Freedom24: Antizyklisches Investieren – Strategie mit aktuellen Chancen

Freedom24: Antizyklisches Investieren – Strategie mit aktuellen Chancen
Von Silvano Grimaldi, GRIMALDI & PARTNERS AG, Zürich.

Berlin – „Kaufen, wenn die Kanonen donnern, verkaufen, wenn die Violinen spielen.“ Diese Börsenweisheit stammt vom deutschen Bankier Carl Mayer von Rothschild und beschreibt antizyklisches Investieren. Präziser gesagt: Anleger sollen Chancen dort suchen, wo die Mehrheit pessimistisch ist, und Gewinne dann mitnehmen, wenn der Optimismus überhandnimmt. Die Finanzexperten des internationalen Online-Brokers Freedom24 untersuchen, inwiefern diese Strategie aufgeht – mit aktuellen Beispielen.

Eine der bekanntesten statistischen Studien zum antizyklischen Investieren ist die der Wirtschaftswissenschaftler Werner De Bont und Richard Thaler. In „Does the Stock Market Overreact?“ (1985) analysieren sie Aktien im Zeitraum von 1930 bis 1977, gegliedert in „Gewinner“ – Aktien mit den besten historischen Renditen – und „Verlierer“ – Aktien, die deutlich hinter der Marktentwicklung geblieben sind.

Das Ergebnis: In den folgenden 36 Monaten erzielte das Portfolio der „Verlierer“ eine Überrendite von etwa 19,6 % gegenüber dem Markt, während das Portfolio der „Gewinner“ um etwa 5 % hinter dem Markt zurückblieb. Somit belief sich der Unterschied zwischen „Verlierer“ und „Gewinner“ auf rund 24,6 Prozentpunkte.

„Das Ergebnis sollte jedoch nicht als direkter Beweis für die Irrationalität des Marktes verstanden werden. Antizyklisches Investieren ist keine Hauruck-Investmentstrategie“, erläutert Dominik Mayr, Director bei Freedom Finance Germany GmbH (Tied Agent bei Freedom Finance Europe Ltd.).

Antizyklisches Investieren in sieben Schritten
Mayr beschreibt den idealen antizyklischen Anleger als jemanden, der einem Grundgedanken Warren Buffetts Kernstrategie folgt: Er sollte nicht nach einem Kursrückgang Ausschau halten, sondern nach der Abweichung zwischen dem Kurs und dem fundamentalen Wert der Aktie.

Ein Beispiel: Der Kurs eines fiktiven Unternehmens ist in den letzten sechs Monaten um 40 % gefallen. Wenn der Kursrückgang auf ein temporäres Problem, wie zum Beispiel Lieferschwierigkeiten bei einem Zulieferer, zurückzuführen ist, stellt die Aktie eine interessante Gelegenheit für einen antizyklischen Anleger dar. Wenn das Unternehmen jedoch strukturell weiterhin Marktanteile verliert, seine Margen schrumpfen und es seine Prognosen nach unten korrigiert, bedeutet ein niedriger Kurs nicht zwangsläufig, dass der Markt hier falsch liegt.

Daneben sollte laut Mayr auch die Anlegerstimmung betrachtet werden: Bei einer negativen Stimmung können die Unternehmen, die darauf am empfindlichsten reagieren – also kleine, volatile, verlustbringende und in Schwierigkeiten geratene Unternehmen – anschliessend höhere Renditen erzielen. Dies steht Mayr zufolge im Einklang mit der Grundlogik des antizyklischen Investierens. Denn je stärker negative Erwartungen bereits eingepreist sind, desto geringer muss eine positive Überraschung ausfallen, damit sich der Kurs erholt. Gleichzeitig sind es jedoch genau diese Unternehmen, die ein erhöhtes fundamentales Risiko bergen.

„Deshalb lässt sich das antizyklische Investieren nicht darauf reduzieren, einfach nur die unbeliebtesten Aktien auszuwählen. Unbeliebtheit ist eine Voraussetzung für die weitere Analyse, aber kein alleiniger Kaufgrund“, erklärt Mayr.

Aus diesem Grund sieht er für das antizyklische Investieren sieben Schritte als erforderlich an:

  1. Einschätzung des Kursrückgangs: Inwieweit bleibt die Aktie hinter ihrem Sektor, dem Markt und ihrem historischen Durchschnitt zurück?
  2. Analyse der Marktstimmung: Je negativer diese ist, desto weniger positive Überraschungen müssen eintreten, damit sich der Aktienkurs wieder erholt.
  3. Bewertungsprüfung: Nach einem Kursrückgang kann das Unternehmen im Verhältnis zu seinen zukünftigen Gewinnen und seinem Cashflow immer noch zu teuer sein.
  4. Überprüfung der Fundamentaldaten: Stabilisieren sich Umsatz, Margen, Gewinn pro Aktie und freier Cashflow?
  5. Identifikation eines Katalysators: Was könnte die Marktwahrnehmung des Unternehmens verändern? Zum Beispiel verbesserte Margen, eine Erholung der Nachfrage oder ein neues Produkt?
  6. Festlegung eines (längeren) Zeithorizonts: Wenn der erwartete Kursgewinn auf fundamentaler Markterholung basiert, geschieht dies selten binnen weniger Wochen.
  7. Identifikation der Verkaufsbedingungen: Sollte die ursprüngliche Anlagechance aufgrund einer verschlechterten Geschäftslage und Kursentwicklung nicht mehr bestehen, erfolgt der Verkauf.

Aktuelle antizyklische Investmentchancen
Mithilfe dieser sieben Schritte identifiziert Mayr drei aktuelle Möglichkeiten für antizyklische Anleger:

Adobe: Einpreisung einer zu grossen Bedrohung durch KI
Der Markt preist eine Verschlechterung von Adobes Geschäftsmodell ein, während die Finanzergebnisse weiterhin stark sind. Sollte es Adobe gelingen, KI von einer Bedrohung in eine neue Einnahmequelle zu verwandeln und seine wiederkehrenden Umsätze zu stabilisieren, könnte die aktuelle Bewertung die Grundlage für eine Neubewertung bilden.

Deutsche Telekom: unterbewertete Vermögenswerte
Der Markt bewertet die Komplexität der Konzernstruktur und die damit verbundene strategische Unsicherheit zu negativ, während er gleichzeitig den wachsenden Cashflow, den Wert von TMobile US und die europäischen Vermögenswerte unterschätzt.

China: der gesamte Markt als antizyklische Investmentchance
Chinesische Aktien zeichnen sich durch niedrige Bewertungen und anhaltende Anlegerskepsis aus, während erste Gewinnverbesserungen eintreten.

„Grundsätzlich handelt es sich beim antizyklischen Investieren um das Identifizieren von Situationen, in denen die Markterwartungen hinsichtlich zukünftiger Fundamentaldaten übermässig pessimistisch geworden sind. Für Anleger heisst das konkret: Eine Aktie nicht deshalb kaufen, weil ihr Kurs gefallen ist, sondern nach einer Aktie Ausschau halten, die stärker gefallen ist, als sich ihre fundamentalen Aussichten verschlechtert haben. Gerade in dieser Lücke zwischen Kurs und Erwartungen kann eine antizyklische Investmentchance liegen“, schliesst Mayr ab. (Freedom24/mc/ps)


Über Freedom24
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