und führen bei der Bevölkerung zu einer Art Zermürbung, die schnell einmal Gleichgültigkeit oder Fatalismus Platz macht, sodass schliesslich Empfehlungen oder Gebote in den Wind geschrieben werden. So erging es wohl auch besagter Dame im Oberland, deren Verdruss deutlich zu spüren war und deren Vertrauen in das Bundesamt für Gesundheitswesen nahe Null lag – nach eigenen Aussagen. Das ist auch weiter kein
Wunder bei einer solch dünnen Faktenbasis.

Aktivismus auf vager Grundlage
Wenn es nur annähernd stimmt, dass COVID-19 uns noch lange beschäftigen wird, dann wäre es längst schon an der Zeit (gewesen), Fakten zu schaffen. Die Ironie dahinter: Es folgten auf mangelnde Fakten rasch nicht Worte sondern Taten wie Lockdowns, Quarantänen, Billionenprogramme für die Wirtschaft. In vielen Bereichen unserer Umwelt, Gesellschaft oder Wirtschaft ist es sonst ja genau andersrum. Sie sind zwar faktenreich belegt, aber lösen nur Worte und selten Taten aus. Gut ein halbes Jahr nach Ausbruch der Pandemie werden – auch in den Staatsmedien – noch immer Zahlen heruntergeleiert, die isoliert betrachtet jeglicher Aussagekraft entbehren. Fallzahlen zum Beispiel oder die Anzahl Toter. Gestern in der NZZ unter dem Titel „65 neue Infizierte“ war im Text weiter von bisher Verstorbenen oder von laborbestätigten Fällen die Rede. Immerhin wurden die Daten noch in Relation zur Bevölkerung gesetzt, aber eine Wertung tunlichst unterlassen. Ist das nun schlimm, schlimmer als auch schon oder gar nicht mehr schlimm? Schon ein Anstieg ist heute in der medialen sauren Gurkenzeit eine Meldung wert, obwohl die Fallzahlen an sich im Vergleich zu denen vom März verschwindend klein sind. Das aktuelle Gefasel von der zweiten Welle ist ebenso irreführend und statistisch mangels aussagefähiger Indikatoren gar nicht nachvollziehbar. Was aber vor allem fehlt, ist eine einigermassen vergleichbare internationale Datenbasis. Und doch gibt es Listen von Ländern, die die einen als riskant einstufen, andere wiederum nicht. Da ist es kein Wunder, dass sich mancher langsam fragt, ob und wem man überhaupt noch trauen darf. Wenn die Weltgesundheitsorganisation irgendwo versagt hat, dann am ehesten bei der Schaffung von Transparenz. Es ist ja bereits lobenswert, Fall- oder Todeszahlen wenigstens auf Basis von Bevölkerungszahlen zu gewichten, doch auch das ist viel zu wenig. Was wissen wir über die grosse Masse? Die Antwort lautet: fast nichts.

Mehr Tests!
Riskant ist COVID-19 mit Sicherheit, aber wie riskant wissen wir erst dann, wenn wir vor allem die Dunkelziffern erhellen. Wie viel Prozent der Bevölkerung infiziert sind oder waren wissen wir nicht. Darum haben wir auch keine Ahnung, wie viele (uns nicht bekannte) Infizierte keine Symptome (welcher Art auch immer) hatten. Das sind aber die Angaben, die mindestens nötig wären, um das COVID-19-Risiko quantifizieren zu können und wohl auch der Grund, dass sich mein Berufsstand der Ökonomen nun dafür stark macht, mehr Tests durchzuführen. Kein Wunder, denn fast keine Branche ist dermassen auf verlässliche Daten angewiesen, um seiner Beschäftigung nachzugehen, als die Zunft der Ökonomen. Im Falle von COVID-19 kommt hinzu, dass auch die Zunft der Virologen und letztlich das gesamte Gesundheitswesen im Halbdunkeln tappt. Keine Grundlage für folgenschwere Ein- schnitte ins tägliche Leben und die Wirtschaft. Ein repräsentativer Datenkranz muss her, am besten auf

Basis einer Vollerhebung, bei welcher eine komplette Grundgesamtheit befragt wird, so wie die früheren Volkszählungen. Also sollten wir uns die Fakten schaffen und ja nicht – wie sonst – erst einmal warten, was die anderen (Länder) tun. Nur fürchte ich, dass ein Testgebot etwa gleich viel nützt, wie ein Maskengebot. Eine Testpflicht hingegen wäre was anderes, aber ich höre sie schon, die freiheitsliebenden und selbst- verantwortlichen Eidgenossen, die sich das kaum gefallen liessen. Für die ist ja schon die Maskenpflicht schier unzumutbar oder dass sie kontrolliert werden könnten bei ihrer Rückkehr aus einem „Risikoland“.

Sich von jemandem etwas vorschreiben zu lassen, widerspricht dem ausgeprägten Starrsinn. Entweder wir machen es aus freien Stücken oder gar nicht. Wie riskant ist das eigentlich? Seien wir ehrlich: wir wissen es echt nicht.

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