Robert Jakobs Wirtschaftlupe: BIP mit falschem Mass und Ziel

Robert Jakobs Wirtschaftlupe: BIP mit falschem Mass und Ziel
Buchautor und Moneycab-Kolumnist Robert Jakob.

Von Robert Jakob

Was haben Naturkatastrophen, Massenkarambolagen auf der Autobahn und ansteckende Krankheiten gemeinsam? Antwort: Sie belasten nicht das Bruttoinlandsprodukt.

Nun, diese Kritik am BIP ist nicht ganz neu. Das Bruttoinlandprodukt enthält Grössen, die lediglich Wohlstandsverluste ausgleichen. So werden nach verheerenden Stürmen, Erdbeben oder Überschwemmungen die Wiederaufbauarbeiten als BIP-Zuwachs und damit wie ein Gewinn verbucht, obwohl eigentlich nur beschädigtes Gut, beispielsweise Schäden an Häusern oder Autos, wiederhergestellt wurde. Das täuscht also einen Wohlstandszuwachs vor, nachdem eigentlich ein Verlust entstanden ist. Diese Vorgehensweise ist ein Unding. Ein anständiger Garagist freut sich ja auch nicht über Eisregen, weil danach so schön viele Autos ineinander krachen.

Handkehrum lässt das vielzitierte BIP eine ganze Reihe von Wirkungen aussen vor, die den Wohlstand kräftig erhöhen. Klassisches Beispiel ist die unentgeltliche Hausarbeit. Do-it-yourself steigert zweifellos den Wohlstand, wird allerdings in der BIP-Bilanz gar nicht erfasst, höchstens das dafür im Baumarkt eingekaufte Material, nicht jedoch die Arbeit. Häusliche Pflege von Angehörigen und auch die Erziehung erzeugen keine Geldwerte. Sie werden stets volkswirtschaftlich ausradiert und damit leider dem Fokus politischen Handelns entzogen. Dabei wäre deren Erfassung und Wertschätzung gerade in Krisenzeiten wichtig.

Die Bedingungen, unter denen das BIP entsteht, werden natürlich ebenso nicht berücksichtigt. Ob jemand voller Freude seiner Arbeit nachgeht oder zumindest einen tiefen Sinn in ihr sieht, spielt für das Wohlbefinden des Betroffenen eine Riesenrolle. Für das BIP zählt aber nur das schnöde Gehalt.

Verheerende Coronabilanz?
Die Pandemie hat, gemäss der World Tourism Organization der Vereinten Nationen, allein der Tourismusbranche rund zwei Billionen Dollar Umsatzverlust eingebrockt. Dieser Verlust steht wirklich an. Denn es wurde wenig verreist, übernachtet und auswärts verspeist. Umweltschützer mögen den verhinderten CO2-Ausstoss beklatschen, Glücksforscher den Verlust an erholsamen Stunden beklagen.

Unzweifelhaft schädlich sind auch die Folgen von Betriebsschliessungen, egal ob Shutdown light oder Shutdown heavy. Das Deutsche Ifo-Institut errechnete für eine Shutdown-Dauer von zwei Monaten je nach Szenario Kosten zwischen 250 und 500 Milliarden Euro und im schlimmsten Fall ein Absacken der Jahresrate des BIP um 11,2 Prozent. Bekanntlich waren die Corona-Massnahmen generell nicht so streng. Dadurch erklärt sich jetzt zumindest teilweise der nur bescheidene Rückgang des Bruttoinlandproduktes. Er ist weitgehend mit der Produktionslücke identisch.

Auf ähnliche Grössenordnungen kommt das «Institute for Government analysis of Office for Budget Responsibility» im Vereinigten Königreich. Das eingeschränkte BIP-Wachstum soll sich in einem drei Prozent tieferen Bruttosozialprodukt gegenüber dem ungestörten Wachstumspfad manifestieren. Genau dasselbe lässt sich in der Schweiz beobachten. In den letzten zwei Jahren wich das BIP um drei Prozent vom potenziellen Wachstum nach unten ab. Das klingt alles gar nicht so schlimm. Die Gefahr besteht aber im wiederholten Aufflammen der Infektionen (Omikron padme hum).

In den letzten Jahren erzielten die USA im Schnitt 3% BIP-Wachstum. Im Coronajahr 2020 fiel das BIP pandemiebedingt um 3,5%. Das ungehinderte Wüten des SARS-CoV-2 kostete die USA 6,5 BIP-Prozente oder rund 1,3 Billionen Dollar. Das Bruttoinlandsprodukt der USA erreicht im Jahr 2020 20,89 Billionen US-Dollar. Für das Jahr 2021 wird bereits wieder ein BIP von knapp 23 Billionen US-Dollar prognostiziert. Damit dürfte der Einbruch genau wieder aufgeholt sein.

Das grenzt an Hexerei. Oder ist es Augenwischerei?

Der Tod hat auch ein Preisschild
Genaugenommen haben die USA die Coronakrise vollkommen vergeigt. Die bis jetzt 800’000 Toten repräsentieren 2,5 Promille der Bevölkerung. Anders ausgedrückt: Jeder 400ste Amerikaner ist an Corona gestorben. Hinzu kommt noch die Morbidität durch Long Covid, die niemand als Produktionslücke bilanziert.

Das Jahr 2020 hat in fast allen etwas reicheren Ländern die Lebenserwartung zusammengestaucht, wobei der durchschnittliche US-Amerikaner 1,98 Jahre verlor. Schlimmer sah es nur in Russland aus. Hier sank sie um 2,32 Jahre (Quelle: BMJ 2021; 375 doi: https://doi.org/10.1136/bmj-2021-066768) (pub. 03 November 2021, s. Abbildung).

In den meisten Ländern ging die Lebenserwartung deutlich zurück und stieg die Zahl der durch vorzeitige Todesfälle verlorenen Lebensjahre sprunghaft an. In 31 der untersuchten Staaten gingen im 2020 zusammengenommen über 28 Millionen Lebensjahre verloren. (Das waren mehr als fünfmal mehr als im katastrophalen Grippejahr 2015). Die tatsächliche Zahl der weltweit verlorenen Lebensjahre ist um ein Vielfaches höher, weil die meisten Länder Asiens, Afrikas und Lateinamerikas aufgrund fehlender Daten nicht in die von der Universität Oxford angeführten Studie einbezogen werden konnten.

Schätzt man den produktiven Wert eines einzelnen durchschnittlichen Menschenlebens allein in den reicheren Ländern auf 3 Millionen Euro, so ging im Jahr 2020 mit Sicherheit bereits ein Wertschöpfungspotential von über einer Billion Euro unwiederbringlich verloren. Das ist mehr als ein ganzes Prozent des weltweiten BIP.

US-Wissenschaftler kommen hochgerechnet auf dreimal höhere Verluste (Robinson L. COVID-19 and uncertainties in the value per statistical life. Regulatory Review. 8/5/20.). Diese Verluste werden jedoch in keiner BIP-Berechnung vorkommen. David Cutler, Professor für Angewandte Wirtschaft an der Harvard Universität, schätzt die direkten Verluste für die USA auf über 7 Billionen Dollar und schlägt noch einmal weitere 8 Billionen langfristig für Long Covid drauf.

Ebenfalls nicht auf der negativen Seite der Bilanz finden sich die Gesundheitskosten, da sie, so will es die buchhalterische Logik, auf der Aktivseite aufgeführt sind. In der Eidgenossenschaft betrugen diese im Jahr 2020 gut zwei Milliarden Franken (davon allein 10% für die Corona-Tests). Die zusätzlichen Gesundheitskosten machen 3 Promille des BIP aus und gehören eigentlich als negativer externer Effekt der Coronakrise vom BIP abgezogen und nicht hinzuaddiert.

Der grösste Kostenfaktor in der Schweiz war übrigens letztes Jahr allein die Kurzarbeiterentschädigung (10,775 Milliarden) und der Covid-Erwerbsersatz (2,201 Milliarden) mit zusammen knapp 13 Milliarden Franken oder knapp 2 Prozent des heimischen BIP. Sie stellen reale Produktivitätsausfälle dar, obwohl ihr indisputabler volkswirtschaftlicher Nutzen darin besteht, dass sie Friktionskosten durch Massenentlassungen verhindern. Dieses Geld lindert auch einen Teil des Leides, der durch die unsauberen BIP-Bilanzen kaschiert wird. Die Schweiz gab pro Kopf dreimal so viel Kurzarbeitergeld wie Deutschland aus, was sich im letzten Jahr durch einen nur halb so steilen prozentualen Anstieg der Arbeitslosenrate auszahlte.


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2 thoughts on “Robert Jakobs Wirtschaftlupe: BIP mit falschem Mass und Ziel

  1. Wenn man das gelesen hat, fragt man sich, wozu das BIP überhaupt noch gut ist. Aber die Volkswirte – insbesondere die universitären – „messen“ überhaupt etwas seltsam. Inflationsraten sind ein schönes Beispiel. Und wenn ihnen die Ergebnisse ihres „Messens“ nicht gefallen, dann wird herumgetrickst oder z.B. eine „Kerninflation“ erfunden. Aussagen von Volkswirten sind zudem sehr durch ihre politischen Ausrichtung geprägt. Die Ökonomie ist darum eher so etwas wie Alchemie und keine Wissenschaft.

  2. Danke für Ihren Kommentar Herr Lebsanft, und Sie haben Recht, dass die Inflationsraten immer gerne schöngerechnet werden, wobei die Ökonomen den Politikern unter die Arme greifen mit CPI bis HVPI und allerlei Korrekturen von hedonic pricing bis zur Ersatzwarenkorbmethode.

    Ich rechne daher die reale Inflation der Schweiz immer überschlagsmässig zu 50 BP höher, die in Deutschland zu 1% höher und die in den USA mit 3 Prozent Zuschlag.

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