Die Welt im Display

Die Welt im Display
(Illustration: Christina Baeriswyl / Universität Basel)

Von Noëmi Kern, Universität Basel

Basel – Ein Selfie mit der besten Freundin, ein Bild vor dem Eiffelturm … Was wir erleben, lässt sich mit dem Smartphone in Szene setzen und auf den sozialen Medien teilen. Das beeinflusst, wie wir uns und die Welt wahrnehmen und gestalten.

Was haben Influencerin Kim Kardashian und der absolutistische Herrscher Louis XIV. gemeinsam? Sie zeigen sich auf Bildern von ihrer besten Seite. Andere sollen sehen, was sie haben – sei es Macht, Reichtum, Schönheit … Seit es Menschen gibt, stellen sie sich so dar, wie sie gerne gesehen werden wollen, und manipulieren damit auch die Realität, denn Bildmedien beeinflussen, wie wir die Welt wahrnehmen.

«Wir können über Bilder einerseits Dinge darstellen und andererseits durch sie kommunizieren», sagt deshalb Estelle Blaschke. Sie ist Vertretungsprofessorin im Fachbereich Medienwissenschaft an der Universität Basel und befasst sich in ihrer Forschung unter anderem mit der Geschichte und den Praktiken der digitalen Fotografie.

Laut der Medienwissenschaftlerin leben wir schon lange in einem Zeitalter der Bilder. Das Smartphone und dessen Allgegenwärtigkeit in unseren Hosentaschen seit 2007 sind ein wichtiger Schritt in dieser Entwicklung: Das Display erlaubt es, das Bildmaterial in Echtzeit anzusehen und sofort zu entscheiden, was damit geschieht. Und dank Breitbandinternet lassen sich die Bilder direkt verschicken oder auf Plattformen in die sozialen Medien veröffentlichen.

Das Smartphone bezeichnet Blaschke deshalb als Werkzeug der Ermächtigung. Es ermöglicht jedem und jeder, Fotos und Videos in guter Qualität herzustellen – von uns selber, von anderen und von allem, was in irgendeiner Form auffällt, interessant ist, erlebt wird und geteilt werden will oder als erinnerungswürdig scheint. Das ist durchaus als Grundlage kreativer Prozesse zu verstehen, davon ist Blaschke überzeugt.

Ein Bild von sich machen
Das Aufkommen der Fotografie ab dem Anfang des 19. Jahrhunderts machte es möglich, schneller, einfacher und kosteneffizienter ein Abbild von sich machen zu lassen als je zuvor. Plötzlich konnte es sich eine breitere, westliche Bevölkerungsschicht leisten, sich auf Bildern auf eine bestimmte Art und Weise zu präsentieren und zu inszenieren. Es entwickelte sich das Fotostudio als Geschäftsmodell. Durch Pose und Dekor sowie die Anleitung durch die Fotografinnen und Fotografen entstanden bestimmte Codes und Stereotypen in der Darstellung des Selbst.

«Man konstruierte mithilfe dieser Studioporträts ein ‹Image› von sich. Oder anders gesagt: Wir zeigen in der Fotografie, wie wir gesehen werden wollen, in Reaktion auf sowie Abgrenzung zu anderen», sagt Blaschke. Diese Bilder, von denen man oft mehrere Abzüge machen liess, tauschte man als sogenannte «carte de visite», sprich Bildvisitenkarten aus und erweiterte dadurch das eigene Netzwerk.

Dies unterstreicht das soziale Moment der Fotografie, das auch in den sozialen Medien gilt. Wer freut sich nicht über Likes und positive Kommentare zu hochgeladenen Bildern? Über diese Plattformen lassen sich viel mehr Menschen erreichen als mit dem analogen Fotoalbum oder der Diashow im Wohnzimmer, auch solche ausserhalb der eigenen sozialen Struktur.

Das führt laut Blaschke zu einer verstärkten Form der Bildnarration und Inszenierung, um Aufmerksamkeit zu generieren. «Durch die Selfie-Kultur hat sich das Prinzip der Selbstinszenierung auf Fotos nochmals neu konfiguriert», sagt die Medienwissenschaftlerin. «Es macht einen grossen Unterschied, ob wir selber den Auslöser drücken oder jemand anderes. Durch die Option des Selfies machen wir uns selber zum Inhalt und produzieren diesen.» Das Selfie partizipiere an der Konstruktion des Ichs. Es bietet Blaschkes Meinung nach die Möglichkeit zu einem spielerischen und experimentellen Umgang mit dem Selbst, indem man verschiedene Perspektiven, Posen, Hintergründe, Bild, Text und Reaktionen ausprobieren kann.

Jeder Schnappschuss ein Treffer
Die digitale Fotografie, wie wir sie heute kennen, bildet die reale Welt jedoch nicht einfach ab. «Die Hersteller der Smartphones setzen schon seit Jahren auf die Verbesserung der Kamerafunktion und über die Voreinstellungen wird jedes Bild automatisch an ein programmiertes Ideal angeglichen», weiss Estelle Blaschke.

Was als «ideal» gilt, wird immer wieder neu verhandelt. Allerdings spielen hierbei nicht allein die User eine Rolle. Algorithmen bevorzugen jene Bilder, die besonders viele Reaktionen und Interaktionen auslösen. Was Reichweite erzeugt, gewinnt in der Aufmerksamkeitsökonomie. Aufgrund der von den Algorithmen errechneten Selektionskriterien werden Sichtbarkeiten beeinflusst. Entsprechend viel Macht haben Influencer wie Kim Kardashian. «Sie beeinflussen die Stereotype der Darstellung, etwa des weiblichen Körpers», so Blaschke. «Diese fliessen wiederum in die Ästhetiken von Filtertechnologien. In Porträts etwa wirken – je nach App oder im Bildprozess integrierte Filter – die Augen grösser, die Nase kleiner, die Lippen voller, der Teint gesund und die Haut rein.»

Und mit der einfachen Anwendung von Funktionen wie «magic touch» von Google Pixel lassen sich noch weitere Formen der maschinellen Eingriffe beobachten. Eine Touristengruppe, die im Hintergrund durchs Bild läuft, wird einfach wegretuschiert.

Estelle Blaschke spricht in diesem Zusammenhang von einer Artifizialisierung der Welt. Auf der anderen Seite gestalten wir unsere Umwelt so, dass sie möglichst fotogen ist, was Blaschke als Ästhetisierung bezeichnet. «Die Welt der Bilder und die reale Welt sind eng miteinander verknüpft und sie beeinflussen sich gegenseitig.»

All das führt dazu, dass Fotos nicht nur die Welt abbilden, sondern gewissermassen eine bessere Version von ihr und von uns selbst, mitunter ohne dass wir es wirklich merken. Im schlimmsten Fall gefallen wir uns auf den optimierten Selfies gar besser als in der Realität.

Per se schlimm sei das nicht, denn: «Auf Social Media suchen wir nicht in erster Linie nach Echtheit.» Problematisch findet Blaschke vielmehr die Undurchsichtigkeit und damit Unkontrollierbarkeit der Algorithmen. «Wir haben keinen Zugriff zum Code und die Betreiber der Plattformen tun auch nichts dafür, dass sich das ändert, im Gegenteil.» Bewusst vage bleibt seitens der Anbieter auch, was alles mit den hoch geladenen Bildern und den damit verknüpften Metadaten geschieht. Fest steht nur, dass diese ausgewertet und genutzt werden und etwa in die Personalisierung von Suchergebnissen und die Weiterentwicklung des maschinellen Sehens fliessen.

Allen Risiken zum Trotz sieht Estelle Blaschke auch Chancen in der einfachen Bildproduktion dank Smartphone und den Möglichkeiten, die sich aus dem Teilen von Fotos und Videos ergeben. «Innerhalb der Normierungstendenzen ist eine grosse Vielfalt möglich. Medien werden schliesslich von ihren Nutzerinnen und Nutzern auch immer neu geformt: Sie nutzen diese anders und vielfältiger, als dies von der technologischen Anordnung her angelegt ist.»

Weitere Artikel in der aktuellen Ausgabe von UNI NOVA. (Universität Basel/mc/ps)

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